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Höchste Zeit zu handeln

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.09.2010 15:19

Die meisten der marinen Ökosysteme stecken in Schwierigkeiten. In den Ozeanen drehen sich Müllstrudel vom Ausmaß eines Kontinents - der größte im Zentralpazifik. Korallenriffe sterben ab. Sauerstofflose Zonen breiten sich aus. In Mittelmeer und Atlantik steht der Blauflossen-Thunfisch vor dem Kollaps. Haiarten verschwinden. Und so lautet eine Frage, die der Zensus der Ozeane stellt: Wer wird morgen in den Meeren leben?

Thunfischauktion in Japan"Der Zensus des marinen Lebens hat gezeigt, dass verschiedene Einflüsse des Menschen wirklich globale Auswirkungen haben und das Meer als Gesamtsystem nicht nur verändern können, sondern stark verändert haben", berichtet Boris Worm, Professor für Meereswissenschaften an der Dalhousie-Universität im kanadischen Halifax. Er leitet das Zensus-Projekt FMAP zur Zukunft der Meerestiere. Diese Erkenntnis traf die Wissenschaftler ziemlich unvorbereitet, "denn wir haben lange nicht geglaubt", so Worm, "dass die Menschen das Meer als Gesamtsystem verändern können."

Und doch ist es so: Der moderne Mensch hat die Mittel, auch das Ökosystem Ozean in all seiner Größe und Vielfalt drastisch zu verändern. Der Mensch greift mit Überfischung in die Meere ein, mit Umweltverschmutzung, Meeresversauerung, Klimawandel. Besonders bedroht sind dabei die Ökosysteme in den Tropen und an den Polen, also dort, wo es besonders warm und wo es besonders kalt ist. "An den Polen leben Organismen, die an Kälte angepasst sind. Wird es in den polaren Regionen wärmer, können sie nicht mehr ausweichen. Die Erwärmung könnte also ganze Ökosysteme zerstören", erklärt Stephen Palumbi, Leiter der Hopkins Marine Station an der Stanford University in Monterey, Kalifornien. In den Tropen werde es vor allem die Lebewesen treffen, die jetzt schon am oberen Rand des Temperaturspektrums leben und dabei fest sitzen, Korallen in den warmen Randmeeren wie Karibik oder Rotem Meer etwa. Wird es zu warm, stoßen sie ihre Algensymbionten ab: Die Korallen bleichen aus, sterben meistens ab. Inzwischen ist weltweit ein Viertel aller tropischen Riffe tot.

QualleImmer stärker dehnen sich auch die Todeszonen in den Weltmeeren aus, die Gebiete, in denen der Sauerstoffgehalt des Meerwassers unter das lebensnotwendige Niveau sinkt. 1995 waren weltweit 305 Meeresregionen zumindest vorübergehend von Sauerstoffarmut betroffen, 2009 waren es über 400, darunter auch das Kattegat vor Norwegen. Der Klimawandel wird diese Zonen weiter wachsen lassen, denn im warmen Wasser löst sich weniger Sauerstoff als im kalten. Hauptverursacher ist der Mensch, der vor allem durch die Landwirtschaft zu viele Nährstoffe in die Umwelt bringt und diese letztendlich über die Flüsse in das Meer einleitet. "Der Nährstoff-Überschuss läßt im Meer die Algen blühen. Sterben sie ab, sinken sie zu Boden, zersetzen sich, verbrauchen Sauerstoff. Dafür löst sich giftiger Schwefelwasserstoff im Wasser", erklärt Ozeanograph Stephen Palumbi den Mechanismus. Gerade vor Flussmündungen wie der des Mississippi oder in abgeschlossenen Meeren wie der Ostsee kann es in Zukunft zu öfteren und ausgedehnteren Sauerstoffmangelzone kommen, mit all den negativen Auswirkungen für das Leben dort.

Gleichmäßig und schleichend wirkt dagegen das Kohlendioxid, das der Mensch in die Luft bläst. Im Meer gelöst macht es aus dem neutralen Wasser ein ganz schwache Säure. Die reicht allerdings aus, um alle kalkbildenden Organismen in Schwierigkeiten zu bringen. Das sind nicht nur Korallen, Muscheln, Seeigel oder Seesterne, das sind auch kalkbildende Mikroalgen, die einen großen Teil des Phytoplanktons bilden. Damit trifft der Mensch die Basis des gesamten Ökosystems. "Wenn durch die Meeresversauerung Planktonorganismen ausfallen, die an der Basis der Nahrungskette stehen, können die Folgen auf alle Ebenen der marinen Ökosysteme durchschlagen", warnt Palumbi. Aber auch ganz unerwartete Effekte werden auftreten. So dürften Fische Probleme mit ihrem Gleichgewichtsorgan bekommen, denn das braucht zum Funktionieren die so genannten Otolithen, Kalkkristalle, die in einem saureren Milieu möglicherweise nicht mehr richtig aufgebaut werden können. Bei den Larven von Korallenfischen hat man überdies bereits experimentell nachgewiesen, dass sie in saurerem Ozeanwasser ihre Fähigkeit verlieren, Räuber zu erkennen. Der Fraßdruck auf die jungen Fisch wird daher drastisch steigen.

