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LOGBUCH FS SONNE #12: Eine ältere Dame

erstellt von eschick zuletzt verändert: 20.12.2013 15:56

Der letzte Tag der Expeditionscrew am Sonne-Feld fällt kürzer aus als geplant. Ein Zyklon ist im Anmarsch auf das Fahrtgebiet und der Kapitän möchte sicher im Hafen einlaufen. Darum geht es bereits am Morgen um 8 Uhr zurück nach Port Louis auf Mauritius. Für die Sonne ist es eine der letzten Fahrten.

Der Kapitän des Forschungsschiffs Sonne, Oliver Meyer. (Bild: Kroker) Um die Begegnung mit einem nahenden Zyklon zu vermeiden, machen wir uns schon früher als geplant auf den Weg zurück nach Mauritius. Für die "Sonne" geht mit dem Einlaufen in den Hafen von Port Louis eine ihrer letzten Fahrten zu Ende. Noch bis zum August nächsten Jahres wird das Forschungsschiff für die deutsche Wissenschaft unterwegs sein, acht weitere Fahrten stehen auf dem Programm. In Colombo auf Sri Lanka enden dann fast vier Jahrzehnte erfolgreiche Meeresforschung.

Bei der Abfahrt am frühen Morgen ist die Luft mit 25 Grad bereits sehr warm, das Wasser hat sogar 27 Grad Temperatur. Saphirblau und nur leicht bewegt schreit es förmlich nach Schwimmern, doch ohne Haiwache an Deck ist das keine gute Idee. Auch wenn wir auf unserer Fahrt bemerkenswert wenige Tiere gesehen haben: Es gibt sie irgendwo in den drei Kilometern Wassersäule zwischen uns und dem Gauss-Feld. Gestern haben wir einen einzelnen Hai gesichtet. Er vergnügte sich mit einem toten fliegenden Fisch, den die ROV-Crew von Bord geworfen hat. In der Nacht zuvor hatte dieser sich offenbar verflogen und war auf dem Schiff verendet. Heute Morgen spurtet ein ganzer Schwarm fliegender Fische vom Schiff weg. Wie sie so über die Wellen fliegen, sehen sie aus wie die Spatzen an Land.

Führung durch den Maschinenraum. (Bild: Holger Kroker)Seit mehr als 30 Jahren befährt der ehemalige Fischtrawler jetzt im Forschungsauftrag die Weltmeere. Den Nordatlantik, für den das Schiff 1968 gebaut wurde, hat es bis auf eine vierwöchige Tour 1992 nach Island nicht mehr wieder gesehen, stattdessen ist es im Indischen und Pazifischen Ozean weit herumgekommen. 1977 wurde das damals neun Jahre alte Fischereifahrzeug zum Forschungsschiff umgerüstet. Expliziter Einsatzzweck: die Suche nach Manganknollen im Pazifik. Damals waren die Rohstoffe der Tiefsee zum ersten Mal in den Blickpunkt der Menschheit gerückt. Die Energiekrise und einbrechende Rohstoffpreise machten den Vorhaben schnell ein Ende, doch die "Sonne" fand spielend neue Einsatzmöglichkeiten in der Meeresforschung.

Roman Horsel, zweiter Ingenieur der "Sonne", führt über das Maschinendeck des Schiffes. (Bild: Kroker)1991 wurde sie von Grund auf modernisiert, verlängert und mit neuen Aufbauten versehen. Seither fährt sie äußerlich nahezu unverändert über die Meere. Im Inneren hat sich natürlich einiges getan. Bei einer Führung über das Maschinendeck zeigt Roman Horsel, der 2. Ingenieur, stolz die Anlagen. Im Hauptmaschinenraum stehen drei Schiffsdiesel und ein Aggregat für den Hafenbetrieb. Sie treiben einen Generator an, der Strom für den Antrieb der Schiffsschraube im Heck und das Bugstrahlruder bereitstellt. "Die Maschinen sind zwar gerade so groß wie die Hilfsdiesel auf den Containerschiffen, aber für das Schiff reichen sie vollkommen aus", sagt Horsel. Er muss es wissen, bis zum September hat er auf einem der riesigen Containerfrachter gearbeitet. Um die "Sonne" mit einer Geschwindigkeit von bis zu zwölf Knoten, also 22 Stundenkilometer, anzutreiben, arbeiten immer zwei der drei Schiffsdiesel. Theoretisch kann auch eine Maschine allein das Schiff vorantreiben, dann allerdings mit erheblich reduzierter Geschwindigkeit.

