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Im Porträt: Prof. Dr. Thomas Litt

erstellt von egoernert zuletzt verändert: 16.04.2015 11:15

Prof. Dr. Thomas Litt lehrt Paläobotanik (Wissenschaft der fossilen Pflanzen) und Palynologie (Pollenanalyse) an der Bonner Universität. Im dazugehörigen Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie beschäftigt er sich vor allem mit der Vegetations- und Klimageschichte des Eiszeitalters, der Paläo-Ökologie und –klimatologie.

„Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern“, sagte der französische Schriftsteller André Malraux einst.  In diesem Fall muss wortwörtlich in der Vergangenheit gebohrt werden, um Zukunftsszenarien hinsichtlich des Klimas und der Vegetation stellen zu können. So bemüht sich seit Jahren das Forschungsteam um Professor Litt mit nationalen und internationalen Kooperationspartnern, die Vegetations- und Klimageschichte unserer Vorzeit durch Bohrungen an verschiedenen Stellen aufzudecken– darunter im osttürkischen Van-See, in den Eifel-Maaren und am Toten Meer.

Das Forschungsprojekt am Van-See


Die Bohrplattform auf dem Van-See. (Foto: Uni Bonn)Die Forscher stießen bei ihren Bohrungen am Van-See auf Ablagerungen, die Aufschluss über das Klima der letzten 600.000 Jahre geben. So gelangten sie zu der Erkenntnis, dass es in der Vergangenheit dort viele Klimaschwankungen, Erdbeben und Vulkanausbrüchen gab. Die Bohrungen ermöglichen jedoch nicht nur einen Blick in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft: Die Forscher können nun Risikoabschätzungen hinsichtlich der Naturgefahren für diese Region abschätzen. So zeigen die Proben, dass Vulkanaktivitäten und Erdbeben ein relativ großes Risiko für die Region bergen. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass dort in naher Zukunft wieder ein Vulkan ausbricht“, so Litt. Im Jahr 2010 gelang es dem Team, von einer schwimmenden Plattform aus bei einer Wassertiefe von 360 Meter Bohrkerne zu gewinnen, die Rückschlüsse über die Vergangenheit des Sees zulassen. So bestand der Bohrkern aus helleren, kalkhaltigen Sommer- und dunkleren, tonreichen Winter-Schichten, auch Warven genannt, die sich voneinander unterscheiden lassen. Professor Litt und seine Kollegen analysierten in Bonn anschließend die in den Sedimenten konservierten Pollen, um die Vegetation rund um den See rückwirkend zu bestimmen.

Rund 5.000 Proben wurden am Van-See analysiert, um herauszufinden, wie sich das Klima bis vor 600.000 Jahren stark veränderte. So fanden die Forscher heraus, dass die Warm- und Kaltzeiten in kurzen Intervallen von manchmal nur ein paar Jahrzehnten oft wechselten; insgesamt konnte das Team anhand der Sedimente und den darin enthaltenen Pollen sechs Warm-Kalt-Zyklen rekonstruieren. Ebenso konnten sie die Temperaturen und den Niederschlag in den unterschiedlichen Epochen bestimmen. Ein wahrer Goldschatz für die Klimaforscher: Solch ausdrucksstarke und lückenlose Klimaarchive aus dem Eiszeitalter sind weltweit sehr selten zu finden. Anhand der Proben konnten die Forscher nachweisen, dass die Klimaschwankungen besonders auf periodische Schwankungen der Erdbahn und der Sonneneinstrahlung zurückzuführen sind. Auch der Einfluss der Nordatlantikströmung habe sich bemerkbar gemacht.

Das Forschungsprojekt in den Eifel-Maaren


Auch in den Eifel-Maaren war Professor Litt mit seinem Team aktiv, um Bohrungen vorzunehmen. Zusammen mit den Bonner Meteorologen haben die Paläobotaniker ein Verfahren entwickelt, das anhand des Pollenvorkommens in einer Region Rückschlüsse über in der Vergangenheit vorherrschende Temperaturen und Niederschläge zulässt. Denn: Die Vegetation kann selbst innerhalb von ein paar Jahren die vorherrschenden Klimaschwankungen nachvollziehen.

