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Zehn Minuten Vorwarnzeit

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Über die Zukunft der Frühwarnsysteme. Ein Interview mit Dr. Ludwig Stroink.

Zehn Minuten - wird am seebebenaktiven Sunda-Bogen ein Tsunami losgetreten, bleibt kaum mehr als diese Zeitspanne, um die Bewohner der indonesischen Küste vor dem anrollenden Unheil zu warnen. Wie kostbar jede Minute Vorwarnzeit sein kann, zeigte sich am zweiten Weihnachtstag 2004, als eine Flutwelle vor Sumatra startend durch den gesamten Indischen Ozean zog und mehr als 300.000 Menschen tötete. Viele von ihnen hätten sicherlich durch ein Frühwarnsystem, wie es jetzt federführend durch das GeoForschungsZentrum Potsdam (GFZ) in Südostasien errichtet wird, gerettet werden können.

Erdrutschschäden

 

Durch einen Erdrutsch aufgewühltes Wohnviertel im südkalifornischen Laguna Beach. Bedarf für wirksame Frühwarnsysteme gibt es eben nicht nur auf dem Meer. (c) Jim Bowers, USGS

Doch Naturkatastrophen kommen nicht nur als Wasserwände daher, sondern vor allem auch in Form von Erdbeben, Vulkanausbrüchen oder Schlammlawinen. Daher fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des FuE-Programms GEOTECHNOLOGIEN seit April 2007 die Entwicklung einer neuen Generation von Frühwarnsystemen auch für andere geologische Naturkatastrophen. Insgesamt 12 große Verbundprojekte mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft sind aktiv. Ziel ist es, beispielsweise Frühwarnsysteme für Hangrutschungen in Gebirgsregionen wie den Alpen zu entwickeln (alpEWAS), Informations- und Evakuierungssysteme bei Tsunamis zu optimieren (LASTMILE) oder mit Hilfe von Satelliten Deformationen der Erdkruste zu detektieren (G-SEIS).

Zum Forschungsschwerpunkt "Frühwarnsysteme im Erdmanagement" und zur Zukunft der Katastrophenwarnung 10 Fragen an den Leiter des Koordinierungsbüros GEOTECHNOLOGIEN, Dr. Ludwig Stroink.

planeterde: Herr Dr. Stroink, beginnen wir gleich mit einer vielleicht etwas provokanten Frage: Reicht die Angst vor einer drohenden Naturkatastrophe nicht aus, um die Entwicklung in Sachen Frühwarnsysteme voranzutreiben? Oder anders gefragt: Wozu bedarf es noch einer zusätzlichen Förderung wie hier im Rahmen des GEOTECHNOLOGIEN-Programms?

Stroink: Angst und Spekulationen sind nur schlechte Ratgeber, wenn es darum geht, die Menschen vor Naturkatastrophen zu schützen. Es bedarf vielmehr eines tiefgreifenden Verständnisses für die komplizierten Vorgänge in und auf der Erde. Durch jahrzehntelange intensive Forschung kennen die Wissenschaftler heute die Mechanismen, die zur Entstehung von Erdbeben, Vulkanausbrüchen oder Hangrutschungen führen. Trotzdem ist es bislang nicht möglich, exakte Voraussagen zu treffen, wann und wo es zum nächsten Ereignis kommt. Was bleibt ist die rechtzeitige Warnung der Bevölkerung. Mit Hochdruck wird daher weltweit an diesem Thema gearbeitet - mit durchaus vielversprechenden Ergebnissen. Woran es vielfach aber noch mangelt, ist die Zuverlässigkeit der Systeme. Versetzen Sie sich einmal in die Lage des Bürgermeisters von Neapel oder Tokio. Wann geben Sie "grünes Licht" für Vorsorgemaßnahmen, die bis zur Evakuierung ganzer Stadtteile gehen können. Die Verantwortung für den logistischen und finanziellen Aufwand ist immens. Folglich muss das Risiko für Entscheidungsträger berechenbar sein. Und da liegt die große Herausforderung für Wissenschaft und Wirtschaft: Bestehende Technologien zu optimieren und neue zu entwickeln, die diesen Ansprüchen Rechnung tragen. Deutsche Forschungseinrichtungen und Unternehmen haben auf diesem Gebiet ein traditionell anerkanntes Know-how, so dass ein Forschungsprogramm wie die GEOTECHNOLOGIEN der optimale Rahmen für Entwicklungsarbeiten dieser Art ist.

planeterde: Um welche Naturereignisse genau dreht sich der Förderschwerpunkt?

Stroink: Die Forschungsprojekte konzentrieren sich ausschließlich auf geologische Naturgefahren wie Vulkanausbrüche, Hangrutschungen und Erdbeben. Hochwasser oder Stürme, die sogenannten meteorologischen Naturgefahren, werden in den Projekten nicht berücksichtigt. Hierzu gibt es ein ebenfalls großes Forschungsprogramm des BMBF, das sich RIMAX nennt.

planeterde: Wird es bei den geförderten Forschungsprojekten einen Schwerpunkt geben, ein bestimmtes Katastrophenszenario, auf welches sich gleich mehrere Projekte konzentrieren werden?

