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Erschüttert bis ins Mark

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.03.2010 15:44

Am 1. November 1755 zerstörte ein gewaltiges Erdbeben und ein darauffolgender Tsunami die portugiesische Hauptstadt Lissabon. Die Auswirkungen waren in ganz Europa spürbar, und das über lange Zeit. Der Schrecken der Katastrophe beeinflusste Kultur und Gesellschaft und gebar die moderne Seismologie.

Wie konnte ein gütiger und gerechter Gott nur so etwas zulassen? Womit hatten die Menschen diese Strafe verdient? Fragen, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts in ganz Europa zu hören waren, ausgelöst durch eine der verheerendsten Naturkatastrophen der Neuzeit. Heute vor 254 Jahren, am Allerheiligenfest 1755, traf die portugiesische Hafenstadt Lissabon ein Erdbeben, dessen Stärke Wissenschaftler heute auf 8,5 bis 9 schätzen – Rekord auf dem europäischen Kontinent.

Untergang von Lissabon

Das ganze Ausmaß der Katastrophe auf einem Bild: Erdbeben, Feuer und Flutwellen zerstören am 1. November 1755 die Stadt Lissabon.


Mehrere Minuten lang dauert der erste Erdstoß und zerstört einen Großteil einer der damals schönsten Städte der Welt. Dann folgen weitere Beben, ebenfalls minutenlang. Kathedralen, in denen die Menschen noch kurze Zeit zuvor den Feiertag begangen hatten, Brücken, Wohnhäuser, Paläste – alles verwandelt sich in Schutt und Asche. Feuer bricht aus und überzieht die Stadt. Doch der Schrecken ist noch nicht vorüber. Das Beben, einige hundert Kilometer vor der Küste am Boden des Atlantiks entstanden, hat auch eine Flutwelle losgetreten, die eine dreiviertel Stunde nach den Erschütterungen eintrifft. Ein mehr als zehn Meter hoher Tsunami schießt durch die Straßen Lissabons und den Flusslauf des Tejo empor, in den sich viele Überlebende vor den wütenden Feuern geflüchtet hatten. Das schaurige Finale der Apokalypse.

Allein in Lissabon starben in diesem Tag vermutlich 60.000 Menschen, ein Viertel der damaligen Einwohner. Insgesamt dürften die Opferzahlen noch weitaus höher gewesen sein, denn Beben und Flutwellen betrafen ganz Europa. Die gesamte Algarve – die Südflanke Portugals – wurde verwüstet, ebenso Küstenregionen auf afrikanischer Seite. Noch in Schweden, wo die Flutwelle 15 Stunden später auflief, rissen Schiffe aus ihren Verankerungen; die Erdstöße selbst waren noch in Finnland zu spüren.

Der Schatten der Katastrophe legte sich so über ganz Europa. Den direkten Ausläufern des Erdbebens folgend, zog die Kunde von der zerstörten Handelsmetropole Lissabon mit Boten, Reisenden und Kutschen von Stadt zu Stadt, bis in die Nachrichtenzentren der damaligen Zeit, London und Paris. Sie machten das Beben vollends zu einer europäischen Angelegenheit und zu dem, was man heute ein mediales Großereignis nennen würde. Während eine für die damalige Zeit eher ungewöhnliche internationale Hilfswelle anrollte, verbreiteten die Zeitungen immer neue Opferzahlen und Augenzeugenberichte. Die Geschichte vom Erdbeben grub sich tief ins europäische Gedächtnis, entfachte religiöse Debatten und nahm über Jahrzehnte sogar Einfluss auf Kultur und Gesellschaft.

 

Ruinen

Zeitgenössische Darstellung des „ruinierten Lissabons“ (so der Titel des Kupferstichs). Nachdem Beben, Wellen und schließlich die Feuer abgeklungen waren, herrschten Chaos und Anarchie unter den Überlebenden. Zeit für das erste Katastrophenmanagement der Geschichte: Truppen wurden gegen Plünderer und die immer wieder aufkeimenden Feuer eingesetzt, Zeltstädte errichtet und Trümmer beseitigt.


Die intensive Berichterstattung, die Solidaritätsbekundungen, die grenzüberschreitenden Hilfslieferungen – einiges im Nachhall der Katastrophe von 1755 hatte es so vorher noch nicht gegeben. Vieles von dem, was heute in jedem Notfallplan steht und typischerweise nach jedem Erdbeben, Vulkanausbruch, Tornado oder Terroranschlag Punkt für Punkt abgearbeitet wird, hatte im zerstörten Lissabon Premiere. Der damalige Kriegs- und Außenminister Sebastiao José des Carvalho e Melo trieb das erste Katastrophenmanagement der Geschichte voran. Er setzte das Militär ein, um die Brände möglichst schnell zu löschen und den Schutt von den Straßen zu räumen. Der Ausbreitung von Epidemien beugte er durch den sofortigen Abtransport und nachfolgender Seebestattung der Leichen vor; Plünderern setzte er Soldaten und den Galgen entgegen. Er ließ die gesamte Stadt abriegeln. Der spätere Marquês des Pombal brauchte jeden Helfer für die Aufräumarbeiten. Die Überlebenden sollten die Stadt wieder aufbauen, anstatt sie aufzugeben.

