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Verwandtschaftsverhältnis ungewiß

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.08.2007 14:33

Wie stand der Neandertaler zum modernen Menschen. Aufgrund der Fossilien kann man das mit Sicherheit nicht mehr entscheiden. Die Methoden der Erbgutanalyse sind jedoch ein wirkungsvolles Instrument, um Verwandtschaftsbeziehungen zu rekonstruieren. Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie haben genau das versucht - und kamen zu keinem eindeutigen Ergebnis.

"Wir können ausschließen, dass Neandertaler viel zum Genpool der heutigen Menschen beigetragen haben", so lautete die Bilanz der Autoren in der wissenschaftlichen Zeitschrift "Public Library of Science, "die Möglichkeit eines geringeren Beitrags ist allerdings nicht auszuschließen." Das europäische Forscherteam unter Leitung des Paläogenetikers Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hatte 2004 den bislang umfangreichsten Versuch unternommen, die Verwandtschaft beider Menschenformen mit Hilfe von DNA-Vergleichen zu klären.

Phylogenetische Untersuchungen, die das Verwandtschaftsverhältnis zweier Arten aufgrund der Unterschiede in bestimmten Genabschnitten rekonstruieren, sind ein wichtiges Werkzeug der Evolutionsforschung geworden, und können mit entsprechender Vorsicht sogar als Zeitmesser, als molekulare Uhr, verwendet werden. Die Veränderungen im DNA-Strang dienen als Taktgeber und zeigen, wie weit zwei miteinander verglichene Arten sich auseinander entwickelt haben. Benutzt werden für diese Untersuchungen Erbgutteile, die nur von einem Elternteil auf die Kinder übertragen werden, damit nicht die genetische Rekombination die Spuren verwischt. In Frage kommt daher das männliche Y-Chromosom, weil es nur vom Vater auf den Sohn vererbt wird, oder das Erbgut in den Zellkraftwerken, den Mitochondrien. Denn diese werden als Bestandteile der Eizelle nur von der Mutter an die Kinder weitergegeben.

Das Forscherteam um Pääbo verwendete Mitochondrien-DNA aus insgesamt vier Neandertaler-Fossilien aus Frankreich, Belgien und Kroatien und verglich diese mit Mitochondrien-DNA aus fünf etwa gleich alten Fossilien moderner Menschen. Allerdings konnten die Wissenschaftler nur bestimmen, dass in dem Erbgut, dass man von den Fossilien moderner Menschen extrahiert hatte, keine Neandertal-Abschnitte enthalten waren. Ob dieses Erbgut jedoch tatsächlich von den Altsteinzeitmenschen stammt oder vielleicht nur eine Verunreinigung durch das Erbgut der Wissenschaftler ist, die mit den Fossilien umgingen, kann man nicht mit Sicherheit sagen. Denn zurzeit ist es technisch nicht möglich, einen genetischen Unterschied zwischen Menschen aus der Altsteinzeit und heute lebenden zu erkennen.

"Es ist eine aufregende Arbeit, weil sie zeigt, dass die Neandertaler-DNA in sich sehr einheitlich ist und sich von unserer sehr stark unterscheidet", erklärt Jean-Jacques Hublin, der am Leipziger Max-Planck-Institut die paläoanthropologische Abteilung leitet. Schließlich sei jetzt die Frage eines starken Neandertaler-Beitrags entschieden. "Jetzt geht es nur noch darum", so Hublin, "ob die Neandertaler ein bisschen oder gar nichts zu unserem Erbgut beitrugen." Diese Frage kann allerdings nicht mehr mit der Mitochondrien-DNA geklärt werden, dafür braucht man das Erbgut aus dem Zellkern. Am besten wäre es jedoch, Fossilien zu finden, die eine solche Vermischung belegen. Das umstrittene Mischlingskind von Lagar Velho müsste also Gesellschaft bekommen. "Dafür brauchen wir wieder die ausgrabende Paläoanthropologie", meint Hublin, "aber die Wahrscheinlichkeit solche Kreuzungen zu finden wird sehr gering sein."