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Nische mit Gewinnchance

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 01.04.2008 11:08

Mit gemischten Gefühlen blicken die Wissenschaftler auf den wachsenden Rohstoffhunger der Welt. Gerade Meeresforscher sorgen sich um die Folgen, die ein umfangreicher Bergbau für den größten Lebensraum der Erde haben könnte. Professor Peter Herzig, Rohstoffgeologe und Direktor des IFM-Geomar, wo Geologen und Biologen unter einem Dach arbeiten, kommentiert im Gespräch mit planeterde die Aussichten des Meeresbergbaus. Die Fragen stellte Holger Kroker

Frage: Rechnet sich der Tiefseebergbau?

Peter HerzigHerzig: Ich denke, wenn sich die Metallpreise weiter so entwickeln wie in den vergangenen zwei Jahren, dann rechnet sich fast alles auf dem Rohstoffsektor. Momentan wird von der internationalen Explorations- und Bergbauindustrie ein wahnsinniges Geld verdient. Es ist noch nie so lukrativ gewesen, Rohstoffe abzubauen, wie in den letzten zwei Jahren. Können Sie sich vorstellen, dass Goldgruben an Land Produktionskosten von 180 Dollar pro Feinunze haben und heute die Feinunze für über 1000 Dollar auf dem Spot Markt verkaufen können, dann ist das ein extrem attraktives Geschäft. Und das gilt letztendlich auch für Kupfer, das gilt für Zink, das gilt für fast alle Metalle. Und Eisen, wer hätte sich früher für Eisen interessiert? Niemand. Wir haben momentan Stahlpreise, die so astronomisch sind, wie sie noch nie waren.

Frage: Welche Lagerstätten sind denn Massivsulfide und warum sind die so interessant?

Herzig: Die Massivsulfide entstehen durch die Tätigkeit von so genannten schwarzen Rauchern. Dabei handelt es sich um die Austrittsstellen von sehr heißem Meerwasser, das Temperaturen von bis zu 400°C hat. Und dieses Meerwasser, das an diesen black smokern austritt, führt Metalle und Schwefel in gelöster Form. Und wenn diese Lösung mit diesem hochtemperierten Fluid am Meeresboden austreten, dann bilden sich Erzvorkommen. Sie bestehen aus Metallen in Kombination mit Schwefel, das einfachste ist Kupfer plus Schwefel und etwas Eisen, gibt ein Kupfermineral, Zink plus Schwefel gibt ein Zinkmineral, die Zinkblende.

Frage: wie will man diese Schlote denn abbauen?

Herzig: Die  Schlote will man eigentlich gar nicht abbauen, sondern das Interessante ist der Bereich unterhalb dieser Schlote. Wenn ein solches Rohstoffvorkommen entsteht, dann bilden sich in der Tat zunächst einmal solche Schornsteine, mit der Zeit brechen diese Schornsteine zusammen, es bildet sich also ein Grus von Metallsulfiden am Meeresboden. Die Lösungen, die weiterhin aufsteigen, die diffundieren dann durch diesen Schutt nach außen und die Schlote stellen eigentlich nur die Schornsteine der Fabrik dar, die Erzproduktion findet unterhalb statt. Wir haben Vorkommen untersucht, im Atlantischen Ozean, die haben Durchmesser von mehreren 100 Meter, und Mächtigkeit von bis zu 150 Meter. Und das sind große, wahrnehmbare, hochkonzentrierte Erzvorkommen, die zu zwei Dritteln unterhalb des Meeresbodens liegen. Es geht überdies ausschließlich um Vorkommen, die nicht mehr aktiv sind. Das heißt, Vorkommen, die nicht mehr heißes Wasser ausstoßen, keine einzigartigen Lebensgemeinschaften mehr mit sich bringen und keine einzigartigen Ökosysteme und Oasen der Tiefsee darstellen.

Frage: wie will man da drankommen?

Herzig: Ich denke, man würde das ähnlich machen wie heute beim Diamantabbau vor der Küste Namibias: mit großen Fräsen, die einen Durchmesser von etwa sieben bis acht Metern haben. Die sind an der Unterseite mit großen Zähnen besetzt und haben im Zentrum eine Öffnung, die über einen Förderschlauch mit dem Bergbauschiff verbunden ist. Und diese Fräsen werden auch schon durch ihr Eigengewicht in den Meeresboden gedreht. Bei den Erzvorkommen ist es so, dass das Material an sich zwar eine hohe Dichte hat, aber nicht besonders hart ist. Und auch die Gesteine, die diese Erze am Meeresboden enthalten, sind nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand, weil sie dauernd von heißen Lösungen durchströmt wurden. Das heißt, die Gesteine dort sind spröde, weich und brüchig. Und man könnte tatsächlich mit einer Fräse, die mit hohem Gewicht am Meeresboden fräst, das Material zerkleinern und über einen zentralen Förderschlauch dann zum Bergbauschiff fördern. Andere Konzepte sind so genannte Crawler, das sind Systeme, die sich am Meeresboden bewegen und das Material vor sich klein mahlen und dann ebenfalls über einen Förderschlauch nach oben befördern.