Nebenbei läutete Pombal auch die Geburtsstunde der Erdbebenforschung, der Seismologie, ein. Er ließ Daten zu den Beben aus unterschiedlichsten Regionen zusammentragen, um so ein Gesamtbild von der Katastrophe zu gewinnen. Auf diesen Berichten beruhen heutige Rekonstruktionen des Bebens, die erst in jüngster Zeit konkrete Formen annehmen. Das Epizentrum, jener Punkt, von dem die Erdstöße aus sich in alle Richtungen ausbreiteten, vermutet man etwa 160 Kilometer südwestlich von Lissabon im Atlantischen Ozean. Zum einen weisen Berichte über die Stärke und Ankunftszeiten der Flutwellen auf diese Stelle hin, zum anderen die Untersuchung möglicher geologischer Ursachen. Einige Wissenschaftler machen eine blockierte Subduktionszone, eine Region, an der ein Teil der Erdkruste sich unter einen anderen Teil schiebt, für Beben und Tsunami verantwortlich. Ein plötzliches Anheben des Meeresbodens von nur 11 Metern reicht nach Computerberechnungen hier bereits aus, um eine Katastrophe wie die von 1755 auszulösen.


Lissabon heute 

Lissabon heute - geologisch betrachtet eher keine Hochrisikozone. Trotzdem: Vor der Iberischen Halbinsel kommt es immer mal wieder zu größeren Beben, zuletzt 1964, 1969 und 2004. (Foto: Stefan Didam – Schmallenberg)


Die wissenschaftliche Suche nach den Ursachen und die Erkenntnis, dass Erdbeben womöglich kein gezieltes Vorgehen eines Gottes, sondern Nebenerscheinungen einer „Unruhigen Erde“ seien könnten, nahm in den Nachwehen des Lissabonner Erdbebens seinen Anfang. Damals wie heute  versuchen Forscher, die Frage nach dem „Warum“ zu beantworten. Denn über die Ursachen von Erdbeben ist überraschenderweise immer noch recht wenig bekannt. Dabei könnten diese den Schlüssel zu einer geeigneten Frühwarnung liefern und unseren Blick für mögliche erste Warnzeichen eines drohenden Bebens schärfen. Das käme wohl auch Lissabon zugute. Zwar gilt die Stadt heute als wenig erdbebengefährdet, doch in den Tiefen vor der Straße von Gibraltar staut sich im Moment vermutlich bereits die Energie für das nächste Megabeben auf. Erst vor einigen Jahren fanden Forscher heraus, dass hier eine Katastrophe wie die von 1755 statistisch gesehen alle 1.500 bis 2.000 Jahre auftritt. Für Geologen nur ein Wimpernschlag.

TM, iserundschmidt 11/2009


Mehr zu den geologischen Ursachen und der wissenschaftlichen Rekonstruktion des Erdbebens von Lissabon finden Sie auch in einem Fachartikel des Bremer Geologen Prof. Achim Kopf im Buch „Das Erdbeben von Lissabon und der Katastrophendiskurs im 18. Jahrhundert“ (S. 188ff), herausgegeben von Gerhard Lauer und Thorsten Unger. Im Buch analysiert außerdem der Autor Jürgen Wilke, Professor für Publizistik an der Universität Mainz, das Medienecho auf das Lissaboner Erdbeben (S. 75ff).

In Deutschland sind viele Projekte, die sich der Erdbebenforschung und der Frühwarnung vor Erdbeben widmen, unter dem Dach des Forschungs- und Entwicklungsprogramms GEOTECHNOLOGIEN zusammengefasst. Dazu zählt auch das Projekt „Last-mile Evacuation“, das sich mit Evakuierungsszenarien nach dem Auflaufen eines Tsunami beschäftigt. Näheres zum Projekt finden Sie hier.

Wie weit die Forschung auf diesem Gebiet bereits gediehen ist, zeigt seit Herbst 2006 auch eine Wanderausstellung mit dem Titel „Unruhige Erde“, die vom Koordinierungsbüro GEOTECHNOLOGIEN organisiert und begleitet wird. Die Ausstellung hat den insgesamt mehr als 250.000 Besuchern die Gewalten der Erde vor Augen geführt und das, was 1755 mit dem Beben von Lissabon seinen Anfang nahm: die Erforschung und systematische Untersuchung von Naturgefahren. Am 10. Standort der Wanderausstellung, der Hansestadt Rostock, ging die „Unruhige Erde“ jetzt am 25.10. zu Ende.  Eine weitere Verlängerung ist nicht geplant. Eventuell werden Teile der Ausstellung aber in näherer Zukunft, integriert in die Räumlichkeiten des thüringischen Museums Burg Ranis wieder zu sehen sein. Näheres dazu erfahren Sie bald hier auf planeterde oder auf den Seiten der GEOTECHNOLOGIEN

Verweise
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