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Polarstern-Log #1: Verspätetes Auslaufen

erstellt von eschick zuletzt verändert: 01.03.2016 12:11

In der Nacht vom 19. auf den 20. Februar gegen Mitternacht hieß es endlich „Leinen los“ auf der Polarstern und damit beginnt die Expedition PS97. Bis zum Auslaufen war es ein langer Weg, wie Frank Lamy im ersten Logbuch-Beitrag schildert.

Das Forschungsschiff Polarstern hinter den Dächern von Punta Arenas (Foto: Thomas Ronge, AWI).Ein Vortrupp war bereits sechs Tage zuvor in Punta Arenas eingetroffen, um gleich nach Einlaufen der Polarstern von der vorherigen Antarktis-Expedition PS96 mit dem  Umstauen der zahlreichen Container an Bord zu beginnen. Leider war es zu diesem Zeitpunkt für die FS Polarstern noch nicht möglich, an die einzige Containerumschlags-Pier in Punta Arenas, die Mardones Pier, anzulegen, da diese noch von einem verspäteten Containerschiff belegt war. Somit musste unser Schiff auf Reede abwarten und konnte noch nicht mit dem umfangreichen Landungsumschlag beginnen.

Am nächsten Tag machte die Polarstern dann an der Pier fest und Teile des Vortrupps konnten an Bord gehen. Alle waren voller Elan mit der Arbeit zu beginnen, als der erste Sturm aufzog. Die Hafenbehörden ordneten an, dass die FS Polarstern für die Nacht zurück auf Reede verholen muss. Am nächsten Morgen, zurück an der Mardones Pier, zog dann aber schon wieder das nächste Sturmtief heran und die Arbeiten mussten erneut unterbrochen werden. Erst am Abend des 18. Februar wurden die unter Hochdruck durchgeführten Ladungsarbeiten schließlich erfolgreich abgeschlossen. Die ungewollte Wartezeit konnte erst zum Ende hin für die Ausstauung von Expeditionsgütern und die Einrichtung der biologischen, ozeanographischen und geologischen Laborräume und Laborcontainer genutzt werden. Erst dann waren die Ausrüstungscontainer endlich zugänglich. Nun hieß es noch 12 Seemeilen versetzen an die Bunkerpier Cabo Negro. Hier hat das FS Polarstern 11 Stunden lang über 2500 Kubikmeter Marine-Diesel für unsere kommende Reise in die Drake Passage gebunkert.

Wissenschaftler beim Einsteigen an der Mardones Pier. Vorne Jürgen Goßler und Christian Hass, beide AWI. (Foto: Thomas Ronge, AWI)An Bord befinden sich 44 Besatzungsmitglieder sowie 52 Wissenschaftlerinnen, Meteorologen, Techniker und Hubschrauberpersonal. Die wissenschaftlichen Teilnehmer aus 6 Arbeitsgruppen unterschiedlicher geologischer, ozeanographischer, geodätischer, und biologischer Disziplinen, darunter 13 Frauen, sind international bunt gemischt. So haben wir Kolleginnen und Kollegen aus Argentinien, Chile, Deutschland, Frankreich, Niederlande, Peru, Schweiz und Spanien an Bord. Eine Chilenin und zwei argentinische Wissenschaftler erfüllen dabei Aufgaben als offizielle Beobachter ihrer Heimatländer, da wir in beiden Ländern in küstennahen Gewässern innerhalb der 12-Meilenzone arbeiten werden.

Schwerpunkt der Expedition PS97 ist die Untersuchung der paläogeographischen Rolle der Drake-Passage bei den globalen Klimaänderungen und dem Wechsel von Kalt- und Warmzeiten im Quartär, d.h. während der letzten ca. 2.6 Millionen Jahre. Heutzutage stellt die Drake-Passage die wichtigste geographische Engstelle für den antarktischen Zirkumpolarstrom dar und spielt somit eine herausragende Rolle für die Ozeanzirkulation und das globale Klima. Obwohl moderne Ozeanographen Veränderungen an dieser Schlüsselstelle des Weltozeans auf zahlreichen Expeditionen seit etwa 25 Jahren dokumentieren, erlauben diese vergleichsweise kurzen Messreihen noch nicht die natürlichen Zirkulationsschwankungen im Bereich der Drake Passage und deren Wechselwirkungen mit atmosphärischen Veränderungen im Bereich der südlichen Westwindzone ausreichend zu verstehen. Deshalb versuchen wir während der Ausfahrt unser Verständnis von Änderungen im Bereich der Drake-Passage in der Vergangenheit zu verbessern. Ziel ist dabei letztendlich auch, Aussagen über die zukünftige Entwicklung des antarktischen Zirkumpolarstroms und dessen Wechselwirkung mit den Westwinden zu verbessern. Beides sind Schlüsselfaktoren für die Quantifizierung der Speicherung und der Ausgasung von CO₂ im Südozean.

Natürlich ist die paläozeanographische Probennahme mit Sedimentkernen nicht unser alleiniges Anliegen während der nächsten acht Wochen. Wir haben noch viele weitere Aufgaben auf der Agenda: Die Erkundung von höchstauflösenden Paläoklima-Archiven vor Südchile und den Südshetland-Inseln, die Weiterentwicklung von Meereisrekonstruktionen mit Biomarkern sowie die Erforschung der glazialen Ausdehnung/Rückzugsgeschichte in den westlichen Chilenischen Fjorden. Neben paläozeanographischen und paläoklimatischen Fragestellungen sollen physikochemische und biologisch-ozeanographische Untersuchungen durchgeführt werden. Die Schwerpunkte hier liegen bei der Untersuchung, wie die Limitierung von Spurenmetallen für die biologische Produktion und deren Recycling funktioniert und wie sich der globale Klimawandel auf antarktische Mikroalgengemeinschaften auswirken wird.

