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Der Tritt des Erzengels

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 02.01.2008 15:59

Der Gargano, der wie ein Sporn aus der Ferse des italienischen Stiefels ragt, galt bislang als nicht sonderlich erdbebengefährdet. Anders als für den kalabrischen Süden, für Neapel oder das Friaul lagen für die als Ferienparadies bekannte Halbinsel keine gesicherten Informationen vor. Ein italienischer Geologe fand dann aber doch Hinweise auf starke Beben – und zwar in der Gründungslegende des Wallfahrtsortes Monte Sant’Angelo aus dem Jahr 493. Geländeuntersuchungen ergaben schließlich, dass es auf dem Gargano zwar selten, dann aber um so heftiger beben kann. Die Risikoabschätzung für die gesamte Gegend musste aufgrund einer frühchristlichen Legende geändert werden.

In der noblen Stadt Siponto, die sich zwischen dem Adriatischen Meer und dem Gargano-Gebirge erstreckt, erschien einst der Heilige Erzengel Michael. Dreimal zeigte er sich, und das dritte Mal, es geschah in der Nacht des 29. Septembers: Die Erde erbebte, selbst die Berge schwankten, eine dunkle Wolke verhüllte sie. Die Luft war erfüllt von Flammen! Aufgescheucht rannten die Menschen zu ihrem Bischof, suchten Hilfe und Rat. Dem aber hatte mitten im Getöse eine Stimme verkündet: „Höre, ich bin der Erzengel Michael und will, dass die Grotte im Monte Tumba in eine Kirche verwandelt wird. Haltet sie in Ehren!“ Der Bischof und seine Getreuen liefen so schnell ihre Füße sie trugen zu der Höhle – und als sie ankamen, lag dort ein blutrotes Tuch ausgebreitet , wie für einen Altar. Und wo der Erzengel den Boden berührt hatte, waren seine Fußabdrücke zurück geblieben.

“Der Mythos vom Monte Sant’ Angelo, der in der lateinischen Urschrift Monte Tumba hieß, beschreibt den Abstieg des Erzengels Michael auf die Erde. Der Engel erschien in einer schon im Altertum heiligen Höhle, und die Geschichte erzählt, dass der Abstieg ein schweres Beben entfesselte“, erklärt Luigi Picardi, Geologe beim Italienischen staatliche italienischen Forschungsverbund CNR. Die Legende vom Erzengel Michael beschreibt ziemlich genau ein schweres Beben. Weil aber Chronistenaufzeichnungen fehlten, blieb es in den Erdbebenkatalogen, mit deren Hilfe die seismische Gefährdung bestimmt wird, unberücksichtigt. Picardi ging der Legende nach und fand im Gelände Hinweise auf ein starkes Erdbeben. „An der Störung können Beben bis zur Stärke 7 entstehen, mehr können wir in Italien überhaupt nicht bekommen“, erklärt der Geologe. Geologisch betrachtet entpuppten sich die Fußstapfen als die Stelle, an der bei dem Beben die Störung aufriss. Die Luft war mit Flammen erfüllt, weil während der Erschütterungen brennbare Gase aus dem Untergrund strömten und sich entzündeten. Die Erscheinung des Erzengels war ein starkes Erdbeben.

Weil die Information aber als Legende verschlüsselt war, wurde das Beben in den Erdbebenkatalogen nicht berücksichtigt, und der Gargano galt deshalb als gering gefährdet. Luigi Picardis Forschungen über den Hintergrund der Erzengel-Michael-Legende haben das jetzt radikal geändert. „Das Gebiet wird jetzt als sehr gefährdet eingestuft“, meint der Geologe. Und es wird jetzt seismisch sehr genau überwacht, denn die Spannungen an der Störung haben sich seit dem großen Beben von damals wieder aufgebaut und können jederzeit ein neues auslösen. „Jetzt können wir nur hoffen“, so Picardi, „dass sich die im Untergrund aufgestaute Energie in vielen kleineren Beben abbaut, und sie deshalb nicht mehr für ein großes Beben reicht.“

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