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Fluchtpunkt der Hoffnung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 05.01.2009 12:04

Das denkbar schärfste Kontrastbild bieten die Millionenstädte Afrikas oder Indiens. Sie gehören zu den am schnellsten wachsenden Gemeinwesen der Welt - und brechen unter diesem Wachstum beinahe zusammen. So schlimm uns die Zustände in den Slums dieser Städte erscheinen mögen, verglichen mit den Bedingungen, wie sie auf dem Land häufig herrschen, scheinen die Elendsviertel noch die besseren Perspektiven zu bieten.

KiberaÜberall in Nairobi stoßen Erste und Dritte Welt in einer Weise aufeinander, wie sie krasser kaum denkbar ist. Als kenianische Hauptstadt, mehr aber noch als einer der wesentlichen UN-Standorte der Welt zieht die 3-Millionen-Einwohner-Metropole viele gut ausgebildete und gut verdienende Menschen an. In manchen Vororten wohnen die Gutsituierten so, wie sie überall auf der Welt wohnen: Ausgedehnte Gärten mit üppigem Grün, Swimming pools, großzügige Häuser. Golfplatz und Rennbahn sind ebenfalls vorhanden. Direkt neben einem solchen Viertel der Mittel- bis Oberklasse trifft der Blick auf einen Flickenteppich aus rostbraunen und grauen Dächern, so dicht an dicht gesetzt, dass man kaum Wege zwischen ihnen ausmachen kann. Kibera ist der größte Slum Nairobis und nach zahlreichen Statistiken wohl auch der größte Afrikas. Bis zu 1,2 Millionen Menschen sollen hier auf einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern hausen.

Von Grün ist in Kibera nicht mehr die geringste Spur zu finden, Bäume hätten hier keine Überlebenschance, denn ihr Holz wäre äußerst wertvolles Brennmaterial. Ein dreckiger, verschlammter Fluss und ein paar kleinere Bäche quälen sich durch den Slum, ihr Wasser ist zu verschmutzt, um es trinken zu können, denn alle Abwässer fließen hinein - selbstverständlich ungeklärt. In den 80er Jahren begann in Kenia die Landflucht und das bis dahin eher beschauliche Kibera explodierte förmlich. Jetzt drängen sich fensterlose, rostige Wellblechhütten, die Wände aus Knüppeln, Lehm und Pappe zusammengezimmert, dicht an dicht. In jeder Hütte, kaum größer als ein Zimmer, wohnt eine Familie mit drei Generationen. Die Bevölkerungsdichte beträgt schwindelerregende 300.000 pro Quadratkilometer.

Kibera wuchert auf Staatsland, aber das heißt nicht, dass sich irgendjemand um so etwas wie Planung für das Gebiet gekümmert hat. Einen Anschluss an die öffentliche Wasserversorgung gibt es ebenso wenig wie den ans Kanalnetz; Schulen, Straßen, andere Infrastruktur sind Mangelware. Dennoch gibt es Trinkwasser - falls man es sich leisten kann. Denn Wasserhändler haben Rohre durch die offenen Abwassergräben gelegt, und das Wasser kann man kaufen, in Dürrezeiten kostet es mehr als in New York. Dabei sind die Rohre porös, Krankheitserreger und Dreck dringen ein. Dann hilft nur noch die Low-Tech-Entkeimung: Das Wasser wird in Plastikflaschen gefüllt und in die pralle Sonne gestellt. Die Chancen stehen gut, dass eventuelle Krankheitserreger diese Sterilisierung nicht überstehen.

DharaviSlums wie Kibera wuchern in allen afrikanischen Städten, in den indischen ist es ähnlich. Nach Angaben der UN-Spezialorganisation für Wohnen "UN-Habitat" leben in Afrika südlich der Sahara 72 Prozent der Menschen in Slums. Die Verstädterung schreitet in dieser Region am schnellsten voran, selbst im boomenden China ist die Rate geringer. Die nigerianische Hafenstadt Lagos, ehemaliger Regierungssitz und immer noch wirtschaftliches und finanzielles Zentrum des ölreichen Landes, ist symptomatisch für diese Entwicklung. Je nachdem, welche der offiziellen Statistiken man heranzieht, ballen sich acht, elf oder gar 18 Millionen Menschen auf den rund 1000 Quadratkilometern Stadtfläche. Zum Vergleich: Die Fläche Berlins beträgt knapp 900 Quadratkilometer - und das bei rund 3,5 Millionen Einwohnern.

