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Jahrhundertelange Ausbeutung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.04.2010 16:44

Nord- und Ostsee sind neben dem Mittelmeer die Hausgewässer Europas. Deshalb ist die Suche in europäischen Archiven besonders ergiebig gewesen. Für die H-Map-Forscher ergab sich aus Bordbüchern, Steuerlisten und Kontorunterlagen das Bild einer Ökosystem-Umwandlung, die schon seit Jahrhunderten andauert.

Sardinen zum VerkaufDank der Steuern erwiesen sich die Archive als wahre Fundgruben: Im 15. oder 16. Jahrhundert war Kabeljau im Baltikum so gut wie bares Geld, und man konnte die Herrschenden mit einer Wagenladung voll Ostseefisch zufrieden stellen. Kein Wunder, dass Steuereintreiber ganz genau wissen wollten, wer wann was wo gefangen hat. Die Ergebnisse der Forschungen waren erstaunlich, urteilt Poul Holm. Etwa für die Nordsee und das Wattenmeer:

"Ganz offensichtlich wird die Nordsee schon seit mehreren Jahrhunderten stark befischt. Dort reichen die Ursprünge der kommerziellen Seefischerei 1000 Jahren weit zurück, in die Zeit, als die Normannen England eroberten", berichtet Holm. Von der Mitte des 11. Jahrhunderts an begannen die Europäer zunehmend Seefisch zu verzehren statt der bis dahin vorherrschenden Süßwasserarten. Anscheinend reichten Flüsse und Seen nicht mehr aus, um die wachsende Bevölkerung satt zu bekommen - und die Fischer wagten sich mit ihren einfachen Schiffen erst einmal an die Meeresküste. 


ForschungstrawlUm 1250 muss es einen neuen Entwicklungssprung in der Fischerei gegeben haben: In den Küchenabfällen tauchen Fische wie Seelachs auf, die im tieferen Wasser leben. "Die fängt man nicht mehr mit offenen Schiffen, sondern mit solchen, die ein Deck haben und sich für das Fischen in tieferen Gewässern der Nordsee eignen", so Holm. Die Reaktion der Meere folgte umgehend. Die Kabeljaugräten in den Abfällen wurden immer kleiner, was dafür spricht, dass der Fischfang schon damals auf die Durchschnittsgröße der Tiere drückte. Holm: "Es hat uns wie ein Blitz getroffen, dass der Fischfang fast von Anfang an die Umwelt veränderte.


Aber noch gingen die Bestände nicht deutlich zurück. Das begann erst einige Jahrhunderte nachdem die Europäer hochseetauglich geworden waren. Die Daten der niederländischen Heringsfischerei, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen, verraten den Zeitpunkt für diesen bedeutenden Speisefisch (PDF-Datei). Poul Holm: "Das Heringsaufkommen sinkt um das Jahr 1800. Wir können das genau nachvollziehen, weil die Fänge für die Berechnung der Steuern extrem genau dokumentiert worden sind, und ab dann sehen wir eine deutliche Abnahme." Zu einer Zeit, als die Weltbevölkerung die erste Milliarde überschritt und in Europa die industrielle Revolution lief. Aber von den Industriefischerei-Schiffen, die so oft in der Kritik stehen, war damals noch nichts zu sehen. Um die Ökosysteme nachhaltig zu schwächen, waren sie offenbar nicht nötig. "Es hat uns wirklich sehr überrascht", so Poul Holm, "dass die vorindustrielle Fischerei einen so deutlichen Einfluss auf die Ökosysteme hatte. Das gilt nicht nur für Nord- und Ostsee, sondern es ist ein globales Phänomen. Wir haben den Einfluss der frühen Fischerei vollkommen unterschätzt."