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Rohstoffjagd am Meeresgrund

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 30.06.2010 15:51

Der stetig steigende Bedarf der Weltwirtschaft nach Rohstoffen und Energie erfordert das Erschließen immer neuer Lagerstätten – die weißen Flecken auf der Schatzkarte der Erde werden kleiner. Dabei rücken auch die Ozeane mit ihren riesigen Bodenschätzen als lukrativer Wirtschaftsraum in den Blickpunkt.

Wer sich in Namibia auf Schatzsuche begeben will, sollte sich nicht allein auf das Festland beschränken. Einige Kilometer vor der Küste des südafrikanischen Staats finden sich im rund 100 Meter tiefen Schelfbereich beachtliche Diamantenvorkommen. Auf ihrer Millionen Jahre dauernden Reise aus dem Erdboden des Kontinents in den atlantischen Ozean wurden die Steine geschliffen und von unnötigem Ballast befreit – das macht die glitzernden Steinchen zu den wertvollsten Vertretern ihrer Art. Nachdem die Diamantenvorkommen des Festlandes zu einem guten Teil ausgebeutet sind, soll in den nächsten Jahren die Offshore-Förderung in Namibia nun deutlich an Schwung gewinnen.

Namibia steht damit exemplarisch für viele Explorationsvorhaben auf der Welt. Der Material- und Energiehunger der Weltwirtschaft macht einen aufwendigen – und damit kostspieligen – Rohstoffabbau vom Boden der Ozeane zunehmend zu einer interessanten Alternative. Besonders an den Kontinentalrändern – der Übergang von den Kontinenten in die tiefen ozeanischen Becken – haben sich über lange Zeiträume Erze, Öl und Kohle in beachtlichen Mengen angelagert.

„Viele Rohstoffe entstehen durch Sedimentation, werden an den steil abfallenden Kontinentalhängen abgelagert, angereichert und konzentriert“, erklärt Professor Hans-Peter Bunge von der Ludwig-Maximilians-Universität München, „durch die spezielle Topografie der Kontinentalränder ist Sedimentation dort sehr viel leichter möglich als an einer offenen Ozeanebene.“ Die besonderen Merkmale dieser mitunter tausende Meter in die Tiefe reichenden Unterseehänge bieten Forscherteams einzigartige Bedingungen, die Genese von Rohstoffen über lange Zeitspannen nachzuvollziehen.

Neben Sedimentation spielt auch Vulkanismus eine Rolle für den Rohstoffreichtum an den Kontinentalrändern. Dieses Phänomen ist vor allem in den Grenzgebieten der mächtigen Kontinentalplatten zu beobachten; Experten sprechen hier von aktiven Kontinentalrändern. Durch Subduktion – also das Schieben einer Erdplatte unter eine andere – wird Material tief in die Erde eingelagert. Vulkanismus und magmatische Aktivitäten fördern in diesem „Kreislauf der Gesteine“ nach Jahrmillionen Rohstoffe wie Nickel, Kobalt oder Gold wieder in die Ozeanbecken. Die Pazifikseite von Südamerika mit ihren reichhaltigen Kupfervorkommen ist ein Beispiel für diesen komplexen und langwierigen Prozess.

Das im Rahmen der GEOTECHNOLOGIEN geförderte Schwerpunktprogramm SAMPLE hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu einem besseren Verständnis der passiven Kontinentalränder beizutragen. So werden die Übergänge vom Festland ins Tiefseebecken genannt, die sich nicht unmittelbar an den Plattengrenzen der Erde befinden. Die wissenschaftliche Arbeit von SAMPLE ergänzt damit die Erkenntnisse des bereits abgeschlossenen Schwerpunkts „Kontinentränder: Brennpunkte im Nutzungs- und Gefährdungspotenzial der Erde“. Auch wenn bei SAMPLE Grundlagenforschung betrieben wird, unterstreicht Koordinator Hans-Peter Bunge den praktischen Nutzen des Programms für die Exploration von Rohstoffen: „Eigentlich alle wichtigen Erkenntnisse, die wir aus der angewandten Forschung kennen, gehen unmittelbar auf die Grundlagenforschung zurück. Die Grenze zwischen diesen Teilgebieten ist also fließend.“

Dabei wird unvermindert auch nach unterseeischen Lagerstätten eines Rohstoffs gesucht, der zuletzt für viele negative Schlagzeilen gesorgt hat: Erdöl. 2007 wurde im Kontinentalrand vor der Küste von Brasilien ein neues gigantisches Ölfeld entdeckt – mit vermutlich über 30 Milliarden Barrel das drittgrößte der Erde. Erst vor wenigen Tagen stieß zudem ein britisches Unternehmen vor der schottischen Küste auf ein beachtliches Ölvorkommen. Doch ist es überhaupt zu verantworten, nach der Katastrophe im Golf von Mexiko weitere Offshore-Vorkommen anzuzapfen? Bunge möchte diese Frage nicht grundsätzlich verneinen. Vielmehr komme es seiner Meinung nach darauf an, bereits verfügbare Technik auch konsequent einzusetzen.

Eine Maßgabe, die die Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ vermutlich verhindert hätte. „Wir alle brauchen für unseren Lebensstandard Energie und Rohstoffe und müssen folglich auch in Zukunft neue Vorkommen finden und erschließen“, verdeutlicht Hans-Peter Bunge seinen pragmatischen Standpunkt, „selbstverständlich müssen dabei aber alle bereits bekannten Sicherheitsvorkehrungen ergriffen und zusätzliche Maßnahmen entwickelt werden. Wir sollten aus meiner Sicht als Naturwissenschaftler also mit den sich stellenden Problemen umgehen, indem wir technische Lösungen für sie finden.“

RD, iserundschmidt 06/2010


Nähere Informationen zu den Projekten des SAMPLE-Schwerpunktprogramms finden Sie hier und auf der Homepage des DFG-geförderten Schwerpunktprogramms.

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