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Leben mit dem Strom

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Die Jahrhundertflut, die im August 2002 durch Sachsen schoss, hinterließ nicht nur Schäden von 15 Milliarden Euro, sondern war gleichzeitig der Auslöser für eine ganze Reihe neuer Hochwasserschutzmaßnahmen. Uwe Höhne schildert die Ursachen der Jahrhundertflut und was man aus ihr gelernt hat.

„Hochwasser ist ein Naturereignis, mit dem man leben muss“, sagt Uwe Höhne, Diplom-Hydrologe am Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Und Höhne weiß, wovon er spricht: Der 48jährige ist seit 2003 Leiter des Landeshochwasserzentrums (LHWZ) Sachsens – jenem Bundesland, dass in der Vergangenheit immer wieder durch extreme Hochwasserereignisse getroffen wurde, zuletzt in den Jahren 2006 und 2002. Vor allem das Jahrhunderthochwasser 2002 brachte verheerende Verwüstungen mit sich. Trotz der aus der Vergangenheit bekannten Gefahrenlage im Umfeld der Elbe hatte das Ausmaß der Flut die Menschen in den betroffenen Regionen kalt erwischt. Doch was genau war passiert im Herbst 2002?

Auslöser dessen, was zwischen dem 11. und dem 13. August unter anderem Sachsen traf, war eine ganz spezielle Wetterlage, die Meteorologen „Vb“ (gesprochen „fünf b“) nennen. Ein Kaltlufteinbruch über Mitteleuropa traf dabei auf ein, von ihm selbst erzeugtes Tief aus Oberitalien. Dieser Crash brachte den Alpen sowie Erz- und Riesengebirge gewaltige Regengüsse. Die Wassermassen, die sich aus den stellenweise 48 Stunden andauernden Niederschlägen mit Spitzenwerten von 350 Litern pro Quadratmeter speisten, schoben sich nur wenige Tage später als Flutwelle durch die Straßen Pirnas, Meißens und Dresdens.

 

Blick aus dem All

Blick aus dem All. Der Vergleich dieser beiden Aufnahmen des NASA-Satelliten Landsat 7 zeigt das enorme Anwachsen der Elbe im Sommer 2002. © NASA, Visible Earth


Die Bilder von Sandsackbarrieren, überspülten Brücken und schlammigen Wohnzimmern haben sich nicht nur den Menschen vor Ort, sondern auch den Fernsehzuschauern aufgrund der starken Medienpräsenz eingebrannt. Vier Jahre später, als es an der Elbe wieder „Land unter“ hieß, waren die Kamerateams und Journalisten erneut zur Stelle. Die Frage, was genau man aus der Katastrophe 2002 denn gelernt hätte, hörte Uwe Höhne in dieser Zeit des Öfteren. Genau wie die Presse eine ausführliche Antwort von ihm. Kein Wunder, schließlich waren die Verantwortlichen nicht untätig gewesen und hatten eine ganze Reihe von Maßnahmen und Projekte auf den Weg gebracht.

Flächendeckende Ausweisung von Überschwemmungsgebieten, Vergrößerung des Hochwasserrückhalteraums der Talsperren, mobile Flutwandsysteme und eine komplette Neugestaltung der Hochwasserdienste – nur eine Auswahl des sächsischen Aktionsprogramms. Bis 2013 will der Freistaat insgesamt 735 Millionen Euro für den Hochwasserschutz aufwenden. Bislang einmalig in Deutschland: die Festlegung bestimmter Regionen als so genannte Hochwasserentstehungsgebiete, innerhalb derer der Boden etwa durch großflächige Bebauung nur dann versiegelt werden darf, wenn an anderer Stelle der Wasserrückhalt verbessert wird.

Aber auch, was die Information und Vorwarnung der Bevölkerung anbelangt, hat sich einiges seit 2002 getan. Uwe Höhne: „Der Hochwassernachrichten- und Alarmdienst wurde im LHWZ nach dem ‚Single-Voice-Prinzip’ zentralisiert. Das Zentrum informiert nun bis auf Gemeindeebene.“ Wo vorher nach dem Schneeballprinzip die Informationskette von den Hochwasserexperten über Regierungspräsidium, Landkreis und Gemeinde bis zu den Betroffenen gereicht habe, erklärt der Hydrologe, da seien nun die Meldewege erheblich verkürzt worden. So heißt es jetzt nur noch: LHWZ, Gemeinde, Bevölkerung.

