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LOGBUCH FS SONNE #13: Sturm zum Abschluss

erstellt von eschick zuletzt verändert: 20.12.2013 17:06

Nach acht Wochen geht die Index2013-Expedition zu Ende. Fahrtleiter Uli Schwarz-Schampera zieht eine positive Bilanz und eine Explorationslizenz ist beantragt. Bevor planeterde-Korrespondent Holger Kroker von Bord geht, berichtet er in seinem letzten Logbuch-Eintrag vom stürmischen Ende der Fahrt.

Der letzte Tag auf See bricht an. (Bild: Holger Kroker)Die INDEX2013-Expedition der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe endet mit guten Nachrichten: Bei der Internationalen Meeresbodenbehörde ISA liegt inzwischen ein offizieller deutscher Antrag auf eine Explorationslizenz. Der wird kein Selbstläufer werden, denn Indien will ebenfalls Teile des von Deutschland beanspruchten Gebietes nutzen - und hat seinen Antrag ein gutes halbes Jahr früher eingereicht. Im Februar wird entschieden.

Letzter Tag auf See. Morgen um 3:00 Uhr in der Frühe hat die "Sonne" am Containerterminal von Port Louis zu liegen. Bis 6:00 Uhr können alle Container von Bord gebracht werden, dann wird der Liegeplatz von einem anderen Schiff beansprucht. Um 13:00 Uhr sollen wir dann im Stadthafen von Port Louis von Bord gehen, damit das Schiff schon um 15:00 Uhr wieder ablegen und in Richtung Durban, Südafrika, fahren kann. Kapitän Oliver Meyer hat es eilig, der erste Zyklon der hiesigen Saison ist da. "Amara" befindet sich zurzeit noch nordöstlich weit draußen auf der See, doch für die Nachbarinsel Rodrigues wird schon für heute Abend vor Sturmwetter gewarnt. 

Zyklon "Amara" im Anflug. (Bild: Meteorological Service Mauritius)"Amara" war für einige Stunden Gesprächsthema an Bord, denn Hafen wie Flughafen werden geschlossen, wenn der Zyklon nahe ist. Mit wenigen Ausnahmen wollen aber alle Wissenschaftler noch vor Weihnachten in Deutschland sein. Seit gestern Abend ist die Stimmung wieder entspannt. Der Wirbelsturm kommt nur langsam voran und sein Kurs scheint an Mauritius vorbeizuführen. Bis zum Montag dürfte das Wetter zumindest halbwegs halten, allerdings sind Schauer und dichte Bewölkung angesagt. Von Heiligabend an droht der hiesige Wetterdienst allerdings mit starken Schauern, Böen und sehr rauer See.

 

Methodentests geglückt

Abschlußfoto der Expedition Index2013-2 (Bild: BGR/Torsten Bierstedt)Die schlechten Nachrichten an der Wetterfront werden durch die guten Ergebnisse der Forschungsfahrt ausgeglichen. "Wir wollten neue Explorationsmethoden ausprobieren, und diese Tests waren rundum erfolgreich", resümiert Fahrtleiter Uli Schwarz-Schampera von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).  Auf dem ersten Fahrtabschnitt hat man mit Fächerecholot und Seitensichtsonar eine ungewöhnlich detaillierte Karte der zentralindischen Spreizungszone nördlich des Rodrigues-Tripelpunktes erstellen können. "Wir haben unser Wissen über die Flanken im Bereich dieses Grabens sehr erweitern können", so Schwarz-Schampera, "jetzt gibt es eine wunderbare Karte dieser Areale mit einer Auflösung von weniger als zehn Metern, zum Teil auch mit weniger als zwei Metern." Klar ist, dass das Gebiet viel stärker durch tektonische Ereignisse - die Bewegungen der beiden ozeanischen Platten mit- und gegeneinander - geprägt wird, als durch vulkanische Magmaausbrüche. Das ist gut für die Ablagerung von Metallsulfiden und vielversprechend für die Explorationslizenz, die Deutschland gern für bestimmte Gebiete hätte. Der Antrag wurde in der vergangenen Woche bei der Internationalen Meeresbodenbehörde ISA in Kingston, Jamaica, eingereicht.

Die Fahrtroute der "Sonne". (Bild: BGR)Auch die Idee, inaktive Hydrothermalfelder mit Hilfe des Magnetometers aufzuspüren, scheint funktioniert zu haben. "Wir konnten trotz Wassertiefen von über 3000 Metern magnetische Anomalien aufzeichnen", berichtet der BGR-Geowissenschaftler, "die entstehen, wenn heiße Lösungen durch basaltisches Gestein strömen und die magnetischen Minerale darin verändern." Durch diese Veränderung verlieren die Minerale ihre magnetischen Eigenschaften, und diese Lücke kann man mit dem Magnetometer erkennen. "Wenn wir dort eine Anomalie messen können", so Schwarz-Schampera, "dann wissen wir, da ist Meerwasser mit dem Nebengestein in Wechselwirkung getreten. Und wenn das Wasser jetzt auch noch warm war, dann haben wir ein Hydrothermalfeld gehabt und jetzt vermutlich Sulfidablagerungen." Der Vorteil: Mit dieser Methode können viel größere Areale erfasst werden, als mit dem Videoschlitten oder gar einem ROV.

