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LOGBUCH FS SONNE #2: Letzte Vorbereitungen

erstellt von eschick zuletzt verändert: 12.12.2013 12:05

Das Forschungsschiff Sonne nimmt Kurs auf sein erstes Ziel, das Kairei-Feld im Indischen Ozean. Die Crew aus Geowissenschaftlern nutzt die Zeit bis zur Ankunft, um den Meeresuntergrund per Echolot zu vermessen. planeterde-Korrespondent Holger Kroker berichtet von seiner Nachtschicht im Hydroakustik-Labor.

Multibeam-Swath-Pattern: Funktionsweise des Fächerecholots. (Bild: BGR)Mittwoch, 4. Dezember: Seit gestern Nacht, 23:00 Uhr haben wir die Exklusive Wirtschaftszone von Rodrigues verlassen und dürfen mit der Kartierung des Meeresbodens beginnen. Das Fächerecholot sendet dafür über einen querliegenden Sensor im vorderen Schiffsboden Schallwellen zum Meeresgrund, die Reflektionen werden mit einem Empfänger weiter hinten aufgefangen. Aus der Laufzeit der Wellen ergibt sich die Tiefe. 191 Pulse werden gleichzeitig in einem Fächer ausgesandt, der Fächer ist 120 Grad gespreizt. So kann "Sonne" einen rund 15 Kilometer breiten Streifen entlang ihres Transitkurses erfassen.

Bis wir an unserem ersten Ziel, dem Kairei-Feld, ankommen, muss das Hydroakustik-Labor rund um die Uhr besetzt sein, für den Fall, dass es eine Gerätestörung gibt. Ich bin zwischen vier und sechs Uhr dran, doch alles bleibt ruhig. Am Ende meiner Schicht stehen zwei Eintragungen, weil der Rechner jede Stunde eine neue Datei für die bathymetrischen Daten anlegt. Das muss protokolliert werden, und das war das einzige, was zwischen vier und sechs Uhr passierte.

Die Daten werden später eine Karte des Meeresbodens ergeben, über den das Forschungsschiff gefahren ist, und beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg archiviert. Dort werden alle deutschen Bathymetriedaten gesammelt, und weil die hiesigen Schiffe einheitliche Standards befolgen, sind die Daten auch miteinander kompatibel. Global ist man noch nicht soweit, Datenformate, Standards und Kalibrierungen sind uneinheitlich. "Das zu vereinheitlichen, ist eine ungeheure Arbeit", sagt Ralf Freitag von der BGR, der in diesem und in anderen Meeresprojekten für die Bathymetrie verantwortlich ist.

Das "Bathy-Feature of the Day" vom 4. November 2013: Gateway to hell. (Bild: BGR)Dabei sind Karten vom Meeresboden das A und O für die entsprechende Forschung. "Wenn wir Geräte ausbringen und den Boden genauer untersuchen wollen, brauchen wir solche Karten, sonst sind wir blind", so Freitag. Die Karte, die die "Sonne" derzeit erstellt, ist dafür allerdings nicht gut genug, das Schiff fährt mit zwölf Knoten Reisegeschwindigkeit, entsprechend gering ist die Auflösung. Für einen Überblick reicht es allemal, und auch für manche Überraschung. Auf dem ersten Transit der Index2013-Expedition vom australischen Port Hedland hierher wurde jeden Tag das "Bathy-Feature des Tages" gekürt. Steil aufragende Unterwasservulkane waren darunter, aber auch das Profil einer Plattengrenze, über die die "Sonne" hinweg fuhr, stark zerklüftet mit steil abfallenden Grabenschultern.

"Wollen wir aber irgendetwas genauer untersuchen, müssen wir Detailkarten erstellen", sagt Ralf Freitag. Dafür fährt das Schiff mit geringer Geschwindigkeit in einem engen Raster über das gewünschte Gebiet und beschallt den Meeresboden in kurzen Intervallen. Auf den so entstehenden Karten kann man jede Erhebung, nahezu jeden kleinen Buckel erkennen. Von unseren drei Einsatzgebieten, die wir im Lauf der Forschungsfahrt besuchen, liegen diese Karten bereits vor, mit ihrer Hilfe werden die Wissenschaftler und die ROV-Crew die Unterwasserfahrten des Tiefseeroboters ROV Kiel 6000 planen.

Klaas Gerdes und Teruhe Kihara bereiten ihr Experiment vor.(Bild:Kroker)Derweil laufen die letzten Vorbereitungen für die erste Tauchfahrt des ROV. Im Seismik-Labor haben sich zwei Biologen vom Senckenberg-Institut am Meer in Wilhelmshaven eingerichtet. Teruhe Kihara und Klaas Gerdes wollen an unserem ersten Arbeitsgebiet, dem Kairei-Hydrothermalfeld, die Besiedelung durch Meeresorganismen experimentell erforschen. Ihre Instrumente: Quietschbunte Spülschwämmchen und lappige Autoschwämme, die Klaas in Port Louis besorgt und unter viel Hallo an Bord gebracht hat. Die beiden Biologen binden die Schwämmchen in Vierergruppen an Gewichte, damit sie das ROV am Meeresgrund absetzen kann. Eine Gruppe wird bereits zwei Tage später wieder geborgen, eine zweite bleibt bis zum nächsten Jahr vor Ort, eine dritte sogar noch länger. "So können wir sehen, wie sich die Dinge im Laufe der Zeit ändern", erklärt die Biologin.

Die Besiedelung der Tiefsee ist eines der großen Rätsel, schließlich ist das Gebiet extrem ausgedehnt und nur stellenweise besiedelt. Mit Experimenten wie denjenigen von Kihara und Gerdes wollen die Meeresbiologen herausfinden, wie eine solche Besiedelung abläuft und vor allem, ob das in allen drei großen Ozeanen auf die gleiche Weise geschieht. "Es gibt ein vergleichbares Experiment aus dem Pazifischen Ozean", berichtet Kihara, "aber ich kenne dessen Ergebnisse noch nicht. Es wird also ein spannendes Unterfangen." Am Ende der Vorbereitungen liegen fein säuberlich geschnürte Paketchen in vielen bunten Farben auf dem Arbeitstisch, bereit zur Auslieferung. Jetzt heißt es warten, bis wir das Kairei-Feld erreichen. Das soll am 5. Dezember um fünf Uhr morgens der Fall sein. Der Temin stimmt fast mit dem Nikolaustag überein, doch an Advent denkt bei 24 Grad Lufttemperatur und sommerlichem Wetter niemand an Bord.

 


FS Sonne. (Foto: B. Grundmann, GEOMAR)

planeterde-Autor Holger Kroker ist mit dem Forschungsschiff SONNE in See gestochen. Gemeinsam mit Geowissenschaftlern der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe befindet er sich auf einer Expedition in den Indischen Ozean, um das Auftreten metallreicher Ablagerungen entlang ozeanischer Spreizungszonen zu untersuchen. Für planeterde berichtet Kroker im LOGBUCH FS SONNE über seine Zeit an Bord. Zu einem weiteren Fahrt-Tagebuch, betrieben von der BGR, geht es hier.