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Schneller als die Welle

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 22.02.2008 11:45

Wie deutsche Wissenschaftler mit einem komplexen Netz von Mess-Sonden ein funktionsfähiges Tsunami-Warnsystem aufgebaut haben, berichtet Prof. Jochen Zschau am 30. Januar im Deutschen Technikmuseum Berlin. Anfang 2009 werden die Riesenwellen-Warnanlagen in Indonesien in Betrieb gehen.

Vor gut einem Monat jährte sie sich zum dritten Mal – die Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean. Nach einem Erdbeben vor der Insel Sumatra am zweiten Weihnachtstag 2004 kamen durch die sich anschließende Flutwelle fast eine Viertelmillion Menschen ums Leben. Betroffen waren vor allem Indonesien, Sri Lanka, Indien und Thailand. Direkt nach der Katastrophe erteilte die Bundesregierung der Helmholtz-Gemeinschaft, vertreten durch das GeoForschungsZentrum Potsdam (GFZ), den Auftrag zur Entwicklung eines Tsunami-Frühwarnsystems. Bereits drei Wochen nach der Katastrophe konnte eine Arbeitsgruppe unter Führung des GFZ das Konzept für GITEWS (German Indonesian Early Warning System for the Indian Ocean) der Bundesregierung vorlegen.

Wie die Arbeiten an dem System seither vorangeschritten sind und warum Deutschland auch auf anderen Gebieten der Frühwarnung vor Naturereignissen eine aktive Rolle spielt, darüber wird Prof. Jochen Zschau vom GFZ am kommenden Mittwoch um 18.30 Uhr in einem Vortrag im Deutschen Technikmuseum Berlin berichten. Dieser findet statt im Rahmen der dort gezeigten Wanderausstellung "Unruhige Erde", konzipiert vom Koordinierungsbüro GEOTECHNOLOGIEN.

„Wichtig bei der Entwicklung des Frühwarnsystems waren uns vor allem sieben Punkte“, berichtet Jochen Zschau. So sollte GITEWS mit anderen Systemen kompatibel sein und auch so offen, dass später weitere Naturgefahren wie Vulkane oder Wirbelstürme integriert werden können. Ein modularer, umfassend vernetzter Aufbau stellt sicher, dass das System robust ist gegen Störungen an einzelnen Stellen und die gesamte Information gleichzeitig an unterschiedlichen Orten abgefragt werden kann. Zudem sollte die Technik auf andere Regionen übertragbar sein und den neuesten Stand der Technik widerspiegeln. „Und nicht zuletzt ging es auch darum, den ‚Faktor Mensch’ in das System einzubinden“, sagt Zschau.

Für diesen Punkt hat sich mittlerweile auch das Schlagwort von der „letzten Meile“ eingebürgert. Denn kein Frühwarnsystem nützt etwas, wenn die Menschen vor Ort die Warnung nicht mitbekommen oder nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Neben Fortbildungen vor Ort werden deshalb auch – in Zusammenarbeit mit der Universität der Vereinten Nationen (UNU) – indonesische Wissenschaftler in Deutschland geschult.

„Technisch mussten wir vor allem das Problem lösen, die Stärke des Bebens schnell und sicher zu bestimmen“, erzählt Zschau. Beim Sumatra-Beben vor drei Jahren konnte man in Potsdam bereits zwölf Minuten später die ersten Bebenwellen registrieren, die durch die Erdkugel hindurch nach Europa gelangt waren. Das Problem: Die Analyse dieser Wellen führte zu einer geschätzten Stärke des Bebens von sieben auf der Richterskala. Erst als nach einer Dreiviertel-Stunde auch Wellen eintrafen, die an der Erdoberfläche um den Globus herum gelaufen waren, konnte die richtige Magnitude des Bebens von 9,3 ermittelt werden. „Dieser Unterschied ist erheblich“, erklärt Zschau. „Denn die Skala ist logarithmisch, und damit ein Beben der Stärke neun dreißigmal stärker als eins der Stärke acht!“

Wie die deutschen Wissenschaftler es geschafft haben, mit Hilfe von Bojen, Druckmessern am Meeresboden und Pegelstandsfühlern an der Küste, mit einer trickreichen Anordnung dieser unterschiedlichen Geräte, mit langen Messfahrten des Forschungsschiffs „Sonne“ sowie mit Hilfe von GPS-Satelliten und aufwändigen Simulationen ein funktionsfähiges System aufzubauen, wird Professor Zschau am Mittwoch Abend erläutern. Und davon erzählen, dass die Aufgabe des Systems nicht nur in der Warnung vor Tsunamis besteht, sondern auch im genauen Gegenteil: „Nicht jedes Beben erzeugt einen Tsunami“, sagt Jochen Zschau. „Da starke Erdbeben an der indonesischen Küste schnell verspürt werden und zu Panikreaktionen führen könnten, ist deshalb im entsprechenden Fall auch eine Entwarnung vor einem Tsunami sehr wichtig.“

Vortrag „Tsunami-Frühwarnung

Prof. Jochen Zschau spricht über die technischen Möglichkeiten und über geplante zukünftige Methoden zur Frühwarnung vor Tsunamis, Erdbeben und Vulkaneruptionen. Der Eintritt ist frei.

Ort: Deutsches Technikmuseum, Berlin
Zeit: Mittwoch 30.Januar, 18:30 Uhr

WR, iserundschmidt 01/2008


Das Deutsche Technikmuseum Berlin ist die sechste Station der Wanderausstellung "Unruhige Erde", die noch bis zum 22. Juni 2008 durch Deutschland touren wird. Weitere Informationen zur Berliner Station der Ausstellung finden Sie hier.

Mehr Informationen zur Wanderausstellung „Unruhige Erde“ finden Sie hier.

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