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Glückauf, Geoforschung

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Zum 70. Mal treffen sich Deutschlands Geoforscher zur Jahrestagung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft (DGG). Schauplatz 2010 ist der Ruhrpott. Die Katastrophen-Frühwarnung, die Abschätzung von Erdbebenfolgen und die Sicherung der Energieversorgung markieren die Höhepunkte des Programms.

Rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden zum runden Geburtstag der DGG-Jahrestagung in Bochum erwartet. Doch trotz des diesjährigen Jubiläums, wenn ab heute die Ruhr-Universität für insgesamt vier Tage zur geowissenschaftlichen Hauptstadt wird, hat dies mehr von einem Arbeitstreffen als einer Geburtstagsfeier. Für die Experten vor Ort gilt es in erster Linie, sich und die restliche Wissenschaftsgemeinde auf den neuesten Stand der Geoforschung zu bringen – mithilfe von 153 Vorträgen, 135 Postern, einer Technikausstellung sowie jede Menge Diskussionsforen und Flurgesprächen.

Bochum - Tagungsort der DGG2010

Fördergerüst als sichtbares Zeichen des Bergbaus in Bochum. Ebenfalls in die Tiefen der Erde gehen viele der Themen, die vom 15.-19. März auf der 70. DGG-Jahrestagung präsentiert werden. Die Tagung gastiert an der Universität der Ruhrmetropole. (Bild: Thomas Robbin, Wikimedia Commons)

Einer der beiden zentralen Schwerpunkte der Tagung ist, passend zum Motto des aktuellen Wissenschaftsjahres 2010, das Thema Energie – genauer gesagt die Rolle der Geophysik für die zukünftige Energieversorgung. Ironie des Schicksals, dass dies genau an jenem Standort geschieht, an dem bis vor wenigen Jahren noch das Kohleherz Deutschlands schlug. Der andere Schwerpunkt, dem in Bochum viel Raum eingeräumt wird, ist erst in den vergangenen Wochen durch zwei verheerende Naturkatastrophen wieder schmerzlich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt: das Thema Erdbeben. Hier stellt die DGG-Jubiläumstagung nicht nur innovative Erfassungsmethoden und neuartige Sensorsysteme vor, sondern auch neue Möglichkeiten, deren Daten auszuwerten und in eine effektivere Frühwarnung umzusetzen. Wie dringend diese benötigt wird, zeigen die Bilder der Zerstörung, die uns aus Haiti und Chile erreichten.

In Bochum wird sich eine ganze Session mit der Frühwarnung beschäftigen. Die Federführung hat hier das Programm GEOTECHNOLOGIEN, unter dessen Dach aktuell insgesamt 11 Forschungs- und Technologieprojekte gefördert werden, die sich der Katastrophenfrühwarnung verschrieben haben. Einige von ihnen sind auch auf der Tagung vertreten und zeigen eine Palette an Möglichkeiten, die sich Forschern schon heute bieten, beispielsweise die Dynamik des Erdbodens, etwa bei Erdrutschen, näher zu untersuchen und so für die gefährdeten Menschen vor Ort die überlebenswichtigen Frühwarnzeiten deutlich zu erhöhen. Dazu gehören sowohl die möglichst frühzeitige Detektion von zerstörerischen Erdbebenwellen (Projekt RAPID) als auch die Entwicklung geeigneter Informationssysteme (Projekt EGIFF) oder die Verbesserung und Ausweitung bestehender Überwachungsnetzwerke in besonders gefährdeten Regionen wie etwa dem Marmara-Gebiet rund um die türkische Großstadt Istanbul (Projekt EDIM).

Zwei Projekte aus diesem Bereich präsentieren sich in den Räumlichkeiten des Verwaltungszentrums der Ruhr-Universität gleich doppelt der Expertenscharr: das „Sensorbased Landslide Early Warning System“, kurz SLEWS, sowie ein spezielles Erdbeben-Frühwarnsystem für Verkehrsinfrastrukturen, Projektname „EWS Transport“. Beide sind nicht nur mit Vorträgen vertreten, sondern auch mit zwei besonderen Mitmach-Exponaten innerhalb der Firmenausstellung, die am Montagnachmittag ihre Pforten öffnet. Die Ausstellungsstücke sind die Highlights des GEOTECHNOLOGIEN-Stands, mit dem das gleichnamige Koordinierungsbüro sich selbst, seine Förderschwerpunkte und vor allem seine überregionale Technologietransfer- und Kommunikationsplattform Geotechmarket den Tagungsbesuchern präsentieren will.

