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Empörter See sendet tödliche Wolken

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 02.01.2008 15:56

Drei Seen in Kamerun und Ruanda sind als tödlich verrufen. Sie senden in den Mythen der Einheimischen gefährliche weiße Wolken aus, die Mensch und Tier ersticken. 1986 erwies sich, dass diese Mythen außerordentlich real sind. Ein Kohlendioxidausbruch im Nyos-See tötete 1700 Menschen.

Als der Häuptling des Stammes starb, trauerte nicht nur seine Familie sondern das ganze Volk um ihn. Er war ein mächtiger Mann gewesen und wollte, dass sich die Menschen noch lange an ihn erinnerten. Deshalb hatte er genau festgelegt, wie seine Beerdigung begangen werden sollte. Aber seine Familie war geizig. Warum sollten sie die fetteste Kuh schlachten, fragten sie sich. „Reicht die magere nicht auch für das Seelenmahl? Der Tote weiß nicht, dass wir seine Wünsche nicht erfüllen.“ Und so geschah es. Das Dorf aber lag nahe an einem See, und dieser See hatte den alten Herrscher gut gekannt. Er war entsetzt, wie wenig die Familie den Willen ihres Toten respektierte und wurde böse. Zornig wallte er auf, hauchte seinen tödlichen Atem über das Dorf. Eine weißliche Wolke stieg auf, breitete sich schnell über seine Ufer aus und wälzte sich den Berghang hinab, fast wie ein rauchender Strom. Die Wolke drückte alle Pflanzen nieder, knickte die Bäume. Nichts konnte sie stoppen: Weit drang der Rauch ins Land vor. So tötete der See alle Missetäter als Strafe für ihren Ungehorsam und Geiz.

Über drei Kraterseen in Kamerun und Ruanda sind Schauergeschichten im Umlauf. Der Nyos-See, der Kivu-See und der Manoun-See sollen von bösen Geistern beherrscht werden. „Die Seen töten Menschen, heißt es. Sie wechseln den Ort, explodieren, merkwürdige Dinge kommen aus ihnen heraus oder verschwinden darin“, berichtet Eugenia Shanklin, Anthropologin am College von New Jersey in Ewing. Das Resultat ist, dass die Menschen der Gegend die Seen fürchten. Und dazu haben sie tatsächlich Grund, denn immer wieder kommt tatsächlich der Tod aus den Gewässern. Zuletzt geschah das am 21. August 1986 am Nyos-See und mehr als 1700 Menschen starben.

Dank der modernen Massenmedien produzierte der Nyos-See nicht nur neue Schauergeschichten sondern auch Schlagzeilen und erregte das Interesse der Geologen. Sie untersuchten den See und fanden seine „Geister“. Luigi Piccardi, Geologe mit Hang zu Mythen beim italienischen Forschungsverbund CNR: “Am Nyos-See entweicht aus einer Magmenkammer ständig Kohlendioxid, das sich in den Wasserschichten am Seegrund löst. Das Tiefenwasser wird zu Sprudel. Normalerweise hält das Gewicht der Wassersäule das Kohlendioxid gefangen – aber schon ein kleiner Erdrutsch, ein schwaches Beben reichen, und alles schäumt auf wie Mineralwasser in einer geschüttelten Flasche. Das Kohlendioxidgas wird frei, strömt plötzlich als weiße, giftige Wolke aus, die in einem Umkreis von 25 Kilometern Tiere und Menschen tötet.“

1986 gehörten die Todesopfer fast alle Stämmen an, die in das Gebiet eingewandert waren. Sie hatten am fruchtbaren Seeufer gesiedelt, das die Einheimischen seltsamerweise nicht nutzten. Dass es einen guten Grund dafür gab, von dem Mythen erzählen, wussten sie nicht, denn sie kannten die Erzählungen der Einheimischen nicht. Heute wird versucht, das Kohlendioxid des Vulkans, in dessen Krater der Nyos-See liegt, abzuführen, so dass sich nicht mehr die Konzentrationen aufbauen können, die für die todbringenden Wolken nötig sind. Ergänzend versucht die Regierung von Kamerun auch, die Mythen der Einheimischen für den Katastrophenschutz zu nutzen. Eugenia Shanklin hat die Gegend im Regierungsauftrag bereist: „Ich sprach mit so vielen Überlebenden, wie ich konnte, und trug in Karten ein, welche Mythen sie kannten und wo sie sich während der Katastrophe aufgehalten hatten. So erfuhren wir, wo besonders viel Kohlendioxid aus der Wasseroberfläche entwichen war.“ Aufgrund der Mythen wurden Gefahrenzonen rings um den See ausgemacht, in denen die Besiedlung verboten ist.

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