Städte wie Lagos sind die Ziel- und Endpunkte einer Landflucht, die sich aus der Hoffnung speist, es in der Stadt besser zu haben. In den Staaten des südlichen Afrikas ist der Anteil der Städte an der Gesamtbevölkerung mit etwa 30 Prozent noch relativ gering. Das allgemeine Bevölkerungswachstum und die Verschiebung vom Land zur Stadt führen dazu, dass die Städte förmlich explodieren. Lagos wird von jährlich 600.000 Zuwanderern geradezu überrannt, seine Wachstumsrate ist die zweitgrößte in Afrika, gleich hinter der malischen Hauptstadt Bamako. „Dabei“, betont Städtebauexperte Eckhart Ribbeck, „hat die Stadt keine richtig greifbare Attraktivität in Form von Arbeitsplätzen.“ Obwohl sie das ökonomische Herz Nigerias ist, kann die Stadt den jährlichen Zustrom nicht verkraften. Die Menschen kommen trotzdem, weil das Leben auf dem Land offenbar noch weniger zu bieten hat als die Hoffnung, es in der Stadt zu etwas zu bringen. Deshalb dehnen sich neben den prosperierenden Viertel immer größere Siedlungen aus, die von UN-Habitat als Slum qualifiziert werden. „Der Aufstieg, von dem die Menschen wahrscheinlich träumen, dürfte für die Masse der Leute schwierig sein“, so Ribbecks ernüchternde Erkenntnis.


Infolge chronischer Finanzschwäche der Stadtverwaltung kann der Ausbau der Infrastruktur mit den immer weiter wuchernden Siedlungen schon lange nicht mehr Schritt halten. „Wo der Druck am größten ist, wird dann eben wieder eine Notmaßnahme gemacht, ein Stück Straße oder ein Stück Wasserleitung“, erklärt Eckhart Ribbeck, „aber das hinkt natürlich enorm hinter dem Stadtwachstum her.“ Wie Kibera auch bestehen diese lagosianischen Siedlungen aus einstöckigen, wellblechgedeckten Gebäuden. „Das wirkt zu zwei Dritteln überhaupt nicht städtisch“, sagt der Stadtplaner, „aber wenn man sich das genauer anschaut, sieht man, dass das, was nach Hütten aussieht, in Wirklichkeit Mietshäuser sind.“ Jedes Gebäude hat ein bis zwei Dutzend Räume und in jedem findet eine Großfamilie Unterschlupf. „Selbst wenn das flache Gebiete sind“, so Ribbeck, „erreichen die unglaublich hohe Bevölkerungsdichten, und dann wird der Infrastrukturmangel brisant.“

Wo die Verwaltung versagt, springen oft andere ein. Der informelle Sektor spielt in diesen Megastädten eine manchmal beherrschende Rolle. Wenn es kein Wasser vom Wasserwerk gibt, liefern es private Händler. Man hängt vielleicht nicht am Netz des örtlichen Stromversorgers, doch Elektrizität kann es trotzdem geben - immer vorausgesetzt, man kann die Preise zahlen. „Es ist ein flexibles System“, sagt Eckhart Ribbeck, „es gibt Generatoren oder Batterien, auch Leitungen lassen sich anzapfen.“ Informalität sorgt in den Siedlungen, die von der Verwaltung ignoriert werden, für Ordnung und Struktur.

 „Der Begriff Informalität ist sehr facettenreich, fast schillernd“, erklärt der Stuttgarter Architekt, „er reicht von fast positiv, spontan, vital, improvisiert zu verheerend und verelendet.“ Die ausufernden Siedlungen der inzwischen mehr als 13 Millionen Einwohner fassenden ägyptischen Hauptstadt Kairo sind ein Beispiel dafür, dass sich die Menschen ohne oder sogar gegen die Administration helfen können. Das Schwemmland des Nildeltas wird Zug um Zug in Siedlungsland umgewandelt. „Das Land ist in schmale, lange Felder eingeteilt, und man sieht am Stadtrand sehr gut, wie die informellen Strukturen diesem System folgen“, berichtet Städtebauprofessor Eckhart Ribbeck. Aus den traditionellen Bewässerungskanälen werden Straßen, die Äcker werden parzelliert und mit Häusern oder Hütten überbaut. Diese Strukturen erleichtern es später auch, die Infrastruktur Stück für Stück nachzurüsten. „Entlang der Kanäle kann man Leitungen legen, Straßen befestigen, Abwasserkanäle bauen“, so Ribbeck. Denn viele dieser informellen Siedlungen etablieren sich immer mehr und steigen schließlich zu formalen, das heißt anerkannten Siedlungen auf.

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