Einen kompletten Versuchsstand hat das SLEWS-Team am Infostand der GEOTECHNOLOGIEN aufgebaut. Mithilfe eines Neigungsmesstisches können interessierte Besucher hier die Hightech des Projekts, dessen Sensornetzwerk später erdrutschgefährdete Hänge im Auge behalten und bei plötzlich eintretenden Bodendeformationen Alarm schlagen soll, auf die Probe stellen. Kippbewegungen des Tisches verdeutlichen die Genauigkeit und Auflösung der angeschlossenen Messgeräte; eine integrierte Internetanwendung stellt Erschütterungen und Neigungen bildlich dar. Dass das System funktioniert, können die Besucher so im Selbstversuch erfahren. Die Aachener Forscher wissen das natürlich längst. Sie hatten sich von der Praxistauglichkeit der SLEWS-Technologie bereits im Sommer letzten Jahres überzeugt, weit weg von Bochum, an einem ins Rutschen geratenen Hang in Südfrankreich.

Auch das Exponat des Projekts „EWS Transport“ ist weit mehr als nur ein Ausstellungsstück hinter Glas. Zwei Eisenbahnzüge werden hier einem schweren Erdbeben ausgesetzt – natürlich nur im Modell. Die beiden Züge werden auf einen Rundkurs geschickt. Sobald eine simulierte Erdbebenwelle ausgelöst wird, stoppt das System den Schnellzug. Der Güterzug verringert seine Geschwindigkeit. Die Analyse und Auswertung des Bebens wird dabei auch visuell dargestellt: Mithilfe eines Programms, dass auch als Internetapplikation der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Bildschirm und Modellbahn zeigen so anschaulich im Kleinen, was die Karlsruher Forscher im Rahmen von „EWS Transport“ in Zukunft im großen Maßstab realisieren wollen: ein gigantisches Frühwarnsystem für den Schienenverkehr, dass direkt in die Gleise integriert ist und sofort nach einem Erdbeben Schäden an Streckenabschnitten, Brücken und Tunneln erfasst, analysiert und die Gefährdungen für den laufenden Schienenverkehr abschätzt. In vielen Erdbebenregionen der Erde könnte das Karlsruher System Menschenleben retten und wirtschaftliche Schäden minimieren. Anfang dieses Jahres wurde es im Wettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ als „Ausgewählter Ort im Land der Ideen“ 2010 ausgezeichnet.

Live-Demonstrator "EWS Transport"

Live-Demonstrator eines Frühwarnsystems als Internetapplikation und Modellbahnanlage. Was im Rahmen von EWS Transport erarbeitet wird, können Tagungsteilnehmer anhand eines eindrucksvollen Exponats selbst testen.
(© Fraunhofer IOSB, Karlsruhe)

Exponate wie die des GEOTECHNOLOGIEN-Infostands sollen die Besucher nicht nur über den heutigen Forschungstand informieren, sie sollen auch faszinieren. Zielgruppe der Forscher sind die Studenten und jungen Interessierten, die die Tagung auch dazu nutzen, sich ein Bild zu machen über mögliche Berufswege in geowissenschaftlichen Forschungseinrichtungen und Technikschmieden. Sogar der nächste Schritt auf der Karriereleiter wird in Bochum aktiv unterstützt: Das Jobcenter der DGG-Jubiläumstagung bietet Interessenten die Möglichkeit, ihre Bewerbungsunterlagen direkt einzureichen. Die Verteilung übernehmen die Veranstalter; die Tagung selbst bietet dann den Rahmen für persönliche Gespräche. So ist davon auszugehen, dass viele Tagungsgäste nicht nur neue Eindrücke und Kontakte mit auf den Heimweg nehmen werden, sondern einige von ihnen auch ganz neue persönliche Perspektiven.

TM, iserundschmidt 03/2010


Mehr zur 70. Jahrestagung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft finden Sie hier.

Mehr Infos zu den im Artikel genannten Projekten finden Sie hier: RAPID, EDIM, SLEWS und EWS Transport). Ebenfalls mit Vortrag und Poster vor Ort vertreten ist das Frühwarn-Projekt EGIFF. Mehr dazu hier und natürlich auf planeterde.