Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Archiv Aus der Praxis Betreten auf eigene Gefahr

Betreten auf eigene Gefahr

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 15.03.2010 17:52

Unser Planet ist ein heißes Pflaster. Wie heiß, das zeigen Meteorologen, Statistiker und Großversicherer mit speziellen Auswertungen von Georisiken und Naturkatastrophen. Sie destillieren aus Opferzahlen, Schadenssummen und Bevölkerungsstatistiken überraschende Einblicke in die Gefahrenzone Erde.

Überschwemmungen in Äthiopien: 1400 Tote; Erdbeben in Indonesien: 5749 Tote - nur zwei Einträge der 50 schlimmsten Naturkatastrophen des Jahres 2006. Erschreckende Zahlen, die das Leid und die Zerstörung, die manche Naturereignisse mit sich bringen, erahnen lassen. Mehr als eine Ahnung vermitteln die Zahlen hingegen jenen Experten, die die Statistikdaten mit spezieller Software bearbeiten oder mit Datenpaketen aus anderen Forschungs- und Wirtschaftsbereichen verheiraten. So entstehen interaktive Atlanten, Ranglisten mit überraschenden Ergebnissen und ungewohnt verzerrte Weltkarten. Wir wollen hier einmal drei prominente Beispiele etwas genauer vorstellen.


Die "Down10" des Leidens


"Globaler Klima-Risiko-Index 2007" heißt eine auf den ersten Blick recht unauffällige Auswertung der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch, basierend auf Datenerhebungen des Versicherungskonzerns Münchener Rück. Die Stärke der umfangreichen Auswertung und ihrer Risiko-Ranglisten liegt auch weniger in der grafischen Aufbereitung als vielmehr in ihrer klaren Abgrenzung von den rein auf absoluten Zahlen basierenden "Wasserstandsmeldungen", die in der Diskussion zum Klimawandel typischerweise zur Sprache kommen.


Yacht im Vorgarten

Yacht im Vorgarten: Sturmflutschäden auf den Cayman Islands durch Hurrikan Ivan. Das Vereinigte Königreich, zu dem die Inselgruppe gehört, nimmt im "Globalen Klima-Risiko-Index 2007" Platz 40 ein. (c) Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft

 

Natürlich liefert auch die Germanwatch-Auswertung für das Jahr 2005 sowie für die Dekade 1996-2005 die üblichen ungewichteten Statistiken. Zusätzlich fließen in den Index aber auch Indikatoren ein, die die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der einzelnen Länder berücksichtigen. Dies können der jeweilige Entwicklungsstand sein oder die Zahl der Einwohner. So zeigt die Studie, wie stark einzelne Staaten tatsächlich unter den Nachwehen von wetterbedingten Katastrophen und den Folgen des Klimawandels zu leiden haben. Das nicht ganz überraschende Ergebnis: Die schwächsten Länder leiden am stärksten. Klimawandel und Extremwetter halten sich nicht an Ländergrenzen, die von ihnen angerichteten Schäden und Opferzahlen schon.

Beispiel Guyana: Betrachtet man nur die absoluten Schäden des Jahres 2005, landet das von schweren Überschwemmungen heimgesuchte Land auf dem elften Platz. Setzt man den wirtschaftlichen Schaden allerdings ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, rückt Guyana auf Platz 1 vor. Die Summe der wetterbedingten Schäden erreichte 2005 hier fast ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Der traurige Höchstplatzierte in den "Down10" der am stärksten betroffenen Länder - den Begriff "Top10" hatten die Autoren zu Recht als unpassend empfunden - ist allerdings ein anderer Zwergstaat: Guatemala. Das mittelamerikanische Land war vor allem in den so genannten relativen Faktoren - Personen- und Sachschäden bezogen auf Einwohnerzahl und BIP - stark betroffen. Deutschland landete übrigens in der Gesamtwertung, die insgesamt 120 Staaten listet, auf dem 37. Platz. In der Auswertung des Jahrzehnts 1996 bis 2005 führten Hochwasser und Überschwemmungen sogar zu Platz 11. Hier waren die Daten von insgesamt 166 Ländern erfasst worden.


Die aufgeblähten Risikozonen der Erde


Zahlen und Ranglisten sind eine Sache, eine Grafik mit Hingucker-Qualitäten eine andere. Wo der Klima-Risiko-Index Ranglisten aufstellt, um auf die tatsächlichen Auswirkungen von Klimakatastrophen hinzuweisen, wählen Geografen aus dem englischen Sheffield und dem amerikanischen Michigan eine mehr bildliche Darstellung, nämlich die einer Weltkarte. Dabei greifen sie jedoch nicht auf die übliche Mercator-Projektion der Schulatlanten zurück, sondern lassen statistische Daten die Größen einzelner Länder bestimmen. Statt realer Quadratkilometerzahlen teilen Lebenserwartung, Erdbebenopferzahlen oder biologische Produktivität den Globus flächenmäßig auf. Mehr als 250 dieser so genannten Kartogramme gibt es bereits, und auf vielen von ihnen ist unsere Erde kaum noch wiederzuerkennen.

