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Lehrreich auch für Lehrer

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 31.03.2011 16:56

Bei der Vermessung der Welt oder als Navigationshilfe für Millionen von Autos – Satelliten sind für Forscher wie Privatanwender längst zu einem unerlässlichen Werkzeug geworden. Gemessen an dieser Bedeutung spielt das Thema Fernerkundung im Unterrichtsalltag von Schulen eine eher untergeordnete Rolle.

Welche Aufgaben erfüllen eigentlich Satelliten? Hierzu dürfte den meisten Befragten spontan Anwendungen aus ihrem Alltag einfallen: Vor allem durch Navigationssysteme ist Satellitentechnik für viele ein täglicher Begleiter geworden. Aber auch in den Bereichen Kommunikation und der Übertragung von Rundfunksignalen profitiert der Privatanwender von den künstlichen Himmelskörpern – wenn auch meist unbewusst.

Für die Wissenschaft geht der Nutzen der Satellitentechnik weit über das Knipsen von faszinierenden Bildern unserer Erdkugel hinaus. So lässt sich das „System Erde“ in seiner Komplexität erst durch Aufnahmen im globalen Maßstab wirklich verstehen. Da Satelliten zudem in regelmäßigen Abständen die gleichen Erdpunkte überfliegen, lassen sich durch sie Veränderungen an der Oberfläche, etwa der Wasserverlust eines Sees oder die Neubesiedelung ehemals unberührter Landstriche durch den Menschen, besonders gut veranschaulichen.

Satelliten ermöglichen zudem eine effiziente Suche nach Rohstoffen, erlauben einen Blick ins Innere der Erde und dokumentieren Naturkatastrophen und den Klimawandel. Eine enorme Bandbreite, die in der Ausstellung „Die Erde im Visier“ in den Themenschwerpunkten „Natur und Umwelt“, „Rohstoffe und Bodenschätze“, „Erdinneres und Außenansichten“ und „Wetter und Klima“ gebündelt wird. Die vom Koordinierungsbüro GEOTECHNOLOGIEN in Zusammenarbeit mit dem Museum Mensch und Natur in München konzipierte und realisierte Wanderausstellung, die noch bis August in Karlsruhe Station macht, möchte mit interaktiven Medien und großformatigen Fotografien die für viele Menschen recht abstrakten Themen Satelliten und Fernerkundung einer breiten Öffentlichkeit verständlich machen.

Auch im Unterricht, besonders in der Mittelstufe, könnte das vielschichtige Thema Satellitentechnik und ihre Anwendung nach Meinung der Ausstellungsmacher durchaus mehr Raum einnehmen, als dies heute in der Regel der Fall ist. Mit speziell auf Schüler und Lehrer zugeschnittenen Führungen wollen die Veranstalter der Ausstellung hierzu ihren Beitrag leisten. planeterde sprach mit dem Ausrichter der Lehrerfortbildungen, Dr. Eduard Harms vom Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe, über die Ziele, die er mit den Fortbildungen verfolgt, und seine Bilanz der ersten Veranstaltungen.

planeterde: Herr Dr. Harms, beschreiben Sie doch einmal, wie eine Lehrerführung durch die Ausstellung „Die Erde im Visier“ abläuft.

Harms: Zunächst führen wir die Lehrergruppen durch die Ausstellung, wie wir das mit einer „normalen“ Besuchergruppe auch tun. Dabei versorgen wir die Lehrer mit allerlei Hintergrundinformationen. Ich gebe ihnen Tipps, wie man aus unserer Sicht die Themen der Ausstellung für den Unterricht am besten aufbereiten könnte. Im Zuge der Vorstellung der einzelnen Exponate kommt es häufig auch zu einem lebhaften Gedankenaustausch – Führungen sind bei uns also immer sehr kommunikativ. Man könnte es als eine Art Frontalunterricht mit vielen Zwischenfragen bezeichnen.

Nach einer Führung geben wir den Lehrern zudem ausführliches Material an die Hand, in dem alles Besprochene noch einmal zusammengefasst ist. Neben allgemeinen Informationen über die Ausstellung enthält dieses Skriptum zum Beispiel auch noch einmal eine Aufstellung über die unterschiedlichen Einsatzgebiete von Satelliten. Außerdem haben wir in diesem Papier weitere Informationsquellen zusammengetragen, etwa wo im Internet gute Satellitenbilder zu finden sind, die sich die Lehrer als Vorbereitung auf ihren Unterricht oder zusammen mit ihren Schülern einmal anschauen können.

planeterde: Sind denn bei Ihren Führungen „nur“ Bilder zu sehen oder gibt es auch Exponate zum Anfassen?

