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Hilfe zur Selbsthilfe

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 01.02.2008 11:43

1951 war das Land dünn besiedelt. Heute ist die Serengeti eine Insel der Wildnis in einem Meer von Menschen. Zeitweise wuchs die Bevölkerung an den Parkgrenzen dreimal so schnell an wie im Landesdurchschnitt, inzwischen drängen sich zwei Millionen Menschen an den Parkgrenzen. „Die Leute haben erst einmal illegale Vorteile. Die können so ein Gnu rausholen, wenn es niemand sieht, die können Gras schneiden für ihre Hütte, die haben Wasser vom Park, die haben Feuerholz“, erklärt Markus Borner. Deshalb nehmen die Bauern der Umgebung gern das Risiko in Kauf, dass Elefanten ihre Felder plündern. Hinzu kamen die Spitäler und Schulen, die die Naturschützer in den Dörfern bauten. Das zog die Leute an. Als man die Notbremse zog und die „Wohltaten“ einstellten, lebten bereits Millionen Menschen an den Parkgrenzen.

Die Nachbarn gehören verschiedenen Stämmen an, erklärt Borner, und diese Stämme haben ein durchaus unterschiedliches Verhältnis zu Wildtieren: „Wir haben im Osten die Massai, das sind Kuhhirten. Mit denen klappt es eigentlich sehr gut, weil die tolerant dem Wild gegenüber sind.“ Ganz unproblematisch ist diese Beziehung allerdings auch wieder nicht. Joe ole Kuwai, selbst Massai, ist Projektleiter Afrika bei der ZGF: „Früher lebten überall in der Serengeti Massai. Auch hier, wo das Forschungszentrum und die Parkverwaltung stehen, waren ihre Dörfer.“ 1959, Joe ole Kuwai war noch ein Kind, mussten die Massai die Serengeti verlassen. Ihre Heimat sollte ganz den Wildtieren gehören.

„Es gab ein Übereinkommen zwischen den Ältesten der Massai und der britische Kolonialregierung. Die Massai wurden in das Naturschutzgebiet Ngorongoro umgesiedelt, das dafür extra aus dem Nationalpark herausgelöst wurde. Dieses Land müssen sie mit Wildtieren und Touristen teilen. Leider wurden viele Versprechungen nicht gehalten: etwa, dass sie Schulen haben würden, Brunnen und all’ die anderen Annehmlichkeiten, die die anderen Tansanier bekommen“, erklärt Ole Kuwai.  Der „Wortbruch“ der Regierung hat einen ernsten Hintergrund: Man will nicht noch mehr Leute in das Ngorongoro-Schutzgebiet locken. 1954 lebten auf den kargen Vulkanascheböden 10.000 Massai, heute sind es mehr als 50.000. Da sie alle an ihrer Hirtentradition festhalten, ist das Land chronisch überweidet und die Situation verschärft sich von Jahr zu Jahr.

Inzwischen murren die Massai darüber, dass direkt nebenan in der Serengeti vergleichsweise üppiges Gras wächst und Wasser vorhanden ist, während sie sich mit ihrem trockenen Land begnügen müssen, über das zudem jedes Jahr die Gnuwanderung führt. Da ist eine wütende Generation herangewachsen. „Wir sollten sie ausbilden und in unserer Nähe behalten, denn sonst könnten sie im Handumdrehen alles zerstören, was wir über 50 Jahre aufgebaut haben“, warnt Ole Kuwai.

Die Gnuwanderung reicht auch an anderen Stellen weit über den geschützten Nationalpark hinaus auf das Gemeindeland der Stämme rund um die Serengeti. Hier geraten die Wildtiere in direkten Konflikt mit den Bauern. Markus Borner: „Im Westen ist eine viel größere Populationsdichte, und die Sukuma, das sind vor allem Farmer. Und die Wakuria, das sind teilweise Farmer und teilweise Kuhhirten auch. Da sind die Grenzen dann eben viel härter.“ Ackerbau und Wildtiere vertragen sich schlecht, weiß auch Godlisten Matilya, der für das Ökosystemmanagement-Projekt der ZGF verantwortlich ist: „Die Wildhunde greifen das Vieh an, die Elefanten räubern die Felder. Es ist wirklich eine Herausforderung, diejenigen vom Naturschutz zu überzeugen, die später die Nachteile haben.“

Seit neuestem dürfen die Gemeinden um den Park herum den Natur- und Wildtierschutz in die eigenen Hände nehmen. Die ZGF-Experten unterstützen diejenigen Kommunen, die dieses Angebot wahrnehmen wollen, denn mit der größeren Verantwortung gehen auch Chancen einher, mit Tourismus Geld zu verdienen. Daneben versuchen die Zoologen, den Bauern einfache Hilfsmittel an die Hand zu geben, mit denen diese ihre Felder vor den plündernden Elefanten schützen können. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe, nach einer Startphase sollen die Bauern die Abwehr selbst finanzieren können. Deshalb ist es eine simple Methode: Die Abschreckung funktioniert ganz einfach mit Chilischoten, deren Duft den Elefanten in die empfindlichen Rüssel steigt und sie deshalb abschreckt. Der Test verlief sehr ermutigend: Einer der Bauern hat sein Sorghum-Feld für die Methode zur Verfügung gestellt. Zuerst ist er von seinen Kollegen dafür ausgelacht worden, doch tatsächlich haben die Elefanten einen Bogen um das Feld gemacht und dafür andere geplündert. Der Bauer hat zum ersten Mal seine Ernte einfahren können.

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