Bei normalen Karten steht die Ausdehnung eines Landes für dessen geografische Fläche. Zusatzinformationen werden in Diagrammen dargeboten oder als Zahlenwerte über die Karten verstreut. Bei "worldmapper.org" ist beides direkt miteinander verknüpft. Auf diese Weise hat beispielsweise im Falle der Zahl aller Vulkanopfer pro 1 Million Einwohner zwischen 1975 und 2000 das Antlitz der Welt nur noch ein Zentrum: ein riesenhaft angeschwollenes Kolumbien. Aufgebläht vor allem durch den Ausbruch des Nevado del Ruiz, bei dem ein Lahar 1985 mehr als 25.000 Menschen tötete, hängt der südamerikanische Staat unter einem feinen Spinnennetz der restlichen Staaten Europas, Nordamerikas und Asiens. Lediglich Kamerun, die Philippinen und Indonesien sind noch als Flächen erkennbar.

 

Deutlicher geht's nicht: Auf den "worldmapper"-Karten bestimmen statistische Daten die Größe eines Landes.

Deutlicher geht's nicht: Auf den "worldmapper"-Karten bestimmen statistische Daten die Größe eines Landes. In diesem "Kartogramm" ist es die Zahl aller Vulkanopfer zwischen 1975 und 2000 pro 1 Million Einwohner. Allein 86 Prozent aller Vulkanopfer starben in Kolumbien.

(c) Copyright 2006 SASI Group (University of Sheffield) and Mark Newman (University of Michigan), www.worldmapper.org

 

Die Stärke des ungewöhnlichen Kartenmaterials zeigt sich vor allem bei abstrakten Daten. Das menschliche Auge-Gehirn-System sei wesentlich besser darin, relative Werte von Objekten direkt anhand ihrer Größe zu beurteilen anstatt anhand ihrer Farbabstufungen, die erst noch in Daten übersetzt werden müssen, erklärt Geograph Danny Dorling Anfang des Jahres in seinem Artikel "Worldmapper: The Human Anatomy of a Small Planet" für das Open Access Journal "PLoS - Medicine". In Kurzform: Kartogramme setzen auf ein intuitives Verständnis der präsentierten Zusatzinformationen statt auf Legenden und Bildtexte. Ob weltweite Verteilung von Nahrungsmitteln oder von Naturkatastrophenopfern, nie wurden die Ungleichgewichte unseres Planeten deutlicher dar- und zur Diskussion gestellt. Für Danny Dorling ist die zentrale Fragestellung klar: "What do we need to be able to see - so that we can act?"


Mit NATHAN auf Gefahrensuche


Manche Orte verbindet man fast automatisch mit Naturkatastrophen: New Orleans mit Überschwemmungen, Pompeji mit einem Vulkanausbruch. Doch nicht immer ist die Gefahrenzuordnung für eine Stadt oder einen Landstrich so eindeutig. Katastrophenrisiken transparenter darzustellen kann nicht nur für Wissenschaftler interessant sein, sondern gerade auch für die Versicherungsbranche. Ein wichtiges Instrument bei der Analyse von Naturgefahren ist hier das "Geographical Underwriting" - eine "Verortung" des Risikos, genauer gesagt eine "Geokodierung" von Bestands- und Schadensdaten zur späteren punktgenauen Analyse. Ziel ist dabei die möglichst präzise Bewertung von Schadenspotenzialen für jeden beliebigen Ort der Welt.

Wie auch bei den bisher vorgestellten Auswertungsarten fließen beim "Geographical Underwriting" sehr viele Geodaten zusammen, etwa Luft- und Satellitenbilder, Versicherungsdaten, sozioökonomische Daten, Gefährdungskarten, Gefahreninformation zu Erdbeben oder Stürmen und selbstverständlich GPS-Koordinaten. Sie alle werden aber nicht nur zusammengeführt, sondern münden seit wenigen Jahren auch in einen interaktiven Weltatlas der Naturgefahren: "NATHAN". Die Online-Anwendung "Natural Hazards Assessment Network" der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft gibt als Benutzeroberfläche einem über mehr als drei Jahrzehnte angesammelten Expertenwissen ein klares Gesicht.


Benutzeroberfläche der Online-Anwendung NATHAN, dem Natural Hazards Assessment Network der Münchener Rück.

