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Der Schatz im Kratersee

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Vor Millionen Jahren schufen Vulkane im heutigen Sachsen die Basis für ein einzigartiges Klimaarchiv. Geologe Kurt Goth berichtet, wie Forscher die Zeitkapsel erstmals öffneten und was sie aus den konservierten Resten einer urzeitlichen Welt alles herauslesen können.

Nichts hält ewig. Wie lange die Klimadaten, die Forscher weltweit sammeln, der Nachwelt erhalten bleiben, entscheidet im Endeffekt der Datenträger, auf dem sie gespeichert werden. Moderne Festplatten bringen es auf zehn Jahre, Magnetbänder auf dreißig – gegen das Alter eines natürlichen Klimaarchivs, dass Geoforscher im Jahre 1998 in Sachsen anbohrten, ist dies alles gerade einmal ein Wimpernschlag.

Bereits zu Zeiten der ehemaligen DDR waren Forscher in der Gegend um Baruth im sächsischen Kreis Bautzen auf eine Anomalie des lokalen Schwerefelds gestoßen. Was immer die auffällige Verringerung der Erdbeschleunigung an dieser Stelle auslöste, es musste eine andere Zusammensetzung und Struktur haben als die umgebende Erdkruste. Form und Größe der Störung standen nach weiteren Messungen fest: kreisförmiges Profil, etwas mehr als einen Kilometer im Durchmesser, 250 Meter mächtig.

Eine Forschungsbohrung im Jahre 1998 lieferte schließlich Gewissheit und einen weiteren Beweis für die geologisch bewegte Vergangenheit Sachsens. Vor 28 Millionen Jahren durchsetzten Vulkankegel hier die Landschaft und Magmaschlote die Erdkruste. Einer von ihnen traf östlich des heutigen Baruth auf Grundwasser und erzeugte eine gewaltige Explosion. Der dadurch gerissene Krater – ein so genanntes Maar – war es, der auf den gravimetrischen Karten so deutlich hervortrat.

Phreatomagmatische Explosion

 

Phreatomagmatische Explosion auf dem Gipfel des Mount St. Helens im US-Bundesstaat Washington. Dieses explosive Zusammentreffen von Magma und Wasser hat vermutlich auch das Baruther Maar geschaffen. © USGS

 

Die Bohrung „Baruth 1“ setzten die Forscher jedenfalls direkt über dem Zentrum des Maars an, um bis zu seinem Grund vordringen zu können. Dabei kamen Meter um Meter durch unzählige Sedimentschichten gemusterte Bohrkerne zutage. „Ganz fein geschichtet, mit dem bloßen Auge kaum erkennbar“, berichtet Geologe Kurt Goth vom Sächsischen Landesamt für Umwelt und Geologie in Freiberg. Er war damals an der Öffnung der ungewöhnlichen Zeitkapsel beteiligt und befasst sich seither u. a. mit der Auswertung der damals gewonnenen Daten – etwa mit der Struktur des Maars.

Dieses ähnelt im Querschnitt einer gewaltigen Eistüte, oben gefüllt mit Sedimenten, an deren Stelle ursprünglich ein stehendes Gewässer den Krater füllte. Weiter unten, dort wo sich die Formation verengt und einst Magma und Wasser die Explosion zündeten, folgen Vulkangestein und die Überreste jener Felsschichten, die nach der Dampfexplosion nach unten in den entstandenen Hohlraum einbrachen. Den eigentlichen Schatz stellen jedoch die Ablagerungen zwischen 50 und 232 Metern Tiefe dar. Spiegeln sie doch das Ökosystem und damit das Klimageschehen zu der Zeit wieder, als das Maar noch mit Wasser gefüllt war, durchsetzt von unzähligen Algen. Ihre Skelette sammelten sich zusammen mit anderen Partikeln als Sedimente knapp 300.000 Jahre lang am Grund des Maar-Sees und ließen ihn, da er weder Zu- noch Abflüsse besaß, langsam verlanden.

