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Das größte Treibgut der Welt

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 15.03.2010 16:34

Dem deutschen Forscher Alfred Wegener verdanken wir die Vorstellung von driftenden Erdschollen. Die Idee dazu hatte er allerdings nicht als Einziger – und auch nicht als Erster: Vier Jahre vor Wegener, am 29. Dezember 1908 beschrieb der Geologe Frank Bursley Taylor das Gleiten der Kontinente.

'Die Kluft zwischen Amerika und Europa wird größer’ – was die Medien immer mal wieder vermelden, wissen Geologen schon länger. Sie kennen sogar die genaue Geschwindigkeit, mit der dies geschieht: bis zu 5 Zentimeter pro Jahr. So schnell driften die nordamerikanische und die eurasische Kontinentalplatte auseinander. Dabei sind sie nur zwei der 15 Hauptpuzzlestücke, in die sich die Erdkruste aufteilt und die sich, angetrieben durch Umwälzungen innerhalb des Erdmantels, in unterschiedliche Richtungen bewegen, dabei zusammenstoßen, aneinander vorbeischrammen, untertauchen und wieder aufsteigen.

Tektonisches Puzzle

 

Die Bewegung der tektonischen Platten ist in dieser Karte durch Pfeile sichtbar gemacht. Die Grenzen der Platten sind durch blaue Linien markiert. Die Grafik zeigt deutlich: Der Boden, auf dem wir stehen, ist dynamischer, als man denkt. (Grafik: NASA/JPL)

Die Vorstellung schwimmender und wie Flöße dahin treibender Kontinente setzte sich in der Fachwelt erst in den 1950er Jahren durch, obwohl die Grundidee als „Taylor-Wegenersche Theorie“ da bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel hatte. Zuzuordnen war sie, wie der Name schon andeutete, vor allem zwei Forschern: dem berühmten Meteorologen, Polar- und Geowissenschaftler Alfred Wegener sowie einem amerikanischen Geologen namens Frank Bursley Taylor. Beide entwickelten die Drift-Idee unabhängig voneinander, wenngleich der Amerikaner etwas schneller war.

Taylor wurde am 23. November 1860 in Fort Wayne im US-Bundesstaat Indiana als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Kurz nach Beginn seines Studiums an der Universität Harvard widmete er sich der Geologie alter Küstenlinien rund um die großen Seenplatten im Norden der USA. Für den USGS rekonstruierte er später die geologische Geschichte der Niagarafälle. Seine Forschungsbereiche erstreckten sich von der Gletscherkunde über die Entstehung von Bergketten bis hin zur Entwicklung der Kontinente.

Heute vor genau 100 Jahren, am 29. Dezember 1908 präsentierte Taylor auf einer Tagung der Amerikanischen Geologischen Gesellschaft eine neue Erklärung für die ähnlichen Küstenverläufe Südamerikas und Afrikas. Diese waren vor Taylor schon vielen anderen Naturforschern aufgefallen, doch eine befriedigende Erklärung hatte keiner von ihnen gefunden. Flutwellen, das Anschwellen des Erdballs – viele Theorien geisterten zu dieser Auffälligkeit durch die Fachwelt. Aber erst Taylor vermutete, dass ein stetes Wegdriften der beiden Kontinente aus einer einstmals zusammenhängenden Landmasse im Laufe der Äonen zwei Kontinente erschaffen hatte. Er identifizierte den in den Tiefen des Atlantiks liegenden Mittelatlantischen Rücken als Sollbruchstelle, von der aus Afrika und Südamerika seiner Meinung nach in verschiedene Richtungen „weggerutscht“ waren. Auch wenn er fälschlicherweise den Mond und seine Anziehungskraft dafür verantwortlich machte, die Idee der Kontinentaldrift war geboren.

Die Karte von Snider-Pellegrini 

Dieses Vorher-Nachher-Bild der Erde von 1858 zeigte erstmalig die Kontinente ohne trennenden Atlantik. Die Karte stammt vom US-Amerikaner Antonio Snider-Pellegrini, der eine Sintflut für die Trennung der Kontinente verantwortlich machte.

Trotz dieser Erstmeldung im Jahre 1908, als Pionier der Kontinentalverschiebung und damit als Geburtshelfer der Plattentektonik gilt heute unangefochten Alfred Wegener. Und das hat gute Gründe. So entwarf Alfred Wegener vier Jahre nach Taylor ein wesentlich umfassenderes Konzept der Kontinentaldrift, dass viele bisher nicht verstandene Beobachtungen wie die Ähnlichkeit bestimmter Faltengebirge oder die Verbreitung von Flora und Fauna über verschiedene Kontinente hinweg zu erklären vermochte.

Taylor hingegen konzentrierte sich auf andere Aspekte als den der Bewegung der Erdmassen. Ihm ging es vor allem um den Beweis, dass diese durch Kollisionen untereinander mächtige Gebirgsketten auffalten konnten. Diese Beweggründe vermutete auch Alfred Wegener. In seinem Buch „Die Entstehung der Kontinente und Ozeane“ schreibt er: „Die Verschiebungstheorie wird von den Amerikanern bisweilen die Taylor-Wegenersche Theorie genannt. Allerdings habe ich selbst beim Lesen von Taylors Schrift den Eindruck, dass er vor allem ein gestaltendes Prinzip für die Anordnung der großen Gebirgsketten suchte und dieses in einer Polflucht des Landes zu finden glaubte, und dass bei diesem Gedankengange die Verschiebung einiger Kontinente in unserem Sinne nur eine untergeordnete Rolle spielte und auch nur sehr kurz begründet wurde.“

Zur Arbeit seines Mitstreiters Frank Bursley Taylor jedenfalls, der später zu einem seiner größten Anhänger wurde, wahrte Wegener stets eine professionelle Distanz. Er würdigte sie in einzelnen Teilaspekten, stellte aber gleichzeitig klar, dass sie mit seiner Arbeit nichts zu tun hatte: „Ich selbst habe alle diese Arbeiten – auch die von Taylor – erst zu einer Zeit kennengelernt, zu der die Verschiebungstheorie in ihren Hauptzügen von mir bereits ausgearbeitet war, einige sogar noch wesentlich später.“

TM, iserundschmidt 12/2008


Heutzutage weiß man, dass viele Naturphänomene wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche ihre tieferen Gründe in der Plattentektonik und der Kontinentaldrift haben. Die Forschung zum dynamischen Untergrund der Erde gliedert sich in viele unterschiedliche Projekte, in Deutschland zu einem großen Teil versammelt unter dem Dach des Forschungs- und Entwicklungsprogramms GEOTECHNOLOGIEN. Die Themen reichen dabei von der Beobachtung und Durchleuchtung der Erdkruste über die Erforschung der Kontinentränder bis hin zur Entwicklung spezieller Warnsysteme, die die Schäden, die die Bewegung der Erdplatten manchmal mit sich bringen, minimieren sollen.

Verweise
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