Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Aktuelles Forscher-Logbuch vom 30. April: Schwefelperlen beim Feierabendbier

Forscher-Logbuch vom 30. April: Schwefelperlen beim Feierabendbier

erstellt von aahke zuletzt verändert: 07.05.2008 15:03

Abenteuer Meeresforschung direkt von Bord: vom 11. bis zum 24. Mai im Forscher-Logbuch, geführt von Nachwuchsforschern und erfahrenen Wissenschaftlern auf der METEOR. Heute berichtet Bert Engelen, Mikrobiologe am Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) an der Universität Oldenburg.

Forscher-Logbuch vom 30. April 2008


24°067’ Süd, 14°12’ Ost

14:00 Uhr; sonnig; Luft: 17,7°C, Wasser: 15,7°C,

Wind Südsüdwest, Stärke 3; Seegang 2 m


Autor: Bert Engelen, Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM)

Bert EngelenBig Brother auf See
Dies ist nun meine dritte Ausfahrt auf der Meteor und meine sechste wissenschaftliche Schiffsreise in den letzten zehn Jahren. Wenn es einen einmal gepackt hat, lässt es einen nicht mehr los. Die Atmosphäre an Bord eines Forschungsschiffes ist einfach einzigartig. Es ist eine Kombination aus der unmittelbaren Nähe zum Meer, der konzentrierten Arbeit und dem Kontakt zu den anderen Mitfahrern. Zwischenmenschlich ist das ganze so ähnlich wie bei "Big Brother“. Man ist mit einem kleinen Haufen Leute für vier Wochen auf engstem Raum zusammen, mit denen man auskommen muss.

Starke Gemeinschaft
Durch diese Extremsituation sind alle Leute sehr offen und versuchen auf die kleinen Macken der anderen einzugehen. Auch die gemeinsame Arbeit an Deck schweißt zusammen. Jeder findet nach den ersten Stationen seine Rolle, um einen reibungslosen Ablauf der Probenahme zu ermöglichen. Viele Proben müssen unmittelbar nachdem sie geborgen wurden verarbeitet werden. Das kann leicht eine Nachtschicht bedeuten, wenn ein Sedimentkern erst spät abends an Deck kommt. Einige Fahrtteilnehmer arbeiten bis zur Erschöpfung und schlafen auf der Tastatur ihres Computers ein. Wichtig ist aber auch, nach getaner Arbeit zusammen zu sitzen, einfach nur Blödsinn zu reden, ein Bier zu trinken und erst mal runter zu kommen, bevor man in die Koje geht.


Forscher-Log: Engelens Bakterien






















Zellen von Thiomargarita namibiensis. a: Die Zellen sind von einer Hülle umgeben und voll von Schwefeltröpfchen. b: Spezifische Anfärbung von DNA mit einem fluoreszierenden Farbstoff. Die Riesenzellen von Thiomargarita sind von anderen Bakterien besiedelt, die als winzige Punke und Fäden zu erkennen sind. Foto: Engelen

Barrierefreiheit für die Wissenschaft

Obwohl die Fahrtteilnehmer unterschiedlich alt sind und sich in verschiedenen Stadien ihrer Ausbildung befinden, gibt es so gut wie keine Barrieren. Auch die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen greifen gut ineinander. Ohne die Beschreibung der Sedimente durch Geologen wüssten wir nur wenig über die Bedingungen, bei denen sie abgelagert wurden, über ihr Alter oder ihre mineralische Zusammensetzung. Mit Hilfe der Geochemiker können wichtige Regionen ausgemacht werden, in denen bestimmte Mikroorganismen leben. Wir Mikrobiologen wiederum helfen zu verstehen, warum die Konzentrationen verschiedener Substanzen mit der Tiefe ab- oder zunehmen. Denn diese Gradienten entstehen vor allem durch die Aktivität von Mikroorganismen.

Die Enge an Bord fördert diese Interdisziplinarität noch stärker als an Land. Erste Ergebnisse führen sofort zu spannenden Diskussionen, bei denen jeder etwas Neues dazu lernt, das er oder sie auf das eigene Fachgebiet anwenden kann. Es fängt schon damit an, dass man sich gegenseitig die wichtigsten Vokabeln und methodischen Prinzipien der einzelnen Fachrichtungen beibringt, um besser zu verstehen, wovon der andere redet.

Die Schwefelperle von Namibia
Aus mikrobiologischer Sicht ist das Gebiet, in dem wir uns befinden sehr interessant. Zum Teil sind die Ablagerungen hier extrem reich an Nährstoffen, wodurch sich einzigartige Bedingungen für Mikroorganismen ergeben. Die Mikrobiologin Prof. Antje Boetius vom Max Planck Institut für marine Mikrobiologie in Bremen entdeckte hier zum Beispiel auf einer früheren Meteor Expedition riesige Bakterien, die sogar mit dem bloßen Auge sichtbar sind. Sie sind fast einem Millimeter groß und bilden lange Ketten aus kugeligen Zellen, die durch Schwefeltröpfchen unter dem Mikroskop hell leuchten. Deshalb wurden sie auch "Thiomargarita namibiensis“, die Schwefelperle aus Namibia, getauft.

Die Proben, die wir hier gewinnen, nehmen wir gut konserviert mit nach Oldenburg, wo wir sie in den nächsten Jahren analysieren. Das Material meiner letzten Ausfahrten wurde von vielen Studenten, Diplomanden und Doktoranden bearbeitet. Es geht an der Universität sogar in die Lehre mit ein und wird z.T. in Praktika für fortgeschrittene Studenten der Studiengänge "Master Microbiology“ und "Marine Umweltwissenschaften“ untersucht.

Bert Engelen




ARCHIV:

Archiv METEOR: Fahrtleiter-Logbuch

Hier finden Sie alle Einträge in das Fahrtleiter-Logbuch
ab dem 11. April 2008.