Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Members aahke Meteor Blog M76/3b August 2008 Texte Meteor-Logbuch 12. August: Das ROV-Kabel ist gebrochen!

Meteor-Logbuch 12. August: Das ROV-Kabel ist gebrochen!

erstellt von aahke zuletzt verändert: 17.11.2016 12:08 — abgelaufen

An Bord der METEOR treten ernsthafte Probleme auf: Das Glasfaserkabel des ROVs ist gebrochen und der Roboter somit nicht einsatzfähig. Fahrtleiterin Antje Boetius und ihre Crew haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Katastrophe, den Abbruch der Fahrt, abzuwenden: Heute im Logbuch ihr Bericht zu den Geschehnissen der vergangenen zwei Tage.


Planeterde Blog

Spielt die Artenvielfalt von Tiefseelebewesen eine Rolle für das Klima unseres Planeten? Fragen rund um das Thema Meeresforschung beantworten direkt von Bord der FS Meteor  Fahrtleiterin Prof. Dr. Antje Boetius und ihre Crew.  In Kooperation mit dem Geoportal planeterde.de  führen sie vom 17.07.08 bis zum 24.08.08 einen Science-Blog  zur METEOR Expedition M76/3 GUINECO - MARUM Forschung zu Fluid- und Gasaustritten vor Westafrika. Technischer Mittelpunkt der Expedition ist der ferngesteuerte Unterwasserroboter QUEST4000 des MARUM, mit dem ein umfangreiches Beprobungs- und Messprogramm geplant ist. Tauchen Sie mit ihm an Orte ab, die noch kein Mensch je zuvor gesehen hat: entdecken Sie eine faszinierende Meeresfauna und begleiten Sie die Tiefseeforscher bei ihrer Arbeit an den Gas- und Fluidquellen!

Die Fahrt M76/3b ist ein Gemeinschaftsvorhaben des MARUM - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen und seinen Partnerinstituten MPI  und AWI  sowie dem französischen Forschungsinstitut IFREMER und der Universität Paris.

Mehr Informationen über das aktuelle Meteor-Logbuch, zur Übersicht der Blogs und Expedition M76/3B:

Logo planeterde Blog weißer Hintergund



12. August 2008 (Autorin: Antje Boetius)


FS Meteor: Shadow

Aktuelle Position


English version

Antje Boetius: PortraitDie Autorin ist Fahrtleiterin Antje Boetius (siehe auch BLOG vom 25. Juli)






Das ROV Kabel ist gebrochen!

12. August: Bild 1











Alle Bilder zeigen die Aussicht von der Brücke auf die umliegenden Explorations- und Ölbohr-Plattformen (Fotograf: Volker Asendorf)


Einige Male haben wir an dieser Stelle schon über technische Probleme mit unserem Hauptarbeitsgerät, dem Unterwasserroboter QUEST4000 des MARUM berichtet, und über den bisherigen Erfolg des ROV Teams, alle größeren Fehler schnell wieder zu beheben. Daher war ich sehr enttäuscht in der Nacht vom 11. zum 12. August vom Teamchef Volker Ratmeyer (siehe auch BLOG vom 11. August) zu hören: „Das Glasfaserkabel von QUEST ist gebrochen, und wir können es nicht mehr auf See reparieren.“

 „Das Glasfaserkabel von QUEST ist gebrochen, und wir können es nicht mehr auf See reparieren.“

Was war passiert: Der Tauchgang 224 am Abend des 11. August wurde in 1500 m Wassertiefe wegen eines Blackouts - also eines Ausfalls der Datenübertragung - abgebrochen. Die unangenehme Folge war eine so genannte „Totes-Fahrzeug“-Bergung, ein gefürchtetes Manöver, da das ROV ohne Ansteuerung und ohne Eigenbewegung an seinem empfindlichen Kabel per Winde geborgen werden muss und dadurch erhebliche Schäden entstehen können. Aber durch die exzellente Unterstützung der Decks- und Brückenbesatzung ging die Bergung problemlos vonstatten. Und nur eine Stunde nach der Bergung kam die schlimme Diagnose: in den letzten 20 cm direkt vor der Verbindung zum ROV saß der Fehler, die Glasfaser war gebrochen. Unter normalen Umständen hätte unser ROV Team auch das repariert, aber da wir ja schon die ganze Fahrt über Probleme hatten und immer wieder Reparaturen anfielen, war inzwischen der letzte Stecker verbraucht. Man kann nicht mal sagen, dass zu wenige Ersatzteile eingepackt wurden – denn im Vergleich zu allen bisherigen Expeditionen war der Bedarf an Verbrauchsteilen mehr als fünfmal so hoch, und damit konnte keiner rechnen.

12. August: Bild 2











Scheitert die Expedition?

