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Wildnisidyll mit Schattenseiten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 01.02.2008 11:44

Grzimeks Idee vom Tourismus hat im tansanischen Norden zwischen Kilimandscharo und Serengeti eine blühende Tourismusindustrie entstehen lassen. In den beiden Städten Arusha und Moshi gibt es zahlreiche Firmen, die mit Safariangeboten Geld verdienen. Doch der Tourismus wird zu einer wachsenden Belastung für den Nationalpark Serengeti. Neue Konzepte sollen dafür sorgen, dass auch weiterhin Touristen ein nahezu unberührtes Naturreservat besuchen können und gleichzeitig auch die unmittelbaren Nachbarn der Serengeti von der Anziehungskraft profitieren.

120.000 Touristen besuchen jährlich die Serengeti. Sie konzentrieren sich vor allem auf den zentralen Bereich in Seronera, auf das Ngorongoro-Schutzgebiet und ein Gebiet im Norden des Parks. Das führt dann zu Szenen, die mit dem Bild von nahezu unverfälschter Natur kaum noch vereinbar sind: Wenn Löwen sich um frischgeschlagene Beute zanken, wenn ein Leopard auf seinem Schlafbaum oder ein Gepard im Gebüsch entdeckt wurde, stehen im Handumdrehen zehn, zwölf, oft mehr als 20 Autos mit Touristen um sie herum. „Dem Löwen ist es ziemlich schnurz, ob jetzt 35 oder 40 Autos um ihn herumstehen“, schmunzelt Markus Borner, „aber wenn wir die Serengeti als Wildnisgebiet verkaufen, dann können wir nicht bei jedem Löwen 35 Autos haben.“

Die Erkenntnis ist richtig, allerdings stimmt auch, dass die Serengeti ein Kassenschlager ist. Die Entrittsgebühren und die Tagespreise sind zwar hoch, doch das Publikum aus aller Welt zahlt es gern und die rund 1200 Betten im Nationalpark rund ums Jahr nahezu ausgebucht. Deshalb denkt die tansanische Regierung an eine Aufstockung der Übernachtungskapazität. Dreimal so viele Betten – das bedeutet, dass dreimal mehr Touristen Wasser verbrauchen und sich dreimal mehr Wagen um die Wildtiere drängen. Ob das selbst die Löwen ungerührt wegstecken, ist die Frage. Also hat die Zoologische Gesellschaft Frankfurt ein Alternativmodell entwickelt. Der Nationalpark soll mehr Geld von den Touristen einnehmen, aber deren Zahl soll drastisch sinken. Die Serengeti soll zum exklusiven Reiseziel werden. Wenige Besucher sollen ein paar tausend Dollar pro Nacht für ein ursprüngliches Wildniserlebnis bezahlen. Solche Camps gibt es bereits vereinzelt, in ihnen bezahlt man bis zu 3000 Dollar pro Person und Nacht. Innerhalb der Grenzen des Nationalparks würden sie zur Regel, die Durchschnittstouristen sollen dagegen in den angrenzenden Gebieten unterkommen, wo es auch vielfältiges Tierleben gibt.

Dort könnten sich die Bauern auf Ökotourismus verlegen und von der Anziehungskraft der Serengeti profitieren. Für sie stellt das in der Regel eine Verbesserung dar, denn die Nachbarkommunen des Nationalparks bekommen zurzeit nur in Ausnahmefällen etwas vom Ertrag des Touristenstroms ab. „Wildlife-Management-Area“ heißt das Schlagwort, ein Naturschutzgebiet unter Gemeindeverwaltung. Die Idee ist, dass die Menschen Verantwortung für die Wildtiere übernehmen und dafür mit ihnen Profit machen können. Borner: „Sie können diese Tiere an die Jagdgesellschaften verkaufen, sie können aber auch Fotosafaris machen. Sie können also mit diesen Wildtieren Geld machen.“

Vor zehn Jahren hat die tansanische Regierung den Weg für diese Art von Naturschutzgebieten frei gemacht, jetzt haben die ersten Gemeinden den bürokratischen Marathon hinter sich gebracht. Sie wollen dem Beispiel des Dorfes Rubanda nacheifern, das auch ohne regierungsamtlich abgesegnetes Schutzgebiet schon seit Jahren an den Einnahmen eines Zeltcamps beteiligt ist, das Investoren auf Gemeindegebiet errichteten. „Die Geldgeber ließen sich dort vom Wildreichtum locken und davon, dass ihr Camp außerhalb des Parks sehr viel billiger ist als innerhalb“, erklärt ZGF-Mitarbeiter Alais Kaigil. Pro Gast und Tag erhält das Dorf fünf Dollar, ein relativ bescheidener Anteil, doch er reicht aus, um ein Bewässerungsprojekt zu bezahlen, die Grundschulen zu renovieren und eine weiterführende Schule zu bauen. Die Erfahrung in Rubanda zeigt, dass auf diese Weise auch der Nationalpark profitiert: „Wenn sie mit den Tieren Einkommen erzielen und ihre Kinder zur Schule schicken können, verstehen die Menschen die Bedeutung des Ökosystems“, erklärt Godlisten Mantylia, der Leiter des Ökosystemmanagement-Projektes.

Ob sich der Nationalpark in ein Refugium für besonders wohlhabende Touristen verwandelt, ist noch nicht ausgemacht, dass allerdings die umliegenden Gemeinden durch Ökotourismus in den Erhalt des Schutzgebietes eingebunden werden können, zeigen solche Projekte wie das in Rubanda.

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