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ANNA-Logbuch #1: Silvester auf See

erstellt von eschick zuletzt verändert: 16.02.2016 12:49

Am vorletzten Tag des Jahres hat sich das Forschungsschiff Meteor auf den Weg ins Untersuchungsgebiet vor Angola und Namibia gemacht. Wie Wissenschaftler und Schiffscrew Silvester auf See erlebten und welche Überraschung bereits die erste Tauchfahrt brachte, berichtet Fahrtleiter Dierk Hebbeln im ersten Logbuch-Beitrag auf planeterde.

Logo der Expedition M122 - ANNA. (Bild: MARUM)Die Reise M122 des deutschen Forschungsschiffs METEOR trägt den Expeditionsnamen ANNA, der für „Kaltwasserkorallen vor ANgola und NAmibia“ steht. Organisiert vom MARUM – dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen, erforschen die 30 an Bord der METEOR eingeschifften Wissenschaftler vom 30.12.2015 bis zum 31.1.2016 den Meeresboden im Südost-Atlantik. Komplexe Gerüste bildende Kaltwasserkorallen, die nahezu weltweit in Wassertiefen von 40 m bis über 1000 m zu finden sind, formen als Ingenieure sehr artenreiche Ökosysteme, die gerade in Wassertiefen von über 200 m häufig Oasen in einer ansonsten wenig spektakulären Umwelt bilden.

Fahndung nach Korallenhügeln

FS METEOR im Hafen von Walvis Bay, Namibia.(Bild: MARUM)Heutige Erkenntnisse zum Vorkommen und zur Ökologie gerade von gerüstbildenden Kaltwasserkorallen sowie zu ihrer Sensitivität gegenüber Umweltveränderungen stammen hauptsächlich von Studien aus dem Nordatlantik. Für andere Regionen im Atlantik, vor allem in den niederen Breiten, gibt es dagegen nur sehr wenig bis gar keine Informationen. Abgesehen von zwei kleinen Gebieten, einmal vor Nord-Angola und einmal auf dem Walfisch-Rücken, gibt es aus dem Südost-Atlantik bisher überhaupt keine Informationen über Kaltwasserkorallen. Anhand von Vermessungen am Meeresboden gibt es aber indirekte Hinweise, dass es in dieser Region ausgedehnte Gebiete mit Meeresboden-Strukturen gibt, deren Größe und Form sehr den Kaltwasserkorallen-Hügeln im Nordost-Atlantik ähneln, bei denen es sich um über geologische Zeitskalen durch Korallen und Sediment entstandene Strukturen handelt.

Mit dem Ziel, diese Strukturen detailliert zu untersuchen ist das interdisziplinäre Wissenschaftlerteam aus Bremen, Wilhelmshaven, Kiel, Heidelberg, den Niederlanden, Spanien und Angola am Morgen des 30.12.2015 von Walvis Bay in Namibia aus in See gestochen. Zusammen mit der nautischen Crew werden sie die nächsten Wochen auf der 98 m langen METEOR verbringen. In den folgenden Wochen werden Maren Bender, Studentin an der Universität Bremen, und Dierk Hebbeln, Expeditionsleiter vom MARUM, in lockerer Folge vom Fortgang der Expedition berichten.

Spannung an Silvester

3D-Tiefenkarte der Kaltwasserkorallenhügel vor Namibia. (Bild: MARUM)Bereits um kurz nach Mitternacht am 31.12.15 wurde das erste Arbeitsgebiet erreicht. Mit hydroakustischen und seismischen Vermessungen wurden erstmal Detailinformationen über die Bathymetrie und die interne Struktur des Meeresbodens im Arbeitsgebiet gewonnen. Der Meeresboden ist hier sehr stark strukturiert und tatsächlich konnten am unteren Ende eines etwas steileren Hanges verdächtige Hügelstrukturen entdeckt werden. Diese Vermessung lief bis zum nächsten Tag, so dass in die Nacht noch die Silvesterfeier viel. Gerade für die meisten Wissenschaftler an Bord brachte das eine ganz neue Erfahrung mit sich: Silvester auf See! Nicht ganz unerwartet ließ sich dann aber auch auf See das Neue Jahr mit viel Spaß begrüßen.

