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Trügerische Lösung?

erstellt von Lutz_Peschke zuletzt verändert: 08.09.2007 15:32

Erdöl ist das Lebenselixier der modernen Zivilisation. Doch die Reserven sind endlich, und hinzu kommt noch der Treibhauseffekt der unzähligen Liter Treibstoff oder Heizöl, die durch Schornsteine oder Auspuffe geblasen werden. Alternativen müssen daher gefunden werden, will die Menschheit nicht in absehbarer Zeit auf dem Trockenen sitzen und gleichzeitig einem unkontrollierbaren Klimawandel ausgesetzt sein. Biomasse in Form von Heizbrennstoff und vor allem Biosprit scheint eine interessante Energiequelle zu sein. Doch sie hat auch Schattenseiten.

Rund 4,2 Milliarden Tonnen Erdöl verbrauchte die Menschheit im vergangenen Jahr und der Konsum wird weiter wachsen. Schließlich treten neben die derzeitigen Hauptverbraucher in Europa und Nordamerika die rasch wachsenden Volkswirtschaften Indiens und Chinas. Die Weltvorräte an Erdöl und Erdgas sind jedoch begrenzt, beim Erdöl sprechen manche Forscher bereits, dass die Förderung ihren Zenit bereits überschritten habe. Als eine Möglichkeit, sich zumindest mehr Zeit zur grundsätzlichen Umsteuerung zu erkaufen, erscheint die Biomasseverbrennung. „Es gibt Modellrechnungen, die eine Ausweitung der energetischen Biomassenutzung global um einen Faktor fünf bis zehn in den nächsten 30 bis 50 Jahren annehmen“, erklärt Helmut Haberl.

Brennholz wäre ein Beispiel für das einfache Verheizen von Biomasse, sie bildet aber auch den Rohstoff für Biosprit, mit dem man Autos antreiben kann. Länder wie Brasilien haben mit der Verwandlung von schon große Erfahrungen: Das südamerikanische Land wandelt in großem Stil Zuckerrohr in Ethanol um und treibt damit Autos an. In den unter den Ölpreisen ächzenden Industriestaaten findet das Vorgehen viele Freunde. Überdies ist sie im Gegensatz zu fossilen Energieträgern CO2-neutral. Jedes Molekül Kohlendioxid, das aus dem Auspuff dringt, wurde schließlich kurz zuvor erst durch die Pflanzen aus der Atmosphäre entfernt, unter Klimaschutzgesichtspunkten ist das ein ziemlicher Vorteil.

Doch es mehren sich die Stimmen, die vor einem Biospriteinsatz in großem Maßstab warnen. „Wenn man die Ausweitung der Biomasse um einen Faktor fünf bis zu zehn in Ernte von zusätzlicher Biomasse umrechnet“, warnt etwa Haberl, „dann müsste man die derzeitige menschliche Beanspruchung der Nettoprimärproduktion ungefähr verdoppeln.“ Noch sind das Schätzungen, aber die genauen Berechnungen, welche Folgen eine Ausweitung der Biomassenutzung haben würde, laufen derzeit. Eines der Probleme ist die Konkurrenz des Energiepflanzenanbaus zur Nahrungsmittelproduktion. Nur wenige Energiepflanzen kommen mit Böden aus, die für den Nahrungsmittelanbau zu karg sind. Ein Beispiel ist die Purgiernuss, die auch in Trockengebieten gut wächst. Brasilien betreibt seine Biospritproduktion allerdings mit Zuckerrohr, die USA mit Mais, und in Europa wird auf ehemaligen Getreidefeldern Raps angepflanzt.