In Baruth gefundene Diatomeenschalen unter dem Elektronenmikroskop. 


In Baruth gefundene Diatomeenschalen unter dem Elektronenmikroskop.
© Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie (LfUG)

Die Schichtung, die anhand der Bohrkerne deutlich zu erkennen ist, zeigt ähnlich wie die Ringe eines Baumstamms einen saisonalen Rhythmus – eine jahreszeitliche Änderung der Art sowie der Menge der angelagerten Partikel. „Entstanden ist dieser Wechsel durch Algenblüten“, erläutert Kurt Goth. „Bei günstigen Bedingungen vermehren sich bestimmte Algen so lange, bis die Nährstoffe im Wasser aufgebraucht sind. Da sie dann alle sterben, sinken ihre Schalen gleichzeitig auf den Seeboden und bilden erkennbare Lagen.“ Die Abfolge und Dicke der einzelnen Schichten spiegeln die klimatischen Bedingungen des jeweiligen Jahres wieder und ermöglichen es, Klimazyklen des „Tertiär“ genannten damaligen Erdzeitalters zu erkennen. Eine einmalige Klima-Datenbank, die auch für unsere Gegenwart nützliche Informationen bereithalten könnte. „Je mehr wir über das Klima der Vergangenheit wissen, umso besser können wir verstehen, was heute vorgeht.“

Das unterirdische Maar bei Baruth hält Goth für das am besten Erforschte weltweit. Und damit dieses Wissen nicht nur innerhalb der Forschergemeinde verbleibt, dafür tut der Geologe so einiges. Er begleitet Rundführungen entlang des Geopfads „Baruths heiße Vergangenheit“ und hält öffentliche Vorträge über sein Arbeitsgebiet – wie den am 25. Juli im Rahmen der GEOTECHNOLOGIEN-Wanderausstellung „Unruhige Erde“ in Dresden.

Goth weiß um die Bedeutung dieses Teils seines Arbeitsalltags für die Geologie. „Zu Goethes Zeiten gehörte es zum guten Ton im Bildungsbürgertum, sich auch mit Geologie zu beschäftigen. Heute lassen sich geologische Inhalte nur schwer in die Öffentlichkeit transportieren – angesichts der Bedeutung der Geowissenschaften für unser tägliches Leben ein äußerst unbefriedigender Zustand.“ Und er ergänzt: „Ich versuche zu vermitteln, dass alle geologischen Prozesse uns irgendwie beeinflussen. Die Menschen müssen lernen, die Ressourcen der Erde bewusster zu nutzen.“

Vortrag „Vulkane in der Lausitz“

Dr. Kurt Goth vom Sächsischen Landesamt für Umwelt und Geologie in Freiberg berichtet vom Baruther Maar, der Forschungsbohrung, die 1998 dieses einzigartige Klimaarchiv ans Licht brachte und den Feuerbergen, die vor 28 Millionen Jahren in der Lausitz wüteten.

Ort: Staatliche Naturhistorische Sammlungen Dresden, Japanisches Palais, Palaisplatz 11

Zeit: Freitag 25. Juli, 18:00 Uhr

TM, iserundschmidt 07/2008


Mehr zum Geopfad „Baruths heiße Vergangenheit“ finden Sie auf den Seiten des Sächsischen Landesamts für Umwelt und Geologie.

Die Staatlich Naturhistorische Sammlung Dresden ist die achte von insgesamt zehn Stationen der Wanderausstellung "Unruhige Erde", die noch bis Sommer 2009 durch Deutschland reisen wird. Nach Dresden wird die Ausstellung noch die Städte Karlsruhe und Rostock besuchen. Weitere Informationen zur Dresdner Station der Wanderausstellung finden Sie hier.

Allgemeine Infos zur Ausstellung finden Sie auf den Seiten der GEOTECHNOLOGIEN.