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Wertvolle Denkanstöße

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Fachtagungen wie die kürzlich stattgefundene „GeoDresden2009“ haben für die Teilnehmer eine wichtige Funktion: Im Anschluss an ihre Vorträge sorgen Rückfragen aus dem Auditorium für neue Denk- und Lösungsansätze, auf die die Experten ansonsten möglicherweise gar nicht gestoßen wären.

Mit knapp 30 Vorträgen waren die GEOTECHNOLOGIEN auf der Fachtagung GeoDresden2009 überdurchschnittlich stark vertreten. So konnte das Forschungs- und Entwicklungsprogramm im Rahmen der 161. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften seine beachtliche Bandbreite demonstrieren: Bei den gut besuchten Vorträgen wurden vielversprechende Forschungsprojekte zur Aufbereitung von Trinkwasser, Speicherung von Kohlendioxid oder zur Vorauserkundung beim Bau von Megatunneln präsentiert. Durch das schwere Erdbeben in der Nähe der Samoa-Inseln Ende September gewannen zudem die Beiträge aus dem GEOTECHNOLOGIEN-Forschungsschwerpunkt „Frühwarnsysteme gegen Naturgefahren“ an besonderer Aktualität.

Neben dem Kontakt zu Mitgliedern der unterschiedlichen GEOTECHNOLOGIEN-Projekte war für die Referenten auch das Informieren von Außenstehenden aus anderen Programmen ein wichtiges Anliegen. „Mit den hochspannenden Ergebnissen, die wir auf Veranstaltungen wie der GeoDresden präsentieren können, locken wir auch Experten an, die von der Arbeit unseres Forschungsprogramms möglicherweise noch keine genauen Kenntnisse besitzen“, erklärt Dr. Ludwig Stroink, Leiter der GEOTECHNOLOGIEN-Geschäftsstelle. Manch Zuhörer könnte zu einem späteren Zeitpunkt dann möglicherweise auch für eine Beteiligung an neu angestoßenen Projekten gewonnen werden, beschreibt Stroink einen mittelfristigen Nutzen der Präsentationen. 

 GeoDresden2009 Foyer

Das Foyer des Tagungsorts wurde ausgiebig zum Ideenaustausch und zur Kontaktpflege genutzt (Bild: Lange, SNSD).
 

Das rundweg positive Fazit, das Ludwig Stroink von der Dresdener Fachtagung zieht, resultiert auch aus einem weiteren Aspekt: „Wir konnten eindrucksvoll zeigen, wie stark sich die Industrie inzwischen in den Projekten der GEOTECHNOLOGIEN engagiert. Es hat eine Reihe von Besuchern außerordentlich beeindruckt, welch eine Vielzahl unterschiedlicher Unternehmen, die in erster Linie aus dem kleinen und mittelständischen Bereich kommen, in den Projekten integriert sind“, so der Mitorganisator der GEOTECHNOLOGIEN-Session. Durch diese Interdisziplinarität ließen sich Themen bearbeiten, die ohne Zusammenschlüsse aus Universitäten, Forschungszentren und Unternehmen in dieser Form nicht möglich wären – etwa wenn Knochenersatzstoffe entwickelt werden oder Forscher auf der Suche nach einem neuen Superkleber sind.  „Diese völlig neuen, sehr technisch orientierten Themen sind auf der Veranstaltung auf großes Interesse gestoßen“, berichtet Stroink erfreut.

 

Messung im Dreiklang

 

Auch das Projekt alpEWAS zog die Aufmerksamkeit des Dresdener Fachpublikums auf sich. Die Münchener Forschergruppe arbeitet an einer verlässlichen, möglichst frühen Detektion von Hangrutschungen. Im bayerischen Sudelfeld haben die Wissenschaftler zu diesem Zweck eine ganze Armada von Sensoren aufgebaut und tief in den instabilen Hang vergraben. „Dadurch gelingt es uns auf neuartige Weise, Hangbewegungen messen zu können und fundiert wissenschaftlich zu untersuchen, wie diese Technik in der Praxis zum Einsatz kommen kann“, erklärt Projekt-Koordinator Professor Kurosch Thuro von der TU München.

