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Brand mit ökologischem Nutzen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.08.2007 14:40

Waldbrände in Deutschland sind wesentlich kleiner als die im Mittelmeerraum, in Australien oder Kalifornien. Doch auch in unserem dichtbesiedelten Land kann Feuer eine positive Rolle spielen. Der Waldbrand-Experte Johann Georg Goldammer plädiert daher für das kontrollierte Brennen in bestimmten Gebieten, um dort wertvolle Ökosysteme zu erhalten.

Herr Professor Goldammer, haben Waldbrände auch in den hiesigen Ökosysteme einen Nutzen?

Ja, vor allem in den so genannten Offenlandschaften, wie zum Beispiel den Heideflächen. Ganz wichtig sind da die Truppenübungsplätze in den neuen Bundesländern, die heute wertvollste Naturreservate darstellen. Die sind über Jahrzehnte, zum Teil bis auf den 1. Weltkrieg, durch Artillerie, Kettenfahrzeuge und eben immer wieder durch Feuer umgestaltet worden und haben dadurch hoch interessante Lebensräume geschaffen. Da finden sich beispielsweise die Heiden ein, die kontinentalen Trockenheiden, die nicht nur ein wertvolles Landschaftsbild, sondern auch hohe Biodiversität bieten. Beispielsweise ist das Birkwild auf solche Flächen angewiesen, ebenso wie das Auerwild in den Mittelgebirgen. Und jetzt haben wir das Problem, dass nach der Aufgabe der militärischen Nutzung dieser Faktor Feuer entfernt worden ist, und jetzt diese Naturschutzgebiete, die Reservate zuzuwachsen drohen. Die Heide wird verschwinden und mit ihr die Biodiversität, und sie wird durch Wald ersetzt. Und Wald haben wir eigentlich genug. Was wir nicht genug haben, sind eigentlich diese offenen Lebensraumlandschaften, die nicht landwirtschaftlich genutzt werden.

Gibt es denn eine Möglichkeit, das zu verhindern?

Das ist Thema der Besprechungen, die wir an verschiedenen Orten mit den Beteiligten führen. Dazu gehören Naturschutzverbände und Landesdienststellen, manchmal auch Vertreter des Bundes und vieler anderer Dienststellen, die mit im Boot der Verantwortung sitzen, dass diese ehemaligen Militärareale gesichert werden. Man darf ja nicht vergessen, dass sich dort Altlasten im Boden befinden, und auf der anderen Seite will man diese offenen Lebensräume erhalten. Man kann die Dinge nicht sich selbst überlassen, das ist auch viel zu gefährlich. Wir hatten gerade vor zwei Wochen einen Brand südlich von Calau, in Bronkow, wo sich von einem alten Flugplatz aus ein Brand in einen Wald ausbreitete, in dem ein altes NVA-Munitionsdepot liegt. Dort liegt auch Munition im Wald verstreut. Wenn es da brennt, kann die Feuerwehr nicht hinein, denn es gibt regelmäßig Bombenexplosionen. In Brandenburg hat es in den letzten Jahren einige Tote bei solchen Vorkommnissen gegeben.

Kann man da kontrolliert brennen?

Das ist genau das Thema, ein sehr heißes Thema. Wir sagen ja. Wir sollen und können es machen. Wir werden dort unter kontrollierten Bedingungen das Feuer einsetzen, einschließlich der Möglichkeit, dass Munition explodiert, um dann die Räumung im überbrannten Gebiet leichter zu machen. Da begeben wir uns aber auf Neuland und auf einen riskanten Spielplatz.

Kann man in Deutschland überhaupt kontrolliert brennen?

Das ist durchaus möglich. Wir haben in Baden-Württemberg ein größeres Brennprogramm, in Schleswig-Holstein und in Brandenburg auch. Kleinere gibt es in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Hierzulande sind die unteren Landschaftsschutzbehörden für die Genehmigung zuständig. Aufgrund der Naturschutzgesetze ist es verboten, Feuer in der Landschaft anzuzünden, und das ist richtig so. Feuer gehört nicht in jedermanns Hand, weil bis in die 60er Jahre zu exzessiv und unkontrolliert und mit zu vielen Schäden gebrannt wurde. Das kontrollierte Brennen ist nicht das Flämmen. Zu diesem Zustand wollen wir nicht mehr zurück. Kontrolliertes Brennen ist der Einsatz von Feuer unter wissenschaftlichen Vorgaben dort, wo es aus Biodiversitätsgründen und wegen des Erhalts von Landschaftsstrukturen notwendig ist. Inzwischen hat sich in den Köpfen etwas geändert. Früher gab es nur Ablehnung, deshalb sind wir in Deutschland nicht weiter gekommen. Mit einer Verzögerung von 25 Jahren können wir jetzt doch Konzepte aus den 70er Jahren umsetzen.

Ist denn auch daran gedacht, das Brennen in Forsten einzusetzen?

In Baden-Württemberg haben wir zusammen mit der Forstverwaltung die ersten Flächen ausgesucht, wo wir nach 30 Jahren zum ersten Mal das kontrollierte Durchbrennen in einem Kiefernwald machen. Es sind Kiefernwälder im Breisacher Raum. Das war bisher ein Tabu-Thema. Wir werden jetzt zusammen mit Kollegen aus anderen, vornehmlich südeuropäischen Ländern dieses Forschungsprojekt durchführen, in dem wir den Nutzen untersuchen.