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Die Bürde der Erdbeben-Experten

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 15.07.2013 14:38

In den letzten zehn Jahren starben rund 750.000 Menschen an den Folgen von Erdbeben. Neben sicher gebauten Gebäuden ist das automatische Abschalten von Infrastruktur für die betroffene Bevölkerung überlebenswichtig. Hierfür müssen Frühwarnsysteme erprobt und weiter verbessert werden.

Häuserruinen in der Stadt Port au Prince auf Haiti nach dem schweren Erdbeben von 2010. (Bild: Marco Dormino, Wikimedia Commons)Manch einer hat es auch hierzulande schon selbst erlebt: Für einen kurzen Augenblick klirren die Teller in den Schränken, spürt man eine leichte Vibration unter den Füßen. Was ist passiert? Die Erde hat gebebt, wenn auch in diesem Fall nur schwach. Ein starkes Erdbeben jedoch kann innerhalb von Sekunden Häuser, ganze Dörfer einstürzen lassen. Die Opferzahlen schwanken stark je nach Lage und Stärke des Bebens und möglicher Folgeschäden wie Tsunamis. Zudem werden sie von der Bodenbeschaffenheit sowie der örtlichen Bauweise beeinflusst. Viele dieser Faktoren wirkten bei den großen Erdbeben des letzten Jahrzehnts zusammen, mit verheerenden Folgen: über 220.000 Menschen starben auf Sumatra nach dem vom Beben verursachten Tsunami im Jahr 2004, in Haiti gab es 2010 ähnlich viele Opfer. 2005 in Pakistan und 2008 im chinesischen Sichuan kamen nach Beben rund 90.000 Menschen ums Leben. Hinzu kommen Schäden an Gebäuden, der Infrastruktur, der Industrie.

Ursache der Beben ist meist das Aufeinanderprallen tektonischer Platten. Sie bilden die Erdkruste und treiben auf dem teilweise flüssigen Gestein des Erdmantels. Regionen, die auf oder an Plattengrenzen liegen, sind besonders bedroht. Stoßen die Ränder der Platten aneinander oder verhaken sich, kommt es zu Erschütterungen, den Erdbeben. Liegt der Herd des Bebens, das so genannte Hypozentrum, nicht an Land, sondern am Meeresboden, kann er eine Flutwelle auslösen, einen Tsunami. Dieser droht dann Küstenorte mit mörderischem Tempo zu überrollen, wie zuletzt 2011 in Japan.

Das zerstörte Rathaus von L’Aquila nach dem Beben 2009. (Bild: TheWiz83, Wikimedia Commons)Trotz einer Forschungsgeschichte von mittlerweile einhundert Jahren gelingt es Geowissenschaftlern noch nicht, vorherzusagen, wann die Erde beben wird. Oft kommt es völlig unerwartet zu Erdstößen oder die Forscher erhalten nur wenige Sekunden vor Eintreffen der Erdbebenwellen die nötigen seismographischen Messergebnisse. Um darauf schnell reagieren zu können und den Schaden zu begrenzen, werden Erdbeben-Frühwarnsysteme eingesetzt. Diese müssen die Messdaten möglichst schnell und automatisch auswerten und Warnungen ausgeben. Auf deren Basis werden Gasleitungen automatisch geschlossen, der Zugverkehr gestoppt und Brücken gesperrt werden. Damit lassen sich Folgeschäden wie Brände aufgrund geborstener Gasleitungen, Unfälle im Schienenverkehr und auf Brücken vermeiden.

Langfristigere Vorhersagen sind weitaus schwieriger, da die Datenlage im Vorfeld von Beben sehr begrenzt und nur schwer auszuwerten ist. Zudem lastet ein immenser Druck auf den Wissenschaftlern, mit ihrer Risikobewertung weder unnötig Panik zu verbreiten noch zu spät zu warnen. 2009 im italienischen L´Aquila beschwichtigten führende Geowissenschaftler auf einer Pressekonferenz die Gefahr eines möglichen Bebens – sechs Tage später passierte es trotzdem. 309 Menschen starben, mehr als 80.000 wurden obdachlos. Das Forscherteam wurde wegen fahrlässiger Tötung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Die Forschungslandschaft war geschockt ob des harten Urteils und warnte vor den Folgen für öffentliche Aussagen von Erdbebenforschern.

Zwar gehen Experten davon aus, dass Erdbeben möglichweise nie mit letzter Gewissheit vorausgesagt werden können. Dennoch führt kein Weg daran vorbei, weiter an einer Verbesserung der Frühwarnsysteme zu arbeiten. Immer mit dem Ziel, die Folgeschäden einer mächtigen Naturgewalt soweit es geht zu minimieren.

ES, iserundschmidt 07/2013


Zwischen 2006 und 2010 wurden im Rahmen des GEOTECHNOLOGIEN-Forschungsschwerpunktes „Frühwarnsysteme gegen Naturgefahren“ vier Projekte zur Erdbebenforschung gefördert. EDIM erweiterte das bestehende Frühwarn-Informationssystem Istanbuls auf die gesamte Marmara-Region, EWS TRANSPORT entwickelte ein Frühwarmsystem für den Zugverkehr, RAPID arbeitete an einer Verbesserung der Software zur Lokalisation von Erdbebenherden und G-SEIS konzentrierte sich auf die automatische Auswertung von GPS-Daten zu Bodendeformationen.