Harms: Wir haben für die Lehrer und Schüler in unseren Führungen immer auch Materialien dabei, etwa verschiedene Schächtelchen mit Eisenerzen oder auch eine Flasche Motoröl – schließlich können mit Satelliten auch neue Erdölreservoire entdeckt werden. Außerdem habe ich hier ein Schälchen mit vulkanischer Asche, die angeblich vom berüchtigten Eyjafjallajökull stammen soll. Die habe ich für ein paar Euro im Internet ersteigert. Ob die angegebene Herkunft stimmt, weiß ich zwar nicht, vulkanische Asche ist es aber in jedem Fall. Insgesamt kann man sagen, dass ein Thema viel besser vermittelt werden kann, wenn Lehrer oder Schüler dabei ein passendes Exponat in der Hand haben, es so im wahrsten Sinne des Wortes besser begreifen können.

ENVISAT-Aufnahme einer Aschewolke

Aufnahme des Satelliten Envisat vom 19.4.2010. Sie zeigt die Aschewolke des Eyjafjallajökull-Vulkans auf Island. Die Aschewolke brachte im April 2010 den Flugverkehr in ganz Europa zeitweilig zum Erliegen. (Bild: NASA)

 

planeterde: Für welche Jahrgangsstufen eignet sich der Stoff, den Sie bei den Führungen vermitteln?

Harms: Das Wissen, das wir bei den Lehrerführungen vermitteln wollen, ist für die siebte, achte Jahrgangsstufe aufwärts gedacht – bis etwa zur elften Klasse. In der Zwölf und Dreizehn werden die Themen durch die Wahlmöglichkeiten der Schüler dann meist zu speziell. Außerdem bieten wir Kurse für Grundschulkinder zwischen sieben und zehn Jahren an. Hierfür haben wir die Ausstellungsthemen sehr spielerisch aufbereitet. Da beantworten wir mit den Kindern Fragen wie „Was genau ist eigentlich ein Satellit?“, „Habt ihr schon mal einen am Himmel fliegen sehen?“, „Was könnte wohl das Wort ‚Fernerkundung‘ bedeuten?“

planeterde: In welchen Fächern können die Lehrer das in der Ausstellung Gelernte behandeln?

Harms: Uns ist es wichtig, dass wir uns beim Thema Fernerkundung vor allem auf die Anwendungen konzentrieren, die durch den Einsatz von Satelliten möglich werden.  Das betrifft natürlich als erstes die Geographie im klassischen Sinne und alle ihre Teilgebiete. Bei der Naturgeographie geht es beispielsweise darum, zu beobachten, wie sich unsere Umwelt in einem bestimmten Zeitraum verändert hat – nicht zuletzt natürlich auch durch den Einfluss der Menschen. Für die Sozialgeographie sind Satellitenbilder von Bedeutung, weil sie zeigen, wie sich urbane Lebensräume im Laufe von Jahren und Jahrzehnten gewandelt haben. Außerdem fallen natürlich große Themen wie Vulkanismus und Plattentektonik in den Bereich der Geographie.

planeterde: Kann der Ausstellungsstoff auch in anderen Fächern Anwendung finden?

Harms: Beschäftigt man sich mit dem Aufbau und der Funktionsweise von Satelliten, betrifft dies natürlich vor allem die Bereiche Physik und das Unterrichtsfach „Naturwissenschaft und Technik“. Auch hier können grundlegende Fragen diskutiert werden, zum Beispiel, welche Geschwindigkeit Satelliten erreichen, weshalb sie überhaupt fliegen und warum sie dabei nicht auf die Erde stürzen. Diese Themen mögen im ersten Moment etwas trivial klingen, können entsprechend aufbereitet aber durchaus auch in höheren Jahrgangsstufen behandelt werden.

Und ein wenig decken wir mit unserer Ausstellung auch die Chemie ab, weil man mit Hilfe von Satelliten natürlich auch nach Rohstoffen suchen kann – zum Beispiel nach Eisenerzen oder Kupfer. Neulich hatten wir eine achte Realschulklasse in der Ausstellung, die im Chemie-Unterricht schon einmal Eisensulfid hergestellt hatte. Da hatten wir dann natürlich direkt einen wunderbaren Anknüpfungspunkt. Ein Beispiel von vielen, das eine große Stärke der Ausstellung verdeutlicht: ihre Interdisziplinarität.

planeterde: Herr Dr. Harms, vielen Dank für dieses Gespräch.


Die Wanderausstellung „Die Erde im Visier“ macht noch bis zum 28. August im Staatlichen Naturkundemuseum in Karlsruhe Station. Eine weitere Lehrerführung ist für den 4. Mai angesetzt. Näheres zu diesem Termin und viel Wissenswertes zu den Ausstellungsinhalten finden Sie hier.

RD, iserundschmidt 03/2011

Verweise
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