Aber zurück zum aktuellen Wettergeschehen. Wir mussten schon gleich zu Beginn lernen, dass die Drake Passage und die angrenzende Südspitze Südamerikas tatsächlich zu den windigsten Gebieten der Erde gehören. Nachdem die ersten Sturmtiefs, wie geschildert, unsere Arbeiten im Hafen von Punta Arenas leider deutlich verzögerten, mussten wir nun auch noch unsere Fahrtroute komplett umstellen und die Route und das Arbeitsgebiet sozusagen von hinten aufzäumen. Anlass waren die ersten Wetterberichte unserer Bordmeteorologen Max Miller und Hartmut Sonnabend vom Deutschen Wetterdienst. Diese sagten für die nächsten Tage Wellenhöhen bis zu 8,5 Meter im Südost-Pazifik vor Südchile voraus. Da ist nicht an wissenschaftliche Arbeit zu denken und auch die Seekranken wären sicherlich zahlreich geworden. Deshalb hieß es: „Fahren wir doch die Magellanstraße zum Südwest-Atlantik hinaus“. Dort wird zwar ebenfalls Sturm vorausgesagt, allerdings bietet das südliche Südamerika bei den vorherrschenden Wind- und Wellenrichtungen aus Nordwest zum Glück etwas Schutz. Wir erwarten deshalb „nur“ maximal 4-5 Meter Wellenhöhe und hoffen, die ozeanographischen und geologischen Arbeiten am Nordrand der Drake Passage von der Isla des los Estados bis zum Kap Horn erfolgreich durchführen zu können. Dieses Gebiet war eigentlich erst im späteren Verlauf unserer Expedition geplant. Aber letztendlich ist uns allen klar, dass wir in dieser rauen Gegend, den so genannten „Furious Fifties“, äußerst flexibel sein und die Pläne immer wieder an Wetter- und Seegangsbedingungen anpassen werden müssen.

Polarstern auf Reede in der Magellanstraße bei Windstärke 9. Im Hintergrund Feuerland (Foto: Thomas Ronge, AWI).Nach langem Bunkern ging es am frühen Morgen des 20. Februar um 01:12 Uhr endlich los. Zum Glück gab es ein kurzes Wetterfenster mit deutlich reduzierten Windstärken, so dass die chilenischen Schlepper ihre Arbeit verrichten und wir die Bunker-Pier Cabo Negro verlassen konnten. Die Fahrtteilnehmer wurden am nächsten Morgen von einem, zum Glück noch leichtem, Schwanken geweckt. Mit diesem und sicherlich noch sehr viel stärkerem Seegang werden wir in den kommenden Wochen leben müssen. Ein letzter Blick auf Feuerland und den atlantischen Eingang der Magellanstraße begleitete uns am Vormittag hinaus in den Südwestatlantik. Dann ging es mit Rückenwind und somit flotter Fahrt in das erste Arbeitsgebiet, wo wir abends unsere Forschungsarbeit aufnehmen konnten.

In der Nacht zum 21. Februar begannen die Stationsarbeiten der Ozeanographen. An zwei Stationen wurden die physikalischen Parameter (CTD) und die Strömungsgeschwindigkeiten (L-ADCP) bestimmt, sowie die Wassersäule mit der Rosette beprobt. Ziel dabei ist es, die in den Südatlantik strömenden subantarktischen Wassermassen direkt nach dem Durchfluss durch die Drake-Passage zu charakterisieren. Die von uns untersuchte relativ kleinräumige Depression zwischen der Isla de los Estados in Verlängerung der Südspitze von Südamerika und der östlich anschließenden Burdwood Bank bietet den ersten Durchlass von Oberflächen- und flachen Zwischen-Wassermassen nach Norden.

Heute, am 21. Februar, sind wir bei Windstärke 7 bis 8 und 3 bis 5 Meter hohen Wellen auf Stationssuche für die ersten geologischen Beprobungen mit dem Multi-Corer und dem Kolbenlot. Wir sind optimistisch, zwei oder drei Kernstationen mit guter Sedimentbedeckung zu lokalisieren und planen bis in die Nacht hinein Stationsarbeiten durchzuführen. Für Morgen kündigen die Meteorologen leider bereits den nächsten Sturm an.

Die meisten Fahrtteilnehmer sind gesundheitlich wohlauf, obwohl doch mehr und mehr von einer leichten Seekrankheit erwischt wurden. Wir werden uns daran gewöhnen müssen.

Ihr Frank Lamy, Fahrtleiter
Position: 54°45,51´S; 61°40,3´W (ca. 200 nm ENE Kap Horn)


Polarstern Furious Fifties (Abbinder)Im Rahmen der Ausfahrt PS97 begeben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus acht Ländern in die stürmischen Gewässer zwischen Kap Hoorn und der Antarktis. Unter Leitung von Frank Lamy, Geowissenschaftler am Alfred-Wegener-Institut (AWI), untersuchen sie, welche Rolle die Drake-Passage für den antarktischen Zirkumpolarstrom und das globale Klima spielt. In Kooperation mit dem AWI berichten die Forscher auf planeterde von Bord.