Ihr könnt Euch sicher vorstellen, was das für eine Expedition wie diese bedeutet, die die hoch auflösende Untersuchung von besonderen Tiefseeökosystemen zum Ziel hat, wenn ein Drittel aller Tauchgänge abgesagt werden, weil ein Stecker fehlt. Sobald ich Kapitän, Wissenschaftler und unsere Kollegen an Bord informiert hatte, kam jeder mit guten Ratschlägen. Von Land kamen erste Vorschläge für ein Ersatzprogramm – wir an Bord wollten uns so leicht nicht geschlagen geben und hofften auf eine Eingebung, das Problem lösen zu können. Das ROV Team experimentierte mit den Geochemikern mittels aller möglichen chemischen Lösungen schon verbrauchte Stecker wieder einsatzfähig zu machen, Frank Wenzhöfer kramte durch das Mikrosensorzubehör, um eine Möglichkeit zu finden das Glasfaserkabel zu reparieren, Volker Ratmeyer schlug vor, die umliegenden Ölbohrplattformen anzufahren, um nach Ersatzteilen zu fragen, und ich setzte mich an Email und Telefon, um zu versuchen Ersatzteile aus Deutschland nach Westafrika zu kriegen.

12. August: Bild 3

Die Rettung ist zum Greifen nah!












Am Morgen des 12. August hatten wir die Bestätigung, dass Ersatzteile am MARUM der Uni Bremen zur Verfügung stehen. Bis zum Mittag eruierte ich mit verschiedenen Kurier und Logistikdienste, ob uns innerhalb von kurzer Zeit ein Päckchen mit den Steckern zugestellt werden könne. Dann kam die erlösende Email: die Logistikfirma, die auch sonst die Versendung von Fracht zu und von METEOR organisiert, könne einen Transport bis zum 14 August realisieren, wenn METEOR die Stecker aus dem nächst gelegenen Hafen abholen würde.

Natürlich bedeutet so eine Aktion eine enorme Abweichung vom wissenschaftlichen Arbeitsplan und führt eine Vielzahl von Abstimmungen, Diskussionen und Kommunikationsvorgängen zwischen Schiffsführung, Fahrtleitung, Leitstelle und Reederei sowie Universität mit sich. Denn so ein Umweg kostet nicht nur wertvolle Schiffszeit, an diesem Ende der Welt ist ein Hafenbesuch mit hohen Kosten, logistischen und diplomatischen Problemen wie auch Sicherheitsbedenken verbunden. Doch schien der Plan unsere beste Chance, noch vor Ende der Reise einige Tauchgänge zu ermöglichen. Also baten wir nach einiger Beratung um die offizielle Genehmigung, Transport und Einlaufen zu realisieren. Um keine Zeit zu verlieren, fingen wir dann auch gleich in der Nacht vom 12. zum 13. August an, die andere Möglichkeit umzusetzen, nämlich Ersatzteile von den umliegenden Ölbohrplattformen zu erfragen.

12. August: Bild 4











Ölbohrplattformen erwiesen sich als schlechte Nachbarn

Unsere wissenschaftlichen Arbeiten zielen ja darauf ab, zu untersuchen wie auf natürliche Weise am Meeresboden austretendes Gas die Tiefseeumwelt beeinflusst. Aber natürlich gibt es auch ein hohes wirtschaftliches Interesse an dem Gas und Öl des westafrikanischen Kontinentalrandes. Daher sind in unserer Nähe eine Vielzahl verschiedener Explorations- und Ölbohrplattformen (Bilder 1-4). In der industriellen Öl- und Gas-Exploration wird sehr viel mit ROV-Technologie gearbeitet, daher hatten wir die Hoffnung, von einer der Plattformen die begehrten Stecker erhalten zu können. Das hätte enorm viel Schiffszeit und auch Geld gespart. In Abstimmung mit dem Kapitän halfen uns die nautischen Offiziere von 4 Uhr morgens an bis zum späten Vormittag des 13., eine Plattform nach der anderen per UKW Funk anzurufen, die Beschreibung der technischen Details übernahm dann Volker Ratmeyer. Ein bisschen kamen wir uns ja wie die Bettler vor – vor allem weil die Antworten der Ölbohrplattformen eher negativ waren. Die meisten reagierten nicht mal auf die Funksprüche, andere hatten Stecker, wollten aber nichts abgeben, bis wir dann endlich mal auf einen freundlichen Plattform-Manager stießen, der zwar auch keine Ersatzteile an Bord hatte, aber uns anbot, ihren Hubschraubertransport ein paar Tage später zu nutzen.

Gerettet!

Aber dann kam die Erlösung: Am Mittag des 13 August erhielten wir von der Leitstelle und Reederei die Genehmigung das Päckchen mit Ersatzteilen im nächsten Hafen abzuholen. In weniger als 24 Stunden hatten sich somit alle Beteiligten geeinigt, dass die Ermöglichung auch nur einiger weniger Tauchgänge mehr zu den faszinierenden Tiefseeökosystemen des Westafrikanischen Kontinentalrands von so hohem wissenschaftlichen Wert sind, dass die oben beschrieben Hürden uns nicht stoppen sollten. Nun sind wir also auf dem Weg in den Hafen und hoffen sehr, dass wir die wichtige Fracht schnell übernehmen können und übermorgen abend schon wieder mit ROV QUEST im Wasser sein können.

Mit vielen Grüßen und herzlichem Dank an alle, die mitgeholfen haben, eine Lösung zu finden

Antje Boetius


Verweise
Bild(er)