 

Rekord am Edmond-Feld

Dieter Garbe-Schönfeld bei der Behandlung der Fluidproben aus dem Edmond-Feld. (Bild: Kroker)Wissenschaftlich war die Reise ebenfalls ein großer Erfolg. "Das ROV hat da einen Riesenunterschied gemacht", meint Schwarz-Schampera. In der Nähe des Edmond-Feldes hat Index2013 ein neues inaktives Hydrothermalfeld entdeckt und im Edmond-Feld selbst heiße Wässer mit Rekordtemperatur gemessen. "Wir können jetzt sehen, dass das Sonne-Feld wesentlich anders ist als die Felder von Edmond, Kairei und Gauss", erklärt Harold Gibson, Lagerstättenkundler an der Laurentian University im kanadischen Sudbury, "Sonne ist vor allem vulkanisch geprägt, mit Lavaströmen und Kissenlaven, während die anderen eher tektonisch dominiert sind. Dort sind Schuttfächer und die Reste von zusammengebrochenen Vulkanen zu sehen." Sonne ist von allen untersuchten Feldern am dichtesten am Spreizungszentrum des mittelozeanischen Rückens. "Alle jedoch scheinen sehr kupferreiche Sulfide zu enthalten", fährt Gibson fort, "was darauf zurückzuführen ist, dass hier besonders heiße hydrothermale Fluide zirkulieren."

Einen Temperaturrekord konnte die Expedition am Edmond-Feld, dem aktivsten der untersuchten, messen. Dort kam das Fluidbeprobungssystem KIPS zum Einsatz, das an der Universität Kiel entwickelt wurde. Die BGR hat inzwischen ein solches Gerät angeschafft. "Wir messen heute um mehr als 30 Grad höhere Temperaturen als die Kollegen vor 30 Jahren", erklärt Geochemiker Dieter Garbe-Schönberg von der Uni Kiel, "das System scheint sich zu entwickeln." Die 418 Grad Fluidtemperatur liegen nahe an dem Wert, bei dem Meerwasser unter den Druckbedingungen von 3300 Metern Tiefe, kocht.  "Das System ist an einem kritischen Punkt für Meerwasser", so der Forscher, "die physikalischen Eigenschaften dieses Hydrothermalfeldes sind ganz andere als wir sie sonst kennen." Als Parallele fällt ihm nur das ebenfalls sehr heiße System am zentralen mittelatlantischen Rücken ein, das bisher den Temperaturrekord innehatte. Doch das kommt in viel geringerer Tiefe vor.

Diskussion unter Geologen (Bild: Holger Kroker)Überschattet werden die Erfolge durch eine sich anbahnende Rivalität mit Indien. Neu-Delhi hat bereits im Mai 2013 eine Explorationslizenz beantragt - und die dort vermerkten Gebiete überschneiden sich mit denjenigen, für die BGR jetzt im Namen der Bundesrepublik Interesse angemeldet hat. "Das macht alles etwas spannender", meint Schwarz-Schampera. 20 der insgesamt 100 Blöcke, die Deutschland interessieren, werden auch von Indien beansprucht. Handgreiflich untermauert wurde dieser Anspruch bereits. Bei ihren Erkundungsfahrten im Sonne-Feld entdeckten die Deutschen eine indische Fahne, die im Mai 2013 dort abgesetzt worden war.

 

Rivalität mit Indien

Wimmelnde Garnelen am Kairei-Feld. (Bild: Holger Kroker)

Wie es jetzt weitergeht, ist offen. Im Februar 2014 wird die ISA über beide Anträge entscheiden. Indien hat seinen Antrag früher eingereicht, doch die BGR sieht sich dennoch in einer guten Position. Deutschland forscht bereits seit den 80er-Jahren am südlichen Indischen Zentralrücken, die Inder sind erst vor kurzem hierhin ausgewichen, weil ihr eigentliches Forschungsgebiet durch Piraten zu unsicher wurde. Überdies hat die Bundesrepublik bereits vor langer Zeit ihr Interesse an der Exploration und späteren Nutzung der Massivsulfide bekundet, wie es die Regularien der ISA fordern. "Deutschland", sagt Schwarz-Schampera, "ist damit nach wie vor der einzige Staat, der das jemals getan hat." Dennoch ist die Situation heikel, denn die ISA-Regeln sind nicht eindeutig. In einem vergleichbaren Fall im pazifischen Manganknollengürtel wurde beiden Konkurrenten geraten, sich zu einigen und eine Konsenslösung in Kingston einzureichen.

 

 


FS Sonne. (Foto: B. Grundmann, GEOMAR)

planeterde-Autor Holger Kroker ist mit dem Forschungsschiff SONNE in See gestochen. Gemeinsam mit Geowissenschaftlern der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe befindet er sich auf einer Expedition in den Indischen Ozean, um das Auftreten metallreicher Ablagerungen entlang ozeanischer Spreizungszonen zu untersuchen. Für planeterde berichtet Kroker im LOGBUCH FS SONNE über seine Zeit an Bord. Zu einem weiteren Fahrt-Tagebuch, betrieben von der BGR, geht es hier.