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Abgang eines Europäers

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.08.2007 14:33

Der Neandertaler ist eine europäische Entwicklung. Man hat zwar Überreste dieser Menschenform auch in Asien bis hin nach Usbekistan und im Nahen Osten gefunden, doch diese gehören einer fortgeschrittenen Entwicklungsstufe des Neandertalers an und sind dort eingewandert. In Israel dürfte das wohl erst vor 70.000 Jahren geschehen sein und dort verdrängten die Neandertaler offenbar die modernen Menschen. Nach dem derzeitigen Wissensstand haben sich der anatomisch moderne Mensch, von dem wir abstammen und der Neandertaler etwa parallel entwickelt, in weit auseinander liegenden Gebieten und unter klimatisch äußerst verschiedenen Umständen. Beide stammen vom Homo heidelbergensis ab, der in Afrika entstand und spätestens vor 600.000 Jahren im damals menschenleeren Europa auftauchte.

Vor 300.000 Jahren begann in Europa die Entwicklungslinie zum Neandertaler hin. Die typischen Merkmale tauchten auf: wuchtige, wulstartige Bögen über den Augen, die allerdings nicht wie beim Homo heidelbergensis einen durchgehenden Balken bilden, eine flache Stirn und eine ausgeprägte, hervorstechende Nase. Verglichen mit seinem aus Afrika zuwandernden Verwandten war er wesentlich massiger gebaut und ihm an Körperkraft, wohl aber nicht an Größe überlegen. Ein großer optischer Unterschied dürfte zwischen beiden jedoch nicht bestanden haben. "Ein Neandertaler in heutiger Kleidung dürfte in der U-Bahn kein besonderes Aufsehen erregen", spitzt es Professor Gerd-Christian Weniger zu, Leiter des Neanderthal-Museums in Mettmann.

Der Neandertaler, so wie man ihn sich heute vorstellt. Foto: Neanderthalmuseum

Die Neandertaler entwickelten sich in einer Umwelt, die durch häufige und abrupte Klimawechsel bestimmt wurde. In seiner Entwicklungszeit gab es drei große Eiszeiten, die von kurzen Warmzeiten getrennt waren. Doch auch die Eiszeiten waren nicht gleich bleibend kalt, sondern zeigten mitunter rapide schwankende Temperaturen. Allein für die Zeit zwischen 50.000 und 30.000 Jahren vor heute sind 18 Klimaumschwünge verzeichnet. Die Folge war, dass in Europa die Gletscher permanent vorstießen und wieder zurückgingen. Wenn das Land eisfrei war, bestand der größte Teil des Kontinents aus Tundra, nur im Süden gab es ausgedehnte Wälder. Die Umwelt war im höchsten Maße veränderlich und oft schlicht lebensfeindlich.

Dass der Neandertaler sich in einer solchen Umgebung lange und erfolgreich halten konnte, zeigt schon seine enorme Anpassungsfähigkeit. Dennoch kam er offenbar schlechter mit den Kälteperioden zurecht, als der moderne Mensch, der um etwa 40.000 vor heute in Europa einwanderte. Das erstaunt, da er doch anatomisch besser für die Kälte ausgerüstet war. "Technologie kann biologische Anpassung mehr als ausgleichen", erklärt Paul Mellars, Archäologieprofessor in Cambridge. Mellars gründliche Datierungen der Funde in Chatelperron, wo Überreste von beiden zu finden sind, zeigten, dass der moderne Mensch die Gegend gerade in den Kälteperioden besiedelte, während der Neandertaler in den wärmeren Zeiten dominierte.

Neandertaler vor einer ihrer Hütten. Foto: Neanderthalmuseum

Ob sich beide Menschen in Chatelperron oder in anderen Gegenden, etwa Israel oder auf der Schwäbischen Alb, tatsächlich Auge in Auge begegneten oder ob sie die Gegenden nur parallel oder kurz nach einander bewohnten, ist eine der großen Streitfragen der Paläoanthropologie. "Wir können zwar kein direktes Zusammentreffen belegen, aber sie haben nebeneinander gelebt und ich bin mir sicher, daß viele Treffen zwischen beiden stattgefunden haben müssen", erklärt Paul Mellars. Warum dabei die Neandertaler letztendlich den Kürzeren zogen, ist gleichfalls heiß umstritten. Klar ist nur, dass sie durch den modernen Menschen offenbar nicht ausgerottet wurden. Aus den bisherigen genetischen Befunden scheint ebenfalls klar hervorzugehen, dass sich beide Gruppen nicht miteinander vermischten und wir Europäer daher keine Nachfahren der Neandertaler sind.

Doch was hat dann die Neandertaler zur Strecke gebracht? Vermutungen gibt es zahlreiche: So könnte eine unbekannte Seuche, die von den modernen Menschen mitgebracht wurde, ihr Ende gewesen sein. Sie könnten den Konkurrenzkampf um das lebensnotwendige Großwild gegen die technisch Fortgeschritteneren verloren haben. Sie könnten auch einfach weniger fruchtbar gewesen sein und damit von Zahl der Neuankömmlinge erdrückt worden sein. Auf jeden Fall zogen sich die Neandertaler immer weiter aus der Fläche in kleine Rückzugsräume im Südwesten Europas zurück. Dort allerdings scheinen sie länger ausgeharrt zu haben als bislang vermutet. Archäologen aus Gibraltar berichten in der jüngsten "Nature", dass in einer der Höhlen des Felsens Neandertalerreste gefunden wurden, die etwa 28.000 Jahre alt waren. Die Wissenschaftler halten auch ein Alter von etwa 24.000 Jahren für möglich. Damit gewinnt auch das spektakuläre Mischlingskind von Lagar Velho wieder mehr Glaubwürdigkeit, das auf ein Alter von 24.500 Jahre taxiert wurde und das deswegen immer umstritten war. Es zeigt anatomische Merkmale sowohl vom Neandertaler als auch vom modernen Menschen. Möglicherweise hat es dann doch eine Vermischung von beiden Spielarten des Menschen gegeben.