Inwieweit der Trend zum Biosprit bereits die derzeitigen Preissteigerungen bei Lebensmitteln mit verursacht, ist umstritten. Klar ist aber die langfristige Perspektive: Der Nahrungsmittelbedarf der Menschheit steigt an, wird jetzt auch noch Ackerfläche für Biosprit gebraucht, könnten die Preise explodieren. Ausweichflächen gibt es nämlich nur noch begrenzt. „Wir beackern schon jetzt alle vielversprechenden Böden”, warnt der britische Biologe Aubrey Manning, “das Ideal, wir könnten derzeit unbewohntes oder nicht kultiviertes Land erschließen, um Lebensmittel für eine wohlhabende Menschheit zu produzieren, ist meines Erachtens eine Illusion.“

Auch der Klagenfurter Ökologe Karl Heinz Erb warnt: „Es bleiben nicht besonders viele Regionen übrig. Die borealen Zonen und die Wüsten scheiden aus, deren Produktivität ist für den Menschen nur sehr schwer abzuschöpfen. Was übrig bleibt, sind die tropischen Regenwälder.“ Diese Entwicklung lässt sich in Indonesien und Brasilien bereits beobachten. Für das Klima bedeutet so etwas nichts gutes. „ Wenn man Wälder zerstört, wird mehr Kohlendioxid freigesetzt als man mit 50 Jahren Biospritproduktion einsparen kann”, warnt Renton Righelato vom World Land Trust im britischen Haleswirth, “bestehende Wälder zu erhalten oder wieder aufzuforsten wo es möglich ist, ist daher unter Klimaschutzgesichtspunkten die bessere Alternative.“

Ohnehin bezweifeln die Experten, ob nun gerade die Produktion von Biosprit die beste Nutzung für Biomasse ist. “Diese Produkte haben eine relativ schlechte Energiebilanz”, kritisiert Helmut Haberl mit Blick auf die erste Generation Biosprit, “ pro Einheit fossiler Energie, die man hineinsteckt, um diese Produkte zu produzieren, kriegt man optimistisch gesehen zwei bis drei Einheiten Energie als Kraftstoff frei Tankstelle heraus.“ Auch für die zweite Generation, die die Pflanzen komplett nutzen soll, sieht das Bild wohl nicht bedeutend besser aus. Und dann kommen noch die Folgen eines verstärkten Dünger- und Pestizideinsatzes für Energiepflanzen-Monokulturen hinzu. Überdies sei der Flächenverbrauch einer Biosprit-Wirtschaft prohibitiv hoch. Haberl und seine Kollegen haben das am Beispiel Österreichs für Rapsöl-Sprit einmal durchgerechnet: Rund 15 bis 20 Prozent der österreichischen Ackerfläche wäre permanent für die Energiepflanze Raps reserviert, der Entlastungseffekt für den Verkehr bliebe jedoch gering. „Zwei bis drei Prozent des Treibstoffbedarfs im Jahr 2020 könnte man mit diesem Rapsöl im Endeffekt decken. Und da ist noch gar nicht berücksichtigt, dass man eine Menge fossilen Energien für die Produktion der Pflanzen, des Düngers und des Öls selbst hineinstecken würde“, so der Ökologe.

Für viel sinnvoller hält der Österreicher es, viel Energie in die Umstellung des Verkehrssektors auf andere Treibstoffe zu stecken. Wasserstoffgetriebene Autos, ob mit Brennstoffzelle oder Verbrennungsmotor, oder Elektrofahrzeuge könnten ein Ende der Abhängigkeit vom Sprit bedeuten. Und sowohl Wasserstoff als auch Strom lassen sich umweltfreundlich mit Solarenergie herstellen. Die Biomasse könnte dagegen eine große Rolle in der Wärmeerzeugung spielen. Haberl: „Ich bin nicht pauschal gegen die Biomasse. Im Wärmebereich, vielleicht im Strombereich, mit Kraft-Wärme-Kopplung, kann ich mir gewisse Dinge vorstellen, vor allem weil eben die Biomasse speicherbar ist.“ Vor allem die Verwendung von von Mist und Gülle, von Abfallholz und anderen Restprodukten hält er für sehr empfehlenswert. Vor dem großmaßstäblichen Anbau von Energiepflanzen warnt er gleichwohl genauso wie sein britischer Kollege Righelato. „Wir befürchten, daß wir uns mit der Produktion von Biotreibstoffen vorgaukeln, wir lösten ein Problem“, so Righelato, „aber wir lenken uns von den wirklich wichtigen Themen Effizienzsteigerung der Fahrzeuge und alternative Antriebe ab. Aber dahin müssen wir schlußendlich gelangen.”

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