Frage: wie würde das an Bord aufbereitet?

Herzig: Ja, an Bord bekommen Sie so eine Art Suspension, Feinmaterial, das besteht aus Gestein und Erz. Ich denke, man würde an Bord einzig und allein eine Trennung von Gestein und Erz vornehmen, wenn das möglich wäre.

Frage: Und was geschieht mit dem Abraum?

Herzig: Den würde man dann wieder am Meeresboden absetzen. Der Abraum und eventuell noch enthaltener Sulfidgrus haben allerdings eine relativ hohe Dichte. Das heißt, das Material würde sich da ablagern, wo es herunter fällt, und vielleicht im Umkreis von einem Kilometer, wenn man sich das mal kreisförmig vorstellt, noch wahrnehmbar sein, darüber hinaus aber nicht mehr. Hieraus ergibt sich, dass es zwar an der Stelle der Förderung einen erheblichen Einfluss dieser Bergbaumaßnahmen auf den Meeresboden gibt, aber die Ausdehnung ist begrenzt. Das kann man letztendlich technisch in den Griff bekommen.

Frage: wie groß sind die Gebiete?

Herzig: Die Gebiete sind nicht sehr groß: vielleicht 200 oder 300 m Durchmesser. Das nächste Vorkommen würde man vielleicht einige Kilometer entfernt finden. Ich denke, ein größeres Abbaugebiet wird ein Gewinnungsschiff vielleicht ein Dreivierteljahr beschäftigen, und dann würde man zum nächsten Vorkommen fahren. Und hier hat man eben auch wieder die Attraktivität, dass man sein Bergwerk sozusagen mitnehmen kann von Lagerstätte zu Lagerstätte und tatsächlich diese in mehr oder weniger großen Abständen perlschnurartig an den mittelozeanischen Rücken aufgereihten Vorkommen gewinnen könnte.

Frage: wie rechnet sich so eine Investition, wenn das Schiff nur ein Dreivierteljahr lang beschäftigt ist?

Herzig: Ja, man muss eben mehrere Claims haben. Eine der Firmen, Nautilus, hat den ersten Claim in Papua-Neuguinea, und das setzt sich fort zu den Fidschi-Inseln, dann gehen Sie nach Süden, da haben wir Neuseeland, nach Norden kommt man dann in Richtung Philippinen, da kommt man in japanische Gewässer. Und Tonga nicht zu vergessen. Gerade Tonga ist ein interessantes Gebiet, was Massivsulfide angeht. Und die ganze Sache rechnet sich tatsächlich nur, wenn man zehn, 15, 20 Claims hat, die man untersuchen darf und auch muss. Was noch nicht befriedigend gelöst ist, ist die Frage, wie mächtig die Vorkommen sind, die dort in Papua-Neuguinea auftreten, denn das hat natürlich etwas zu tun mit der Wirtschaftlichkeitsberechnung. Und ich glaube, dass es dazu noch keine verlässlichen Aussagen gibt. Jetzt wird mit geophysikalischen Methoden versucht, Indikatoren dafür arbeiten, um festzustellen, wie mächtig sind denn die Erzvorkommen. Und auf der anderen Seite ist es so, dass Forscher gerne auch in der Vergangenheit dazu tendiert haben, besonders schöne Proben zu nehmen, diese dann zu analysieren, und dann kommt man zu Metallgehalten, die zum Teil atemberaubend sind, das ist im übertragenen Sinne so eine Art Nugget-Effekt.

Frage: Bislang haben Wissenschaftler wie Sie einen Großteil der Arbeiten durchgeführt. Wird das so weitergehen?

Herzig: Nein. Die Industrie müsste sich natürlich mit der Suche nach neuen Vorkommen beschäftigen, wenn sie Geld mit diesem Bergbau verdienen möchte. Die Wissenschaft ist nicht dazu angetreten, weltweit 60.000 km mittelozeanische Rücken abzugrasen und Vorkommen zu suchen, die dann von der Industrie ausgebeutet werden. Wir haben vielleicht zehn Prozent der 60.000 km untersucht, der Rest sind weiße Flecken auf der Landkarte. Und das will sicherlich die Forschung nicht weiter machen. Wissenschaft kann eben nur dann interessant sein, wenn man auch Neuland betritt. Das heißt, die Industrie müsste tatsächlich, wenn Sie Interesse hat, da nachhaltig heranzugehen, im wirtschaftlichen Sinne, weitere Vorkommen erschließen und Exploration betreiben.

Verweise
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