Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Members Holger Kroker Blick auf die Herrscher der frühen Erde

Blick auf die Herrscher der frühen Erde

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.08.2007 14:40

Marble Bar im Pilbara, Australiens heißem und trockenen Nordwesten, ist die nachweislich heißeste Stadt des Kontinents und einer der heißesten Plätze der Welt überhaupt. Geologen aus aller Welt zieht es trotzdem hierher, allerdings nicht wegen der Temperaturen, sondern weil sie von hier aus zu äußerst seltenen steinernen Zeugen der frühen Erde gelangen. "Hier in der Nähe gibt es die Überreste des ältesten Ökosystems der Welt, das zusammenhängend erhalten ist", erläutert Abigail Allwood, Geologin von der Macquarie Universität in Sydney. Sie meint Strelley Pool: unscheinbare Hügelrippen, die mitten in der von stachligem Spinnifex-Gras bewachsenen Halbwüste einen Bogen von zehn Kilometer Breite und zwölf Kilometer Länge bilden.

Die Rippen sind die Reste von 3,43 Milliarden Jahre alten Riffen aus der Frühzeit des Lebens auf der Erde. "Sie bieten uns das früheste Bild von Fossilien in ihrer ursprünglichen Umgebung", so Allwood. Nachdem sie Milliarden von Jahren durch andere Gesteine begraben waren, hat die Erosion durch Wind, Regen und Hitze sie wieder freigelegt. Es handelt sich um Stromatolithen, Kolonien von lichtliebenden Bakterien, deren entfernte Nachfahren auch heute noch vereinzelt vorkommen.

2,43 Milliarden Jahre alt sind die Stromatolithen-Fossilien in Strelley Pool im Pilbara. Foto: Allwood, Macquarie Universität

Zu sehen sind in Strelley Pool meterdicke Pakete von dünnen, dichtgepackten Gesteinsschichten, die an Blätterteig erinnern. Sie formen manchmal Rippel, wie Sandboden in einem flachen Gewässer, manchmal großzügig geschwungene Wellen, die auffälligsten bilden Kugeln oder Kegel. Die Kegel bilden gar ganze Türme wie aufeinandergestapelte Hütchen. Vor 30 Jahren wurden diese Formationen erstmals von Wissenschaftlern beschrieben und seitdem tobt ein heftiger Streit darüber, ob sie tatsächlich von Lebewesen stammen oder nicht doch nur das Produkt von physikalischen Prozessen sind.

Bei allen Fossilien aus der Frühzeit des Lebens läuft diese Auseinandersetzung und geht in jüngster Zeit immer häufiger zuungunsten der Lebensspuren aus. Denn die Überreste der primitiven Einzeller sind nach so langer Zeit nur schwer von den Ergebnissen unbelebter Prozesse zu unterscheiden. Die derzeitigen - allerdings ebenfalls umstrittenen - Rekordhalter sind rund 3,49 Milliarden Jahre alte Stromatolithen aus der Dresser Formation. Die liegt ebenfalls im Pilbara, und ihre Fossilien sind nur 60 Millionen Jahre älter als Allwoods Stromatolithen in Strelley Pool -geologisch gesehen ist das weniger als ein Augenblick.

Im Fall von Strelley Pool meint Allwood mit einer detaillierten Bestandsaufnahme die Diskussion zugunsten der Lebensspuren entschieden zu haben. Auf nur wenigen Quadratzentimetern findet man die unterschiedlichsten Formen von Stromatolithen. "Es würde eine derart komplexe und unnatürliche Kombination von physikalischen Prozessen erfordern, um solche Ablagerungen hervorzubringen, daß es geradezu lächerlich erscheint", bekräftigt sie.

Offenbar war Strelley Pool vor 3,43 Milliarden Jahren ein flacher, lichtdurchfluteter Meeresbereich, in dem sich Cyanobakterien oder ähnliche lichtliebende Einzeller eingefunden hatten. Damit unterscheidet sich ihre Umgebung von der der Dresser Formation, die damals warme Quellen im Flachwasser waren. "Schon zu dieser frühen Zeit war das Leben also ausdifferenziert und hatte sich unterschiedliche Habitate und ökologische Nischen erschlossen", erklärt Martin van Kranendonk vom Geologischen Dienst Westaustraliens, der diese etwas älteren Stromatolithen bearbeitet.

In beiden Fällen begannen die Bakterien mit dem Turmbau, um möglichst viel des begehrten Sonnenlichts zu ergattern. Heute bilden die Mikroben dazu Netze oder Matten, in die sie Sandkörner einbinden, um sich auf so gebauten Fundamenten näher an die Sonne zu schieben. Auf ähnliche Weise werden ihre entfernten Vorfahren dies vor 3,43 Milliarden Jahren gemacht haben. Der Unterschied ist nur, daß die Stromatolithen heutzutage nur in kleinen isolierten Meeresarmen oder Seen vorkommen. Damals dagegen bauten die Bakterienverbände gewaltige Riffe auf und waren die konkurrenzlosen Könige des Meeres.