Pollenhüllen sind äußerst resistent und überstehen dadurch Jahrtausende. Die Pollenproben aus den Eifel-Maaren, die die Forscher untersuchten, sind bis zu 15.000 Jahre alt. Mit Flusssäure oder Kalilauge werden diese aus den Sedimentproben gelöst. Unter dem Mikroskop wertet das Team anschließend aus, wie viel Pollen von welcher Art in den Schichten vorhanden sind. Die Wissenschaftler konnten mithilfe der Daten schließlich eine kalendarische Chronologie der Vegetation und des Klimas erstellen. „Das ist das Beste, was wir haben können“, so Litt. Anhand der Proben konnten die Forscher den Beginn des Ackerbaus in der Jungsteinzeit vor 7.000 Jahren sowie die „Pestdelle“ Mitte des 14. Jahrhunderts erkennen und bis zu 120.000 Jahre in die Vergangenheit blicken.

Das Forschungsprojekt am Toten Meer


Die Wissenschaftler erbohrten mit dem GeoForschungsZentrum Potsdam und dem Geologischen Dienst Israels einen Sedimentkern. (Foto: J. Mingram/GFZ)Am Toten Meer konnten die Forscher Bohrkerne aus Sedimenten am Uferbereich des Salzsees gewinnen und so die Klimageschichte der letzten 10.000 Jahre erschließen. Der Seespiegel im Toten Meer ist in den letzten Jahrzehnten – unter anderem durch starke Wasserentnahme - so stark gesunken, dass die Sedimente trocken fielen. Die Forschungen am Toten Meer ergaben, dass es dort in den vergangenen 10.000 Jahren aufgrund von Klimawechseln zu überraschend schneller Wüstenbildung innerhalb von wenigen Jahrzehnten kam. Am Westufer, in der Oase En Gedi, wurde ein Bohrkern entnommen, der mit dem darin enthaltenen fossilen Blütenstaub Erkenntnisse über die niederschlags- und temperaturabhängigen Pflanzen ermöglichte. So konnte das Team das Klima der kompletten Nacheiszeit rekonstruieren. Die Forscher entdeckten schnelle zeitliche Wechsel zwischen feuchten und trockenen Phasen. Nach Daten der Wissenschaftler kam es vor allem zwischen 7.500 und 6.500 Jahren vor heute sowie 3.300 und 2.800 Jahren vor heute zu ausgeprägten Trockenphasen.

Der Klimawandel


So interessant der Blick in die Vergangenheit ist, so interessant ist auch der in die Zukunft. Die Bohrungen haben Wissenschaftler auf den Plan gerufen, die sich mit „Worst-Case“-Szenarien für die Zukunft der Erde beschäftigen. Für die Forschungen am Toten Meer kooperierten die Wissenschaftler der Uni Bonn mit israelischen Kollegen und betrachten die Ergebnisse als dramatisch. Sie zeigten die Verletzlichkeit der Ökosysteme am Toten Meer, so Litt. Wie es beispielsweise in 1.000 Jahren auf unserem Planeten aussieht, vermag Professor Litt nicht vorauszusehen. Er stellt klar: „Wir können keine Klimavorhersagen machen, sondern nur Prognosen stellen. Auch die besten Programme können bestenfalls nur Szenarien modellieren“.

Zur Person


Professor Dr. Thomas Litt (Foto: Uni Bonn)Prof. Dr. Thomas Litt wurde am 4. Dezember 1957 in Stendal (Sachsen-Anhalt) geboren. Er studierte Ur- und Frühgeschichte, Geologie und Botanik. Anschließend promovierte und habilitierte er in Geologie. Seit 1994 ist er als Professor für Paläobotanik und Palynologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn tätig.  Er ist außerdem der Sprecher des Forscherkonsortiums PALEOVAN.