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LOGBUCH FS SONNE #8: Reine Fleißarbeit

erstellt von eschick zuletzt verändert: 13.12.2013 17:18

An Bord eines Forschungsschiffes wird auch nachts gearbeitet. Wenn keine ROV-Einsätze laufen, kommt auf der Sonne der Foto-Schlitten zum Einsatz. Für planeterde hat Holger Kroker den Geologen und dem BGR-Ingenieur im Geolabor über die Schulter geschaut. Bericht über eine lange Nacht.

Der Foto-Schlitten, abgekürzt MFT, wird für den Einsatz vorbereitet. (Bild: Kroker)Der Foto-Schlitten ist zwar weniger vielseitig als der Tauchroboter ROV Kiel 6000, kann dafür aber größere Gebiete per Videokamera durchkämmen. Am Kabel wird er bis in die Nähe des Meeresbodens herabgelassen und dann vom Schiff durch die Gegend geschleppt. In einem Beobachtungsstand im Geolabor der "Sonne" verfolgen zwei Geologen und der BGR-Ingenieur die Aufnahmen des Geräts. Ihre Schicht dauert rund zehn Stunden - die sich durchaus dehnen können.

Wissenschaft besteht nicht nur aus bahnbrechenden Entdeckungen und genialen Geistesblitzen, ganz im Gegenteil. "Oft ist sie auch reine Fleißarbeit", sagt Carsten Rühlemann, Geowissenschaftler bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Eine solche Fleißarbeit ist das Screening und Kartographieren des Meeresbodens mit Hilfe des Foto-Schlittens, offiziell MFT für Multifunktions-Träger genannt. Weil so wenig über den Meeresboden bekannt ist, nutzen die Wissenschaftler der Index2013-Expedition jede Gelegenheit, die weißen Flächen auf ihren Karten mit Inhalt zu füllen.

Der Foto-Schlitten, abgekürzt MFT, wird zu Wasser gelassen. (Bild: Kroker)Das geschieht meistens nachts, wenn die anderen Arbeiten ruhen. Dann fährt die "Sonne" stundenlang und mit geringster Geschwindigkeit regelmäßige Raster ab und zieht den Schlitten dabei mit wenigen Metern Abstand über den Meeresboden. Der "Schlitten" hat natürlich keine Kufen, sondern sieht eher aus wie ein großer Tisch, an den zahlreiche Instrumente geschnallt wurden: Sensoren für Salz- und Sauerstoffgehalt und für die Partikeldichte, Magnetometer, Sonar und Radar, aber am wichtigsten sind die Kameras, die schräg nach vorn und direkt nach unten gerichtet sind. Die BGR setzt das MFT bei vielen Meereserkundungen ein, zurzeit vor allem in den Massivsulfid-Projekten im Indischen Ozean und den Manganknollen-Vorhaben im Pazifik. BGR-Ingenieur Henning Wedemeyer hat daher alle Hände voll zutun, das mit Technik vollgestopfte Gerät einsatzbereit zu halten.

Während das MFT am Kabel in die Tiefe fährt, nehmen im Geolabor zwei Wissenschaftler neben Wedemeyer Platz. Sie durchmustern später die Videoübertragung vom Meeresgrund nach auffälligen Befunden, die sie dann protokollieren und in ihre Karten eintragen. Eine solche Schicht mache ich als Zaungast mit. In der Nacht zuvor hatte man ein Gebiet voller Black Smoker kartiert. "Eine ziemlich abwechslungsreiche Geschichte", sagt Harold Gibson. Da wir heute die Tour fortsetzen, sollten die Chancen gut stehen, dass auch diese Nacht nicht langweilig wird.

Ernüchtert blickt Harold Gibson auf die Monitore, die nur Sediment zeigen. (Bild: Kroker)Doch es kommt anders. Die Schlittenfahrt beginnt mit endlosen hellen Flächen, "glatt wie ein Billardtisch", beschreibt sie der kanadische Lagerstättenkundler. Ins Protokoll schreibt er dazu "uniform sediment", übersetzt "einheitliches Sediment". Gegen Mitternacht geht Gibson zu Bett, ohne etwas anderes gesehen zu haben. Auch im Rest dieser langen Nacht soll der Begriff der meist verwendete bleiben, denn von den insgesamt rund neun verbleibenden Stunden Schlittenfahrt verlaufen acht über "uniform sediment". Hin und wieder ist ein kleiner Fisch zu sehen, eine schlangenartige Chimäre, der sich eilig davonmacht, wenn das künstliche Ungetüm auf ihn zukommt. Ab und zu schwimmt eine Qualle durch das Bild, und vereinzelt sieht man sogar einen Stein aus dem Schlick herausschauen. Doch meistens bleibt das Bild hellbraun und formlos.

Logo der INDEX2013-Expedition: FS SONNE mit ihren Instrumenten. (Copyright: BGR)Mit gut 0,3 Knoten, umgerechnet 600 Meter pro Stunde, fährt die "Sonne" das Raster ab: etwa zehn Schiffslängen, also rund einen Kilometer, nach Nordwesten, dann eine 90-Grad-Wende und etwa 150 Meter nach Südwesten, wieder eine 90-Grad-Wende und einen Kilometer zurück nach Südosten, wo sich eine erneute 90-Grad-Wende und eine 150 Meter lange Fahrt nach Südwesten anschließen. Nach einer letzten 90-Grad-Wende geht das Spiel von vorn los. Wie die Zacken eines Kamms sieht das auf der Karte aus. 600 Meter pro Stunde sind langsam, aber schneller geht es nicht, sonst kommen die Wissenschaftler in Gegenden mit abwechslungsreichem Boden mit dem Protokoll nicht mehr mit.

Am Ende der langen Schicht kommt dann doch so etwas wie eine Belohnung. Wir erreichen die Kernzone des Edmond-Feldes und können den Übergang von Sediment über vereinzelte Blöcke und immer dichtere Schuttfeldern zu ausgewachsenen Kaminfeldern verfolgen. Außerhalb des abgedunkelten Beobachtungsstandes ist inzwischen die Sonne aufgegangen und ein kräftiger Regenschauer durchgezogen. Der Seegang hat sogar noch zugenommen und ist so stark geworden, dass das ROV heute nicht eingesetzt werden kann. Daher entscheidet Fahrtleiter Uli Schwarz-Schampera, dass der Kranzwasserschöpfer noch zwei Mal Wasserproben ziehen und danach das MFT seine Survey-Tätigkeit wieder aufnehmen soll.


FS Sonne. (Foto: B. Grundmann, GEOMAR)

planeterde-Autor Holger Kroker ist mit dem Forschungsschiff SONNE in See gestochen. Gemeinsam mit Geowissenschaftlern der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe befindet er sich auf einer Expedition in den Indischen Ozean, um das Auftreten metallreicher Ablagerungen entlang ozeanischer Spreizungszonen zu untersuchen. Für planeterde berichtet Kroker im LOGBUCH FS SONNE über seine Zeit an Bord. Zu einem weiteren Fahrt-Tagebuch, betrieben von der BGR, geht es hier.