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Schnellboot unter den Kontinenten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 24.10.2007 23:34

Der Himalaya ist das höchste Gebirge der Erde. Er ist sichtbares Zeugnis des größten Auffahrunfalls der Geschichte. Vor 50 Millionen Jahren bohrte sich der indische Subkontinent mit großem Tempo in die Eurasische Platte und wuchtete dabei den Himalaya und das Hochland von Tibet empor. Warum Indien eine solche für Kontinente atemberaubende Geschwindigkeit entwickelte, hat jetzt ein deutsch-indisches Forscherteam entdeckt und in „Nature“ veröffentlicht.

Unter Kontinenten ist Indien Geschwindigkeitsweltmeister: Es schoss rund 100 Millionen Jahre lang mit rund 20 Zentimetern pro Jahr wie ein kontinentales Schnellboot durch den Indischen Ozean, bis es vor etwa 50 Millionen Jahren ziemlich abrupt abgebremst wurde. „Die Geschwindigkeit von 20 Zentimetern pro Jahr erscheint uns natürlich sehr klein“, meint Professor Rainer Kind, Sektionsleiter Seismologie beim Geoforschungszentrum Potsdam, „sie ist aber für einen ganzen Kontinent sehr groß.“ Zum Vergleich: Europa krebst zurzeit nur mit zwei bis drei Zentimetern nach Nordosten. Warum Indien ein Mehrfaches des kontinentalen Normaltempos an den Tag legte, haben Rainer Kind und Kollegen von der Freien Universität Berlin und dem Indischen Geoforschungszentrum in Hyderabad jetzt in „Nature“ erklärt.

Der Himalaya vom Shuttle aus 

Die größte Knautschzone der Welt ist der Himalaya. Foto: Nasa

Danach verhält sich Indien überraschenderweise zu den anderen Anrainerkontinenten des Indischen Ozeans ungefähr so wie ein schnittiges Rennboot zu einem schwerbeladenen Kiesfrachter: Es ist viel dünner als Afrika, Antarktika oder Australien und konnte daher wie ein Schnellboot über die Oberfläche rauschen, solange jedenfalls bis es die Kaimauer traf, in dem Fall Eurasien. Wie alle Krustenplatten schwimmen auch Kontinente auf einer gleitenden Schicht des Erdmantels über die Erdoberfläche. Aber verglichen mit den ozeanischen Platten, die den Meeresboden bilden, sind sie besonders dicke Krustenpakete mit entsprechendem Tiefgang. „Wir haben aber festgestellt, dass die Indische Lithosphäre nur etwa 100 Kilometer mächtig ist, während die Lithosphären der anderen Teile des ehemaligen Gondwanalandes, Afrika, Antarktika, Australien, um die 200 bis 300 Kilometer mächtig sind“, so Kind.

Für ihre Vermessung der Kontinentaldicke hat das deutsch-indische Team ein Netz modernster seismischer Stationen rings um den Indischen Ozean genutzt. Zum hat das GFZ selbst gerade im östlichen Teil der Region ein Netz von zehn Stationen aufgebaut, das von zehn weiteren Stationen an den gegenüberliegenden Küsten des Ozeans ergänzt werden soll. Sie sollen vor allem das Tsunamiwarnsystem im Indik mit Erdbebeninformationen füttern, die Daten stehen aber eben auch der Forschung zur Verfügung. Zum anderen haben auch viele Anrainerstaaten bereits entsprechende Meßsysteme installiert. Sie alle verzeichnen die Wellen, die die Erdbeben durch den Untergrund senden, mit unglaublicher Präzision. Dadurch wiederum erhalten die Forscher ein Bild vom Aufbau des Untergrunds, dessen Auflösung außerordentlich hoch ist.

Schneidbrenner aus dem Erdinneren trieb Kontinent auseinander

So erhält man ein sehr genaues Bild davon, was mit Gondwanaland passiert ist. Gondwanaland, so hieß der riesige Südkontinent, zu dem die drei Kontinente Afrika, Australien und Antarktika sowie der Subkontinent Indien viele Millionen Jahre lang zusammengeschlossen waren. Weil alle Teile etwa gleich alt sind und früher eng beieinander saßen, sollten sie auch etwa alle gleich dick gewesen sein, schließen die Geologen. Damals hatte also auch Indien noch einen für Kontinente angemessenen Tiefgang. Die indischen Diamantenvorkommen sind dafür ein beredtes Zeugnis. Kind: „Diamanten entstehen erst in einer Tiefe von 200 Kilometern.“ Wo also ist der untere Teil des indischen Subkontinents geblieben?

Kind und seine Kollegen machen dafür das Auseinanderbrechen Gondwanas verantwortlich, das vor 140 Millionen Jahren begann. Ursache ist wohl ein gigantischer Mantelplume, ein Pilz extrem heißen Gesteins, das direkt von der Kern-Mantelgrenze in rund 3000 Kilometern Tiefe an die Erdoberfläche aufsteigt. Entsprechendes soll sich heutzutage unter Ostafrika ereignen und den Kontinent entlang des ostafrikanischen Grabensystems auseinandertreiben. „Reste des damaligen Plumes gibt es heute noch: die vulkanischen Inseln im indischen Ozean“, berichtet Kind. Der Plume stieß offenbar direkt unterhalb des indischen Subkontinents auf Gondwana und begann das bis zu 300 Kilometer mächtige Steinpaket von unten aufzuschmelzen. Doch er schmolz nicht nur den unteren Teil von Indien weg, sondern brach durch seinen Auftrieb gleich den ganzen Superkontinent auseinander. Alle Bruchstücke bis auf Antarktika machten sich in Richtung Norden auf. Indien, von etwa der Hälfte seiner Masse befreit, schoss den anderen Kontinenten davon. Der Plume konnte den Subkontinent einfach fortdrücken, so Rainer Kind, „die anderen Kontinente haben dem Schub des Plume größeren Widerstand entgegengesetzt.“.

Doch auch der Spurt des Subkontinents hatte irgendwann einmal ein Ende, und das kam ziemlich abrupt. Vor 50 Jahren traf die Indische Platte in voller Fahrt auf ein Hindernis, die um etliches größere eurasische Platte. Bei diesem größten Auffahrunfall der Geschichte entstand der Himalaya. Die ohnehin schon leichte Indische Platte wurde ebenso emporgehoben, wie der obere Teil der eurasischen Platte. Es entstand das höchste Gebirge der Welt und das gewaltigste Hochplateau unseres Planeten: das Hochland von Tibet. Danach war es mit den Sprintkünsten Indiens vorüber. Das Auffalten des Himalaya bremste den Subkontinent ab, heute bohrt er sich „nur noch“ mit fünf oder sechs Zentimeter pro Jahr in Eurasien hinein.

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