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Teamwork gegen den Bergrutsch

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Hangrutschungen und andere „gravitative Massenbewegungen“ verursachen enorme wirtschaftliche Schäden und immer wieder Todesfälle. In der Schwäbischen Alb und in Südtirol erprobte das Projekt ILEWS neue Konzepte zum Schutz vor derlei Naturereignissen.

Gebirge und Landschaften sind über Jahrmillionen entstanden, doch auch an ihnen nagt der Zahn der Zeit. Regenfälle durchnässen das Erdreich und tragen es ab, Hitze und Frost führen zu Rissen im Fels und vom Wind verwehte Gesteinsteilchen wirken auf Dauer wie ein Sandstrahlgebläse. In Hanglagen gibt die Landschaft dem Zug der Schwerkraft daher unweigerlich nach. Zuweilen geschieht dies nur im Schneckentempo, manchmal jedoch plötzlich und mit katastrophalen Folgen. Felsstürze, Rutschungen, Schwammlawinen und andere „gravitative Massenbewegungen“ fordern weltweit immer wieder Menschenleben und verursachen große wirtschaftliche Schäden. In dem vom Forschungsprogramm GEOTECHNOLOGIEN geförderten Verbundprojekt „Integrative Landslide Early Warning System“ (ILEWS) erkundeten Wissenschaftler neuartige Schutzvorkehrungen gegen solche Naturereignisse. Dabei wurde ein Ansatz verfolgt, der neben technischen und naturwissenschaftlichen Aspekten auch andere Gesichtspunkte einbezieht. „Nach unserer Erfahrung gibt es technisch hervorragend ausgestattete Frühwarnsysteme, die aber nur einen Teil der eigentlich erforderlichen Maßnahmen beinhalten“, sagt der Geoforscher Prof. Thomas Glade, einst ILEWS-Initiator und -Projektleiter und mittlerweile an der Universität Wien tätig. „Das war der Grundgedanke, warum wir uns mit Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen wie Sozialwissenschaftlern, Historikern und Raumplanern zusammengetan haben, um ein Frühwarnsystem aufzustellen, das auf einem integrativen Konzept beruht."

Jenseits von Messgeräten

Der Ansatz von ILEWS umfasst den gesamten Prozess vom Sensor bis zur Handlungsempfehlung. „Bei üblichen Frühwarnsystemen ist die komplette Kommunikationskette häufig nicht zu Ende gedacht. Erkenntnisse über Gefahren sind mitunter da. Aber die eigentlich Betroffenen erreicht eine Warnung nicht. Unser Konzept beinhaltet deshalb sowohl das Monitoring, als auch was mit einer Warnung geschieht“, erläutert Glade. „Das fängt damit an, dass man zunächst einmal die Akteure identifiziert.“ Das seien neben Anwohnern auch die Gemeindeverwaltung oder beispielsweise Versicherungen. Wer ist für den Katastrophenschutz verantwortlich? Welche Entscheidungswege gibt es? Wie sind die rechtlichen Rahmenbedingungen? Gibt es in dem betroffenen Gebiet wirtschaftliche Interessen? ILEWS setzte sich auch mit solchen Fragen auseinander. Koordiniert wurden diese Untersuchungen von einem Forscherteam um Prof. Jürgen Pohl von der Universität Bonn.

Ergebnisse von ILEWS sind daher einerseits diverse technische Entwicklungen, etwa im Bereich der Sensorik oder Datenverarbeitung. Anderseits beispielsweise aber auch ein Leitfaden mit Empfehlungen, die beim Aufbau von Frühwarnsystemen grundsätzlich beachtet werden sollten. Diese „Checkliste“ behandelt Aspekte der Raumplanung und auch sozialpolitische und historische Gesichtspunkte, die sonst oft vernachlässigt werden.

Forschung in alten Quellen

In diesem Zusammenhang richteten die Forscher den Blick auch in die Vergangenheit. „Uns war es wichtig, Expertise einzubinden, an die man zuerst gar nicht denkt. So haben wir beispielsweise mit Historikern zusammengearbeitet“, erläutert Glade. Ziel war es herauszufinden, wie die Menschen in früherer Zeit mit Naturgefahren umgegangen sind. In den Untersuchungsgebieten von ILEWS – Schwäbische Alb und Südtirol – konnten die Historiker Berichte über Rutschungen und ähnliche Ereignisse bis ins 15. beziehungsweise 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Manche bislang unbekannte Aufzeichnung kam dabei zutage. Die Suche war Detektivarbeit. „Es gibt ja keine Naturchronik, in der man so etwas einfach nachschlagen könnte“, so Glade. Als aufschlussreich hätten sich beispielsweise Abrechnungen infolge von Ernteausfällen erwiesen. Für die heutige Wissenschaft sind solche Quellen ein Datenschatz. „Wir können viel daraus lernen“, meint der Geoforscher. „Es hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass gravitative Massenbewegungen in der Vergangenheit viel häufiger aufgetreten sind, als wir gemeinhin vermuteten. Wobei man damals natürlich nicht von gravitativen Massenbewegungen sprach. Man nutzte Begriffe, die heute nicht mehr geläufig sind, wie etwa Bergschlipf. Um so etwas herauszufinden und alte Berichte angemessen deuten zu können, sind Historiker gefragt."

Testgebiete

Verschiedenes sprach dafür, ILEWS auf die Schwäbische Alb und das italienische Südtirol zu fokussieren. „In beiden Regionen hatte es bereits Voruntersuchungen gegeben, so dass wir mit der eigentlichen Arbeit direkt beginnen konnten“, sagt Glade. Weiterer Grund: Die hier auftretenden Rutschungen sind langsam und vergleichsweise ungefährlich. „Katastrophale Ereignisse könnten uns die gesamte Instrumentierung zerstören“, gibt der Geoforscher zu bedenken. „Für ein Forschungsprojekt wie ILEWS muss man daher in Regionen mit langsamen Phänomenen arbeiten. Sonst hat man Schwierigkeiten, die technische Infrastruktur zu entwickeln und zu testen.“ Grundsätzlich seien die von ILEWS entwickelten Ideen jedoch für alle gravitativen Massenbewegungen geeignet. „Das Konzept ist anwendbar in anderen Regionen. Darauf haben wir von Anfang an Wert gelegt“, betont Glade. „Unser System eignet sich daher für alle gravitativen Massenbewegungen. Das Einzige was man an die jeweilige Situation anpassen muss, sind die Sensoren.“

Enormes Potential

In Deutschland ist die Gefahr durch gravitative Massenbewegungen gering. „Wir sind in der glücklichen Lage, dass es eigentlich keine Katastrophen gibt. Allerdings gibt es viele kriechende Ereignisse, beispielsweise in den fränkischen Weinbergen oder auch in Rhein-Hessen. Dort findet man zahlreiche Rutschungen, aber die sind vergleichsweise harmlos“, meint der Geoforscher. In anderen Regionen der Welt wie Neuseeland, Pakistan oder China seien gravitative Massenbewegungen jedoch eine ernsthafte Bedrohung. Das Interesse an einem integrativen Frühwarnsystem, das neben technischen auch andere Aspekte berücksichtige, sei deshalb groß. „Für die von ILEWS entwickelten Konzepte sehe ich enormes Potential“, unterstreicht Thomas Glade.

MN, iserundschmidt 12/2010


Mehr Informationen zum Projekt ILEWS finden Sie auf der Projektseite und auf den Seiten des GEOTECHNOLOGIEN-Programms.