Stroink: Zu den genannten Naturgefahren wird es jeweils verschiedene Projekte geben, die sich aber gegenseitig ergänzen. So lässt sich die gesamte Prozesskette der Frühwarnung abdecken, von der Registrierung eines Ereignisses bis zur Auslösung der konkreten Warnung. Gerade was die rechtzeitige Warnung der Bevölkerung betrifft, besteht noch Nachholbedarf. Die (Informations-)technologische und infrastrukturelle Ausstattung muss noch verbessert werden. Hier gilt unser Dank den internationalen Gutachtern. Sie haben mit großem Sachverstand aus der Vielzahl der eingereichten Projektvorschläge die wissenschaftlich und technologisch innovativsten Vorhaben herausfiltern können.

planeterde: Frühwarnsystem meint in der öffentlichen Wahrnehmung spätestens seit den Ereignissen Ende 2004 meist Tsunami-Frühwarnsystem. Dabei sehen sich Geowissenschaftler mit einer ganzen Reihe katastrophaler Naturereignisse konfrontiert, für die geeignete Warnsysteme entwickelt werden müssen. Können Sie uns einige Beispiele für Frühwarnsysteme nennen, die nichts mit Riesenwellen zu tun haben?

Stroink: Es ist erstaunlich zu sehen, welch vielfachen Einsatz das Wort "Frühwarnsystem" seit den katastrophalen Ereignissen in Indonesien und der raschen Reaktion deutscher Forschungseinrichtungen gefunden hat. Grundsätzlich aber haben Sie recht: Neben Tsunamis gibt es eine Vielzahl anderer Naturereignisse, die sich unter bestimmten Voraussetzungen zu Naturkatastrophen entwickeln und für die geeignete Frühwarnsysteme geschaffen werden müssen. Vielfach wird dabei zwischen meteorologischen und geologischen Naturkatastrophen unterschieden. Erstere sind Stürme, Hochwasserereignisse oder Hagelschauer. Diese Ereignisse dominieren rein zahlenmäßig deutlich über den geologischen Naturgefahren, wie Erdbeben, Vulkanausbrüchen oder Massenbewegungen. Was das Schadensausmaß einzelner Ereignisse betrifft, ergibt sich aber ein anderes Bild. Hier sind es die geologischen Naturgefahren, die in Summe ein sehr viel höheres Zerstörungspotenzial darstellen. Stellen Sie sich nur einmal vor, welch unverstellbare Folgen ein Erdbeben in Megacities wie Istanbul oder Tokio haben könnte. Ähnlich gefährdet sind die Menschen in Neapel, am Fuße des aktiven Vesuvs.

planeterde: Tsunamis und Vulkanausbrüche sind für viele Mitteleuropäer ein Problem aus einer anderen Hemisphäre. Betrifft der Punkt Frühwarnsysteme uns Europäer überhaupt?

Stroink: Ja, zweifelsohne. Aber man muss genau differenzieren. In Deutschland leben wir in einem tektonisch eher ruhigen Gebiet. Trotzdem werden auch wir von Erdbeben und Vulkanausbrüchen nicht verschont. Mit der Explosion des Laacher See Vulkans in der Eifel liegt der letzte Vulkanausbruch erst 10.000 Jahre zurück - in geologischen Zeitdimensionen gerechnet ein Wimpernschlag. Erdbeben sind ebenfalls eher selten. Der Köln-Aachener Raum, der Oberrheintalgraben oder die Schwäbische Alp aber sind Risikogebiete, wo es immer wieder zu Erschütterungen kommt. In Griechenland, Italien oder der Türkei leben dagegen viele Menschen in der ständigen Gefahr vor Erdbeben oder Vulkanausbrüchen. Tsunamis sind aus dem gesamten Mittelmeerraum bekannt. Am 28. Dezember 1908 wurde beispielsweise die Stadt Messina in Italien durch ein Erdbeben und den darauf folgenden Tsunami fast vollständig zerstört. Mehr als 75.000 Menschen wurden getötet.

planeterde: Sie sprachen es bereits kurz an: Als eine der größten Herausforderungen bei der Frühwarnung gilt die Überbrückung der "letzten Meile" - die Weitergabe der Warnung vom Katastrophenzentrum an alle potenziell Betroffenen. Dabei ist neben der Technik vor allem ein effektives Informationsmanagement gefragt. Schließt der Forschungsschwerpunkt auch diesen Punkt mit ein?

Stroink: Ja, dies ist ein wichtiges Thema des Forschungsschwerpunktes. Eine Reihe von Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Unternehmen widmen sich diesem Thema, das nicht nur technologisch, sondern auch soziologisch eine große Herausforderung darstellt. Voraussetzung ist jedoch immer eine verlässliche Datenbasis, auf deren Grundlage die Frühwarnung erfolgen kann. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Fehlalarme bei der Bevölkerung zu großen Unsicherheiten führen können, die bis zur Missachtung einer Warnung gehen. Die Forschungsprojekte in den GEOTECHNOLOGIEN widmen sich also nicht nur der Überwindung der "letzten Meile", sondern auch der Entwicklung verlässlicher technologischer Systeme.