Umweltschutz wird an Bord des Forschungsschiffes "Sonne" so groß wie möglich geschrieben. Die Dieselmotoren aus den 90er Jahren werden mit hochwertigem und schwefelarmem Treibstoff betrieben. Das Schiff verfügt über eine eigene Kläranlage und über eine Müllverbrennungsanlage, das Trinkwasser wird durch Osmose-Entsalzungsanlagen an Bord gewonnen. "Als Forschungsschiff haben wir auch eine Vorbildfunktion zu erfüllen", sagt Kapitän Oliver Meyer.

Blick in den Maschinenraum der "Sonne". (Bild: Kroker)Dennoch geht im kommenden Jahr eine Ära unwiderruflich zu Ende. Die "Sonne" ist in ihrem letzten Einsatzjahr für die deutsche Forschung. Bisher hat sie gut 1,8 Millionen Seemeilen hinter sich gebracht, rund 3,3 Millionen Kilometer. Das entspricht drei Flügen zum Mond und zurück. Nach dem Anlegen in Colombo, dem letzten Zielhafen mit deutschen Wissenschaftlern an Bord, wird ihre charakteristische rot-weiße Silhouette voraussichtlich von den Weltmeeren verschwinden. "Sie ist eben schon eine ältere Dame", sagt Oliver Meyer, der seit 2005 ihr Kapitän ist und 2001 zum ersten Mal an Bord war. "Viele Besatzungsmitglieder kenne ich noch aus dieser ersten Zeit", meint er. Ein Großteil der Besatzung wird wie Meyer auch an Bord des Nachfolgeschiffes wechseln. Jedenfalls sieht es derzeit so aus. Dieses Schiff wird bereits gebaut und soll im August 2014 seinen Dienst aufnehmen.

Die Hoffnungen sind groß, dass die neue "Sonne" an die Qualitäten des jetzigen Schiffes heranreicht. "Sie liegt unheimlich gut in der See, wurde ja auch für den Einsatz im Nordatlantik gebaut", sagt der Sicherheitsoffizier Jens Göbel. Selbst in schwerer Dünung, wo andere Schiffe schon tanzen wie Nussschalen, ist die "Sonne" noch vergleichsweise ruhig. Da nehmen viele Wissenschaftler in Kauf, dass das Schiff als ehemaliger Trawler eben doch nicht für den Betrieb von wissenschaftlichen Labors ausgelegt wurde und schlechteren Komfort als die anderen großen deutschen Forschungsschiffe bietet. Der Komfort soll auf der neuen "Sonne" spürbar verbessert sein, die Labore werden dem neuesten Stand entsprechen. Alle hoffen, dass das Schiff überdies die Wellen genauso gut reitet wie die jetzige Namensträgerin.

 


FS Sonne. (Foto: B. Grundmann, GEOMAR)

planeterde-Autor Holger Kroker ist mit dem Forschungsschiff SONNE in See gestochen. Gemeinsam mit Geowissenschaftlern der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe befindet er sich auf einer Expedition in den Indischen Ozean, um das Auftreten metallreicher Ablagerungen entlang ozeanischer Spreizungszonen zu untersuchen. Für planeterde berichtet Kroker im LOGBUCH FS SONNE über seine Zeit an Bord. Zu einem weiteren Fahrt-Tagebuch, betrieben von der BGR, geht es hier.