Jungfernfahrt mit Fund

ROV SQUID kehrt von seinem Jungferntauchgang zurück. (Bild: Ch. Rohleder)Am 1.1.2016 stieg dann die Spannung: Das SQUID, der nagelneue ferngesteuerte Tauchroboter des MARUM (engl.: ROV – remotely operated vehicle), stand jetzt vor seiner Jungferntauchfahrt. Wie erhofft klappte alles reibungslos und erstmals war es möglich mit den Kameras des SQUID einen echten Blick (!) auf diese Hügel zu werfen. Und tatsächlich war alles voll mit Kaltwasserkorallen – allerdings gab es nur fossile Korallen, die schon seit einiger Zeit tot sind. Wann die Korallen hier ausgestorben sind, werden erst die späteren Untersuchungen zuhause zeigen können.

Korallenschutt überwachsen mit Schwämmen, Bryozoen und vielen anderen Organismen in 230 m Wassertiefe. (Bild: MARUM)Trotz allem bildet diese Ansammlung von Korallenschutt eine Vielzahl von ökologischen Nischen, so dass mit den Kameras eine bunte Lebewelt mit Schwämmen, Bryozoen, Krebsen und vielen Fischen zu beobachten war – wenn auch nicht so divers, wie man es aus anderen Kaltwasserkorallen-Ökosystemen kennt. Für dieses Gebiet ist das – unseres Wissens nach – die allererste Beschreibung von (fossilen) Kaltwasserkorallen. Gleich im Anschluss an den Tauchgang wurden drei Landersysteme ausgebracht, die über den Zeitraum von einigen Tagen bis zu drei Wochen vor allem ozeanographische Daten direkt am Meeresboden aufzeichnen werden.

Tierische Begleiter

Robbe beim Spielen neben dem FS METEOR. (Bild: D. Hebbeln)Am Samstag (2.1.2016) ist das ROV erneut losgeflogen, wie man auch beim ROV sagt. Neben den Korallen zeigen sich immer wieder Fische, Krebse und ähnliche Tiere, die von den Lichtern des ROV angelockt werden. Zusätzlich hat das Geo-Team einen Kastengreifer eingesetzt, mit dem ca. 50*50 cm große Böcke aus dem Meeresboden ausgestanzt werden, die es den Wissenschaftlern erlauben, sehr genau das Leben auf und im Meeresboden zu untersuchen. Dafür wird das Sediment durch verschiedene große Siebe gewaschen. Als zusätzliches Highlight dieser Reise werden wir immer wieder von Robben bespaßt. Sie sind so neugierig, dass sie immer am Schiff oder in der näheren Umgebung auftauchen und kleine Kunstsprünge vorführen. Jederzeit kann man an Deck gehen und das Schauspiel beobachten. Haie und Wale wurden ebenfalls gesichtet, haben es aber leider noch nicht vor die Kamera geschafft.

Großes fossiles Kaltwasserkorallengerüst aus dem Kastengreifer. (Bild: D. Hebbeln)Der 3.1.2016 stand ganz im Zeichen der Sedimentbeprobung mit verschiedenen Geräten. Neben dem Kastengreifer, kamen auch der Backengreifer, mit dem sehr schnell eine kleine Sedimentoberflächenprobe gewonnen werden kann, und das Schwerelot zum Einsatz. Dabei konnten mit dem Schwerelot bis zu 6 m lange Sedimentkerne aus den Korallenhügeln gewonnen werden, mit denen wir später die langfristige Entwicklung der Korallen rekonstruieren können. Mit dem Kastengreifer gelang es dabei sogar einen knapp 50 cm großen fossilen Korallenstock an Bord zu holen. Jetzt sind wir gespannt was die nächsten Tage bringen werden!


FS METEOR im Hafen von Walvis Bay, Namibia. (Bild: MARUM)Im Rahmen der Ausfahrt M122 suchen Meereswissenschaftler vor Angola und Namibia nach Korallenvorkommen. Sie wollen herausfinden, welchen Umweltbedingungen Kaltwasserkorallen ausgesetzt sind und wie sie in der Vergangenheit auf Klimaänderungen reagiert haben. Maren Bender, Studentin an der Universität Bremen, und Dierk Hebbeln, Expeditionsleiter vom MARUM, berichten im Logbuch auf planeterde von Bord. Mehr Informationen zur Ausfahrt finden Sie auf den Seiten des MARUM.