Tsunami-Warnsystem auf Hawaii 


Tsunami-Warnsystem auf Hawaii (c) Mike Hudack, flickr.com

planeterde: Im Frühjahr letzten Jahres tagte in Bonn die EWC III, die "Dritte Internationale Frühwarnkonferenz" zum Thema "From concept to action". Welche Erkenntnisse haben Sie ganz persönlich aus diesem hochkarätigen Zusammentreffen mit nach Potsdam genommen?

Stroink: Dass Forschungsprogramme wie die GEOTECHNOLOGIEN, aber auch die vielen anderen Forschungsaktivitäten auf diesem Gebiet notwendig und sinnvoll sind.

planeterde: Die GEOTECHNOLOGIEN-Wanderausstellung "Unruhige Erde", die im September 2006 eröffnet wurde und seit letzter Woche in Bonn gastiert, ist den Themengebieten Naturkatastrophen und Frühwarnsysteme gewidmet. Welche Ziele verfolgt die Ausstellung bzw. was sollen die Ausstellungsbesucher an Eindrücken mit nach Hause nehmen?

Stroink: Wir wollen den Besuchern auf spielerische Weise und mit phantastischem Bildmaterial das grandiose Naturschauspiel einerseits und die zerstörerische Kraft von Naturereignissen andererseits nahe bringen. Vulkanausbrüche, Erdbeben, Hangrutschungen oder die eher exotischen Meteoriteneinschläge werden im wahrsten Sinne des Wortes "begreifbar". Auf unserem Erdbebensimulator können die Besucher die Wirkung eines Erdbebens hautnah spüren, mit einer Live-Cam können Sie weltweit Vulkane beobachten, an unserer "Hör-Bar" in die Erde hineinhorchen, in einen Vulkan hineinsehen und -hören oder einen echten, mehr als 250 Kilogramm schweren Eisenmeteoriten aus Namibia bestaunen. Wenn die Besucher die Ausstellung verlassen, haben wir hoffentlich eine Reihe von Fragen beantworten können, die viele Menschen bewegen, wenn Sie an Naturgefahren, ihre Risiken und Vorsorgemöglichkeiten denken.

planeterde: Ein interessanter Nebenaspekt der Ausstellung ist sicherlich die internationale Unterstützung durch das Isländische Fremdenverkehrsamt sowie die Marketingvereinigung "Iceland Naturally". Ist es eventuell denkbar, den jetzigen sechs Stationen der Wanderausstellung irgendwann Island als Siebte hinzuzufügen?

Stroink: Nein, das ist nicht geplant. Aber an allen Standorten führen wir Dank der großzügigen Unterstützung des Isländischen Fremdenverkehrsamtes ein Gewinnspiels durch. Mit etwas Glück können dann zumindest jeweils zwei Besucher für vier Tage nach Island reisen und die Unruhige Erde in all ihrer Faszination live erleben.

planeterde: Allgemeine Frage zum Schluss: Wie sieht die Zukunft des Programmschwerpunkts "Frühwarnsysteme im Erdmanagement" aus? Welchen konkreten Nutzen werden die Bewohner tektonischer Risikozonen aus dem Programm in den nächsten Jahren ziehen können?

Stroink: Das ist zum jetzigen Zeitpunkt so konkret noch gar nicht zu sagen. Es wird jedoch ohne Zweifel am Ende der dreijährigen Projektphase Fortschritte geben, was die Verbesserung der Frühwarntechnologien angeht. Insbesondere durch die enge Zusammenarbeit mit der Industrie erwarten wir hier interessante Neu- und Weiterentwicklungen. Man darf die Aktivitäten in den GEOTECHNOLOGIEN aber nicht isoliert betrachten. Es gibt weltweit andere Forschungsprogramme, die sich ebenfalls mit der Thematik "Frühwarnung" befassen. Alle aktuellen Vorhaben sind eng miteinander vernetzt. Jedes dieser Forschungsprojekte und damit auch die Vorhaben in den GEOTECHNOLOGIEN, fügen ein kleines Stück zum großen Puzzle bei. Auf diese Weise wird es in Zukunft möglich sein, Menschen und Wirtschaftsgüter in den gefährdeten Gebieten immer besser vor Naturgefahren zu schützen.


Weitere Informationen zum Themenschwerpunkt "Frühwarnsysteme im Erdmanagement" im Rahmen des GEOTECHNOLOGIEN-Programms finden Sie hier und auf dem Handout "Gefahrenzone Erde".

Näheres zur GEOTECHNOLOGIEN-Wanderausstellung "Unruhige Erde" finden Sie hier und auf den Seiten des Forschungsmuseums Alexander Koenig in Bonn, in dem die Ausstellung vom 12. Juli bis 4. November zu sehen sein wird.

TM, iserundschmidt 07/2007

Verweise
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