 

Im Einsatz gegen die Fluten

Im Einsatz gegen die Fluten: Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks und freiwillige Helfer füllen Sandsäcke, um die Wassermassen der Jahrhundertflut 2002 zurückzuhalten. ©  www.7sky.de, Uwe Riemer


Trotzdem bleibt auch nach Höhnes Ansicht noch einiges zu tun. Zum einen seien da die Umsetzung der vorliegenden Hochwasserschutzkonzepte sowie die Verbesserung der Hochwasservorhersage, zum anderen müsse sich auch in den Köpfen der Bewohner gefährdeter Gebiete etwas tun. Höhne nennt das ‚Förderung des Hochwasserbewusstseins’. „Ein Hochwasser wie das 2002 kommt rein statistisch gesehen alle 100 bis 130 Jahre vor. Insofern war es nicht so außergewöhnlich. Es hat in Sachsen solche Hochwasser in der Vergangenheit gegeben, und es wird sie weiter geben.“ Diese Entwicklung könnte sich in Zukunft sogar noch weiter zuspitzen. „Infolge des Klimawandels wird auch in Sachsen mit Erwärmung, länger anhaltenden Trockenperioden und bezüglich Hochwasser mit Ex-tremniederschlägen auch im Winter in Form von Regen gerechnet“, erläutert Höhne. „Eine Verschär-fung der Hochwassersituation ist bisher signifikant nicht nachweisbar, aber man muss damit rechnen.“

Dass man sich in Sachsen mit den Fluten arrangieren muss, ist für Uwe Höhne ein wichtiger Punkt, den er auch in seinem Vortrag Anfang August in Dresden im Rahmen der GEOTECHNOLOGIEN-Ausstellung „Unruhige Erde“ vermitteln will. Ebenso wie das in diesem Zusammenhang stehende Thema Eigenverantwortung als Teil der Schutzmaßnahmen und Hochwasserstrategien. Ein Beispiel wäre in diesem Zusammenhang eine hochwasserangepasste Bauweise, etwa bei der Standsicherheit oder der Wahl der verwendeten Baumaterialien. „Eigenverantwortung steht hinsichtlich der Hochwasservorsorge an erster Stelle“, betont Höhne. „Staatliche Fürsorge und Regelung wie 2002 wird es sicher nicht mehr geben.“

Bei allen Maßnahmen, ob privat oder staatlich, ist sich auch Uwe Höhne über eine Sache jedoch stets im Klaren. Hochwasservorhersage und -schutz haben ihre Grenzen. Manche Dinge wie etwa der ufernahe Bebau lassen sich eben nur begrenzt von oben regeln. „Der Mensch zieht nun mal gerne ans Wasser.“

Vortrag „Das Jahrhunderthochwasser 2002 in Sachsen – Ursachen, Folgen, Hochwasserschutz“

Diplom-Hydrologe Uwe Höhne vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie in Dresden analysiert die sechs Jahre zurückliegende Hochwasserkatastrophe und gibt einen Einblick in die Maßnahmen des Hochwasserschutzes und der sächsischen Hochwasserschutzstrategie. So werden die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen einer Hochwasservorhersage aufgezeigt. Der Vortrag ist Teil des Begleitprogramms der Wanderausstellung „Unruhige Erde“.

Ort: Staatliche Naturhistorische Sammlungen Dresden, Japanisches Palais, Palaisplatz 11

Zeit: Freitag 2.August, 18:00 Uhr

TM, iserundschmidt 07/2008


Die Staatlich Naturhistorische Sammlung Dresden ist die achte von insgesamt zehn Stationen der Wanderausstellung "Unruhige Erde", die noch bis Sommer 2009 durch Deutschland reisen wird. Nach Dresden wird die Ausstellung noch die Städte Karlsruhe und Rostock besuchen. Weitere Informationen zur Dresdner Station der Wanderausstellung finden Sie hier.

Allgemeine Infos zur Ausstellung finden Sie auf den Seiten der GEOTECHNOLOGIEN.

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