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Alles hängt an einem Fluß

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 01.02.2008 10:43

Der Jahresgang in der Serengeti ist vom Wechsel der Trocken- und Regenzeiten geprägt. Der Regen kommt zwischen November und Januar und noch einmal schwächer im Mai, dazwischen herrscht Trockenheit. Dann kommt Wasser nur noch mit den Flüssen in die Savanne, und von diesen ist nur der Mara ergiebig genug, dass er rund ums Jahr fließt. Doch der Wasserreichtum des Flusses verringert sich zunehmend. Schuld sind der Mensch und der von ihm verursachte Klimawandel.

September und Oktober gehören in der Serengeti zu den trockensten Monaten. Die Trockenzeit ist dann auf ihrem Höhepunkt und das Gras der Savanne verdorrt. Im September 2007 jedoch ist die Serengeti ungewöhnlich grün, denn es hat in letzter Zeit immer wieder heftig geregnet. Die Tiere, die nicht wie die Gnus umherziehen, freuen sich über die ungewohnte Zusatzration, denn normalerweise ist der Tische für sie karg gedeckt. Für die Ökologen ist der Regen zur Unzeit jedoch kein gutes Zeichen.

 „Das Klima ist längst nicht mehr so verlässlich wie früher. Im vergangenen Jahr dauerte die Trockenzeit sehr lange und viele Büffel starben. Danach hatten wir dann viel zu viel Regen, was uns auch nichts genutzt hat“, erzählt Yannick Ndoinyo, der als Community Conservation Officer mit den Dörfern der Umgebung Konzepte für den Naturschutz entwickelt. Die Ursache für die neue Unbeständigkeit liegt im Klimawandel. „Die direkte Auswirkung in diesem Gürtel, in dem die Serengeti liegt, wird sein, dass die Regenmenge etwa gleich bleibt, aber unregelmäßiger verteilt wird“, erklärt Markus Borner, „wir haben viel stärkere Regen mit Überschwemmungen, und dann haben wir viel stärkere und längere Trockenzeiten.“

Um so wichtiger ist die Rolle, die der Mara spielt, der einzige Fluß des Gebietes, der rund ums Jahr Wasser führt und in die ansonsten staubtrockenen Hochebenen zwischen den Maubergen im Norden und dem Viktoriasee im Westen liefert. Die Regenwälder der Mauberge dienen als Wasserspeicher für die gesamte Gegend, denn sie saugen sich in der Regenzeit wie ein Schwamm voll und geben das Wasser in den Trockenperioden wieder ab. „Allerdings sind diese Mau-Bergwälder in den letzten zwanzig, dreißig Jahren sehr empfindlich abgeschlagen worden, fast um die Hälfte reduziert“, erklärt Markus Borner. Zehntausende Familien erhielten in Kenia die Genehmigung, ein Stück Bergwald abzuholzen, um dort zu siedeln. Dazu kommt der illegale Holzeinschlag.

Die Folgen sind gravierend. Borner: "Deswegen kommt weniger Wasser da raus, wird auch weniger gut zurückgehalten." Außerdem gibt es inzwischen nördlich vom Mara große Weizenfarmen, die für ihre Bewässerung ebenfalls viel Wasser aus dem Mara ausleiten. In Kenia und Tansania hängen drei Millionen Menschen vom Wasser aus den Mau-Bergen ab - ebenso wie die Serengeti. Weil der Mara schon heute nicht mehr so gleichmäßig fließt wie früher, schlagen unter anderem Forscher des UN-Umweltprogramm Unep Alarm. Also versucht die Regierung Kenias, den Schaden durch Zwangsumsiedlung zu begrenzen. Nach Angaben von Amnesty International ließ sie zwischen 2004 und 2006 Tausende Familien vertreiben. Aber weil es keine koordinierten Umsiedlungspläne gab und kein neues Land für die Heimatlosen, kehrten viele in den Wald zurück.

Die Prognosen sind düster: Gehen Rodung und Weizenanbau weiter wie bisher, wird der Mara bald weniger Wasser zur Serengeti schaffen, als fast zwei Millionen durstige Tiere trinken. Dazu kommt der Klimawandel, der alles verschärft. Markus Borner: „Wir haben einmal versucht, eine Studie zu machen, was denn passieren würde, wenn der Mara-Fluss einmal austrocknet. Und nach diesem Computermodell, wenn der Mara-Fluss austrocknet zweimal für mehr als drei Wochen, kommen wahrscheinlich 90 Prozent von unseren Gnus um.“ Denn der eigentliche begrenzende Faktor für die Gnupopulation sind nicht die Fleischfresser, die den Herden auflauern, sondern das Angebot an Gras und vor allem Wasser.

Denn nicht die Löwen oder Hyänen beschränken die Zahl der Gnus in der Serengeti auf 1,2 Millionen, sondern das Angebot an Wasser und Gras im Mara-Gebiet während der Trockenzeit.  Sinkt die Gnupopulation allerdings unter eine kritische Schwelle – etwa weil die meisten Tiere verdursten – dann haben auch die restlichen keine Chance mehr. Markus Borner: „Dann fallen die in ein Räuberloch rein. Das heißt, wir haben inzwischen so viele Löwen und Hyänen, dass die Gnupopulation gar nicht mehr ansteigen kann. Wir würden nie wieder die Migration sehen, wie wir sie heute noch sehen können.“ Mit dem ausbleibenden Wasser käme also das Ende des Ökosystems, Nationalpark hin oder her.

Umso hellhöriger wurden die ZGF-Experten auch, als kenianische Pläne ans Licht kamen, den Mara auf ein Wasserkraftwerk umzuleiten, um die unter chronischem Strommangel leidende Hauptstadt Nairobi mit Elektrizität zu versorgen. Nach gründlicher Erörterung der ökologischen Folgen verschwand das Wasserkraftwerksprojekt in den Schubladen. „Mir macht ein bisschen Angst, dass das in einer Schublade liegt“, so Markus Borner, „im Moment ist es zwar nicht auf dem Tisch, aber wenn die Not und der Druck der Wirtschaft wächst, dann kann so was jederzeit wieder aus der Schublade herausgeholt werden.“ Denn Ökologie und Ökonomie im tansanischen Norden hängen am Nationalpark Serengeti und am Wasser des Maraflusses.

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