Sardinen zum VerkaufDer unmittelbarste und auch drastischste Eingriff des Menschen in die Ökosysteme der Weltmeere ist aber weiterhin die Fischerei. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es keinen Fleck im Ozean mehr, der nicht von Überfischung betroffen ist. Thunfisch, Schwertfisch, Kabeljau, Heilbutt, gerade die großen Räuber sind drastisch unter Druck geraten. "Wir haben 90 Prozent dieser Spitzenräuber aus den Nahrungsnetzen entfernt, das ist als Tatsache an sich schon beunruhigend", erklärt Poul Holm vom Trinity College in Dublin. Der Rückgang der Räuber beeinflusst das gesamte Zusammenspiel, wer wen frisst. Als 1992 nach 500 Jahren Fischerei die Kabeljaubestände vor der kanadischen Küste zusammenbrachen, verloren Zehntausende Menschen über Nacht ihren Job. Das Ökosystem im Nordwestatlantik aber wurde dauerhaft und komplett umgekrempelt.

"Die Kabeljau-Bestände haben sich kaum erholt, obwohl sie nicht befischt werden", berichtet Boris Worm. Der Grund: Durch das Verschwinden des Kabeljaus hat sich das Kräfteverhältnis im Meer grundlegend verändert. Tiefseegarnelen oder Heringe, die früher auf dem Speiseplan des Räubers gestanden haben, vermehrten sich und übernahmen die dominante Rolle. Und so wurden die Jäger von einst zu den Gejagten: Jetzt machen sich Krebse und kleinere Fische über die Eier und Larven des Kabeljaus her.

Das Problem für die Weltmeere ist, dass der Mensch hier mit seiner Jagd vor allem die Spitzen der Nahrungspyramiden kappt. Die Meeresbiologen lernen gerade erst, welche drastischen Konsequenzen das für die Ökosysteme hat. Eine Studie hat dies etwa am Beispiel der Riffe untersucht. Randy Kochevar von der kalifornischen Stanford Universität: "Die Artenvielfalt in den Riffen nimmt sofort ab, auch wenn das auf den ersten Blick seltsam erscheint. Verschwinden die großen Räuber an der Spitze der Nahrungskette, schadet das dem gesamten Ökosystem." Auch aus anderen Gegenden tauchen dafür Beispiele auf. Vor der US-Ostküste etwa haben die Kuhnasenrochen nach dem faktischen Ende der Haie drastisch zugenommen und fressen den Muschelfischern der Chesapeake Bay ihre Muschelbänke leer.

Die Technik erlaubt es der Fischereiindustrie, die Meere zu plündern. Während in der Heringsfischerei noch 1930 die Netze per Hand von Segelschiffen ausgeworfen wurden, passen in die Netzen, die heute ins Kielwasser gleiten, zwanzigstöckige Hochhäuser, und schwere Grundschleppnetze durchpflügen den Meeresboden. In der Langleinenfischerei surren bis zu 130 Kilometer lange Leinen mit mehr als 20.000 Köderhaken über die Motorwinden. Für jeden Schwertfisch, der an einem dieser Haken zappelt, wird zusätzlich ein Hai gefangen und später dann zum Sterben ins Wasser geworfen. Auch Meeresschildkröten oder Albatrosse verenden daran. Die Folge des Raubbaus: 1950 fingen die Langleinenfischer auf 100 Haken zehn große Fische. 2003 war es im Durchschnitt nur noch einer - und der wog auch nur noch die Hälfte. Jahr für Jahr verschwinden immer mehr Fischbestände, notiert der Meeresbiologe Boris Worm: "Den Zusammenbruch an Beständen haben wir in diesem Fall an den Fangmengen festgestellt, die um 90 Prozent oder mehr zurückgingen in diesen Beständen. Daraus haben wir abgeleitet, dass - wenn dieser Trend sich weiterentwickeln würde - eben irgendwann keine Bestände mehr da wären, die noch befischt werden könnten."

Leer wären die Meere dann keineswegs: Es stehen genügend Tiere bereit, den Platz der noch dominanten Fische zu übernehmen. In einigen norwegischen Fjorden zum Beispiel haben Quallen die Herrschaft an sich gerissen. Dort lebt nach kurzer Zeit nichts anderes mehr: kein Hering, kein Kabeljau - im dunklen Wasser glühen nur noch Quallen, Millionen und Abermillionen roter Tiefseequallen. Eigentlich hatten die Forscher erwartet, dass diese „Ausbrüche“ vorübergehen. Aber wo sich Periphylla festgesetzt hat, bleibt sie - und weil sie im Gegensatz zu den kurzlebigen Flachwasserquallen 25, 30 Jahre alt wird, erwartet inzwischen niemand mehr eine Veränderung. Wer weiß, vielleicht sehen wir die Zukunft der Meere in diesen Fjorden.

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