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Verkehrsüberwachung im Ozean

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.09.2010 15:03

In Monterey an der kalifornischen Pazifikküste betreiben das dortige Aquarium und die kalifornische Eliteuniversität Stanford eine Thunfisch-Forschungsstation. Die großen Raubfische gehören zu den beliebtesten Speisefischen der Welt, ein schönes Exemplar des Roten Thuns erzielt auf dem maßgeblichen Handelsplatz Tsukiji in Tokio Preise von weit über 50.000 Dollar. Entsprechend gejagt werden die Tiere, und deshalb bemühen sich Forscher wie die Meeresbiologin Barbara Block darum, Thune besser kennenzulernen.

Roter Thunfisch"Wir wollen erreichen, dass wir mit einem besseren Verständnis des gesamten Ökosystems die Fischerei, etwa auf Thunfische, besser regeln können", meint Randy Kochevar, einer von Blocks Mitarbeitern. Was die Professorin an der Stanford Universität vor rund 15 Jahren im Atlantik begann, wurde dank der finanziellen Mittel des Meereszensus im Pazifik großmaßstäblich fortgesetzt. Großen Meeresräubern werden High-Tech-Geräte angehängt oder eingepflanzt, um so ihre Lebensgewohnheiten fernab der Küsten zu ergründen. "Wir haben 23 verschiedene Meeresräuber mit elektronischen Tags ausgestattet. Darunter mehrere Arten von Thunfischen, Haien, Walen, Seevögeln, Seelöwen, See-Elefanten, Robben, sogar Kalmare", erklärt der Meeresforscher. Dieser Vielfalt an Arten verdankt das Projekt neben der schieren Zahl der eingesetzten Instrumente seinen geradezu dramatischen Informationsgewinn. "Wir bekommen nicht nur ein Bild davon, wie nun eine Lederschildkröte den Ozean für sich nutzt oder ein Dunkler Sturmtaucher. Wir erkennen vielmehr, wie das Ökosystem funktioniert: Wo die Wasserlöcher sind, die satten Weiden, die Wüsten - und wie die Tiere von Platz zu Platz ziehen", so Kochevar.

See-ElefantDie Biologger blieben zum Teil jahrelang aktiv und lieferten Daten, manche verstummten allerdings sehr schnell. Gerade bei Thunfischen dauerte es nur auffällig kurze Zeit. "Im Atlantik hat es Geräte gegeben, die fast sieben Jahre lang aufgezeichnet haben. Hier im Pazifik ist die Hälfte der Thune, die wir mit Topp erfasst haben, schon gefangen worden", berichtet Dan Costa, Ozeanographieprofessor an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz, der das Projekt zusammen mit Barbara Block leitet. Den Thunfischen werden die Aufzeichnungsgeräte eingepflanzt, daher kommen die Daten nur dann zu den Projektwissenschaftlern zurück, wenn die Tiere gefangen und geschlachtet werden. Den beteiligten Forschern wurde bei der Geschwindigkeit, mit der die Biologger in ihrem Briefkasten landeten, ganz anders: "Wir reden sehr ungern über die tatsächliche Rücklaufrate", meint Randy Kochevar, "aber sie ist verrückt." Sein Kollege Dan Costa wird deutlicher: "Das spiegelt ziemlich klar die Fischereiintensität hier im Pazifik wider."

Neben diesen indirekten Informationen über die Fischereiintensität lieferte das Programm aber vor allem Einblicke in die Struktur des gewaltigen pazifischen Lebensraums. "Wir erkennen Bewegungsmuster", berichtet Kochevar, "hier vor der Westküste Nordamerikas gibt es Hotspots, durch die im Lauf eines Jahres Hunderttausende von Tieren ziehen." Daneben gibt es einen viel genutzten Korridor über den Ozean in Richtung Asien. Denn die großen Meeresbewohner schwimmen nicht einfach so durch den größten Ozean der Welt, sondern sie benutzen die Front, an der kaltes arktisches auf warmes tropisches Wasser trifft und die den gesamten Ozean entlang von der kanadischen bis zur japanischen Küste verläuft. Das arktische Wasser läßt das Plankton hervorragend wachsen, während das tropische und subtropische Wasser angenehme Temperaturen bietet. Das Gebiet bietet daher den großen Meerestieren das Beste aus zwei Welten. Kochevar: "Wenn sie immer an der Grenze bleiben, dann bekommen genug zu fressen und angenehme Temperaturen."