Benutzeroberfläche der Online-Anwendung NATHAN, dem Natural Hazards Assessment Network der Münchener Rück. Im Falle des hier abgebildeten Kartenausschnitts tauchen regional zu erwartende maximale Erdbebenstärken den Mittelmeerraum in Gelb und Orange.

(c) Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, Screenshot: ius

 

Im Zentrum von NATHAN steht eine interaktive Weltkarte, in der man etwa 600.000 Orte und städtische Regionen ansteuern kann. Im Modul "Natural Hazards Maps" können dann unterschiedliche Risikozonen zu Erdbeben, Hagelstürmen, Vulkanausbrüchen oder Tsunamis über die Karte geschichtet werden. Will man beispielsweise wissen, wie die Naturgefahrensituation beim nächsten Italienurlaub in Mailand ist, kann man mittels Mausklick eine virtuelle Fahne in die vergrößerte Weltkarte rammen und erhält eine ortsgebundene Risikoliste, die sogar saisonale Eigenheiten berücksichtigt. Neben den "Natural Hazards Maps" stehen dem User noch zwei weitere Module zur Verfügung, die die Auflistung und Filterung von Naturkatastrophen nach Zeiträumen und Regionen sowie die Ausgabe verschiedenster Geodaten einzelner Länder ermöglichen. Im nicht-öffentlichen Kundenbereich wartet NATHAN zusätzlich dann noch mit den aus Versicherungssicht "harten Fakten" auf: Versicherungsmarktzahlen, Angaben zu versicherten Schäden sowie versicherungsrelevante Zonen.

Mehr noch als die anderen hier präsentierten Ausgabe- und Auswertungssysteme von Geodaten zeigt NATHAN die wachsende wirtschaftliche Bedeutung, die dem Bereich Naturgefahren und Klimawandel zukommt. Es ist eben nicht nur die Wissenschaft, die diesen Bereich bearbeitet; auch für die Wirtschaft wird der Erkenntnisgewinn auf diesem Sektor immer wichtiger. Ob Chipfabrik, deren Filteranlagen durch schwere Stürme beeinträchtigt werden, oder die durch Hagelschlag zerstörten Gewächshäuser eines landwirtschaftlichen Betriebs - das Wissen um Klimarisiken spart Geld, nicht nur auf Seiten der Versicherungen, sondern eben auch auf Seiten der Versicherten.

Die Unruhige Erde im Zentrum der Forschung


Einen guten Überblick darüber, welchen Ursprung viele der Geodaten haben, die Klima-Risiko-Index und Co. für ihre Auswertungen nutzen, liefert das FuE-Programm GEOTECHNOLOGIEN. Verschiedenste Projekte und Schwerpunkte sowie eine ganze Ausstellung widmen sich hier dem Themenbereich Naturgefahren. Während die Öffentlichkeit in der Wanderausstellung "Unruhige Erde" einen ersten Einblick in den, für so manchen Besucher überraschend dynamischen Erdball bekommt, versammeln sich Hightech und Spitzenforscher innerhalb der GEOTECHNOLOGIEN in zwei Schwerpunkten, die sich um die Erforschung und die Verarbeitung von Georisiken drehen.

Bereits im letzten Jahr abgeschlossen beschäftigte sich der Schwerpunkt "Informationssysteme im Erdmanagement" beispielsweise mit marinen Geo-Informationssystemen, die zusammen mit anderen Datensätzen eine Identifizierung unterschiedliche Provinzen am Meeresboden von Küsten- und Randmeeren ermöglichen sollen. Um die Entwicklung einer neuen Generation von Frühwarnsystemen dreht sich hingegen der Forschungsschwerpunkt "Frühwarnsysteme im Erdmanagement". Der Fokus der seit April 2007 unter diesem Schwerpunkt geförderten 12 Projekte liegt dabei keineswegs nur auf der Warnung vor den berühmt-berüchtigten Tsunamis, sondern umfasst unterschiedlichste Naturgefahren - von Vulkanausbrüchen über Erdbeben bis hin zu alpinen Hangrutschungen. Gerade durch eine effektivere Frühwarnung könnte sich so auch an den Ranglisten des Klima-Risiko-Index, den verzerrten Weltkarten von "worldmapper" und den NATHAN-Risikozonen in Zukunft noch einiges ändern.

TM, iserundschmidt 06/2007 


Den Globalen Klima-Risiko-Index 2007 in voller Länge können Sie hier herunterladen.

Mehr zu den ganz speziellen Landkarten von worldmapper.org finden Sie hier, der Artikel "Worldmapper: The Human Anatomy of a Small Planet" im "PLoS" ist hier abrufbar.

Die interaktiven Weltkarten von NATHAN finden Sie auf den Seiten der Münchener Rück Versicherung.

Weitere Infos zur GEOTECHNOLOGIEN-Wanderausstellung "Unruhige Erde" finden Sie hier.

Verweise
Bild(er)