Mit festvergossenen Koaxialkabeln, die durch eine Bohrung ins Erdreich gelassen werden, lassen sich Hangverschiebungen bis hinunter in den Millimeter-Bereich aufspüren. Kurosch Thuro erläutert einen besonderen Vorteil dieser Methode: „Da die Kabel nach ihrer Installation im Boden verbleiben, ist eine permanente Überwachung der Hangaktivitäten möglich. Andere Systeme liefern entweder nur periodische Ergebnisse oder erfordern weit höhere Kosten als unsere Variante.“

Allerdings hat die Verkabelung des Hanges auch einen Nachteil: Die Messmethode bringt zwar äußerst präzise Ergebnisse zutage, wenn sich die Erdmassen in Bewegung setzen. Ihre genaue Richtung lässt sich damit aber nicht bestimmen. Um diese Datenlücke zu schließen, muss der Hang von einer geeigneten Position beobachtet werden; nicht mit bloßem Auge, sondern mit hochsensiblen CCD-Zellen. „Wie bei einem Fotoapparat können wir mit dieser Zelle, die in einem so genannten Tachymeter verbaut ist, den Hang nicht nur punktuell, sondern in der Fläche erfassen. Die Technik versetzt uns in die Lage, für jeden Pixel auf der CCD-Zelle die Entfernung und den Winkel im Raum zu bestimmen.“

 

Tachymeter

Mit einem Tachymeter lassen sich auch geringe Veränderungen der Hangoberfläche erfassen (Bild: TU München).


Die Suche nach einem geeigneten Beobachtungsstandpunkt hat allerdings oftmals ihre Tücken. Da die Forscher das Tachymeter aufgrund ungünstiger Gegebenheiten vor Ort häufig mitten in die gefährdete Region platzieren müssen, rutscht es, wenn sich der Boden Richtung Tal in Bewegung setzt, einfach mit. In diesem Fall können auch mit den CCD-Chips nur relative Veränderungen gemessen werden, nicht aber absolute. Um diese zu erhalten, sind die Forscher auf die GPS-Technik angewiesen, die dank Low-Cost-Sensoren und günstigen Antennen ohne allzu hohen finanziellen Aufwand die absoluten Verschiebungen der instabilen Region hoch genau im Raum liefert.

Dieses Zusammenspiel der oberirdischen Messinstrumente lässt zusätzliche Bohrungen auf den ersten Blick überflüssig erscheinen, doch Thuro erklärt, warum die erprobten Verfahren nur im Dreiklang ihre volle Wirksamkeit entfalten können: „Tachymeter und GPS-Technik können bei aller Genauigkeit nur Veränderungen an der Hangoberfläche darstellen. Viele Bewegungen entstehen aber zunächst in zwanzig oder dreißig Meter Tiefe. Um diese aufzuspüren, benötigen wir wiederum die Koaxialkabel.“

 

Anregende Diskussionen

 

Kommt es zu einer plötzlichen Bewegung des Hangs, ist es zurzeit noch am Forscherteam, Warnungen an die zuständigen Stellen weiterzuleiten. Ein Zwischenschritt, der aber nicht zwingend notwendig ist. „Die E-Mail oder SMS, die wir erhalten, wenn sich die Bewegung des instabilen Hangs beschleunigt, könnte zeitgleich zum Beispiel an den Bürgermeister des gefährdeten Orts oder direkt an die betroffenen Haushalte gehen“, betont Thuro, dass auch die Ausarbeitung einer funktionstüchtigen Befehlskette im Katastrophenfall ein wichtiger Teil der Projektarbeit ist.

Den Tipp, auch dieses letzte Glied eines Frühwarnsystems nicht zu vernachlässigen, bekam der Münchener Professor auf einer Fachtagung von einem interessierten Zuhörer: „Schon beim Kick-off-Meeting zu unserem Forschungsschwerpunkt kam die Frage auf, auf welchem Weg die vielen Informationen, die wir bei alpEWAS sammeln möchten, eigentlich genau zum Enduser gelangen sollen.“ Diese Fragen von Außenstehenden seien für die Arbeit der Forscher enorm wichtig, sagt der Projektleiter von alpEWAS, da die Gefahr bestehe, bei intensiver Detailarbeit ab und zu andere Aspekte des Projekts ein wenig aus den Augen zu verlieren. „Externe Einwürfe sorgen dafür, dass wir nicht zu sehr im eigenen Saft schmoren“, sagt Thuro.

Durch die angeregten Diskussionen nach den Vorträgen entstehen zudem häufig Kontakte, die weit über die Fachtagungen hinaus andauern. „Nach jeder Veranstaltung komme ich mit einem ganzen Stapel von Visitenkarten zurück nach Hause, von Leuten, mit denen ich die ein oder andere Idee austauschen möchte“, erzählt Kurosch Thuro, „und selbst, wenn sich aus dieser Vielzahl an neuen Kontakten nur einer als konstruktiv erweisen sollte, hat sich eine Veranstaltung wie die GeoDresden für mich schon gelohnt.“

RD, iserundschmidt 10/2009


Weitere Informationen zur GeoDresden 2009 finden Sie hier.

Eine ausführliche Beschreibung der Arbeit des alpEWAS-Teams gibt es auf der Projektseite.

alpEWAS ist Teil des GEOTECHNOLOGIEN-Kernbereichs „Frühwarnsysteme gegen Naturgefahren“. Die anderen Projekte dieses Forschungsschwerpunkts finden Sie hier.

Verweise
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