Weißer HaiDabei legen die Tiere zum Teil ungeheure Strecken zurück. Rekordhalter sind die Thunfische, die innerhalb eines Jahres von Kalifornien nach Japan und wieder zurück schwimmen. Aber auch See-Elefanten sind ungeachtet ihrer an Land ungeschlachten Erscheinung wahre Meisterschwimmer, die von Kalifornien bis in die Antarktis und zurück gelangen. Besonders interessante Informationen lieferten die Haie, die von den Topp-Wissenschaftlern eingespannt wurden. Sie legen zwar keine so gewaltigen Distanzen zurück wie die Thune, pendeln aber trotzdem ständig zwischen dem Zentrum des Pazifik und den US-Küsten hin und her. Weiße Haie tauchen vor Kalifornien auf, sobald sich See-Löwen und -Elefanten dort zur Paarung einfinden, Lachshaie besuchen Alaska, sobald die großen Lachsschwärme sich dort zur Laichablage in den Flüssen treffen.
 
Der interessanteste Hai-Versammlungsort befindet sich jedoch im offenen Pazifik weit vor der Küste des mexikanischen Niederkalifornien. Dort ist buchstäblich nichts außer Wasser, der Ort gehört zu den "blauen Wüsten" im Ozean, wo wegen Nährstoffmangel kaum etwas lebt. Und doch versammeln sich die Haie dort regelmäßig für rund ein halbes Jahr. "Wir haben diesen Ort das 'Café zum Weißen Hai' genannt", meint Randy Kochevar, "denn dort scheinen sich die Haie nur zu treffen, um sehen und gesehen zu werden. Wir haben nicht die geringste Ahnung, was sie dort machen." Die Tiere schwimmen dort umher und tauchen hinab bis in 300 Meter Tiefe.

Neben den Erkenntnissen über die Lebensweise der Meerestiere liefert das Topp-Programm aber auch die Grundlage für deren besseren Schutz. Anders als an Land bleiben in den Ozeanen die fetten Weiden, Wasserlöcher und Wüsten nicht unbedingt immer an ein- und demselben Platz:  Aber je besser man die Wanderungen versteht, was die Tiere anzieht, um so flexibler und effizienter lassen sich Meeresgebiete schützen. Damit nicht gerade dann gefischt wird, wenn die gefährdeten Arten den Korridor benutzen. Solches Wissen kann für die Zukunft der Meere entscheidend sein. Drängendstes Beispiel ist wiederum der bei Gourmets rund um den Globus so begehrte Rote Thunfisch. Er ist in akuter Gefahr. Randy Kochevar: "Entgegen den wissenschaftlichen Empfehlungen auch seines eigenen Forschungsbeirates hat ICCAT, die Institution, die die Fischerei auf Thunfische im Ost-Atlantik regelt, ständig Fangquoten festgesetzt, die weit über den wissenschaftlichen Empfehlungen lagen. Wenn das nur ein paar Jahre noch so weitergeht, werden die Thunfische im Atlantik zumindest kommerziell aussterben. Die Zahlen sind jetzt schon rapide gefallen." Zurzeit schwimmt nur noch ein Fünftel des Atlantikbestandes von vor 50 Jahren durch den Ozean.

Ein besseres Verständnis den Roten Thuns könnte sein Überleben sichern und gleichzeitig die menschliche Lust auf sein Fleisch in gewissen Grenzen befriedigen. "Wenn wir zum Beispiel wissen, dass eine bestimmte Art ein bestimmtes Gebiet zu einer bestimmten Zeit aufsucht, um dort abzulaichen, dann macht es Sinn, dieses Gebiet zu dieser Zeit unter Schutz zustellen. Wenn man sie danach fangen will, ist das kein Problem, aber bitte nicht in dieser entscheidenden Reproduktionsphase", betont Kochevar. Für die westliche Population des Atlantik-Thuns konnte TOPP bereits wichtige Daten liefern. Die Laichgründe der Fische befinden sich in zwei präzise umgrenzten Gebieten, die man mit zeitlich begrenzten Schutzzonen sichern könnte. Unglücklicherweise liegt die östliche von ihnen im Einzugsbereich der Bohrloch-Havarie vor der Küste von Louisiana. Zumindest in diesem Jahr dürften die Roten Thune dort schlechte Karten gehabt haben, denn ihre Laichzeit ist ausgerechnet im April und Mai.

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