Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite News Demographische Schrumpfung in Ostdeutschland ist keine Einbahnstrasse

Demographische Schrumpfung in Ostdeutschland ist keine Einbahnstrasse

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:24

Bevoelkerungsexperten des Leibniz-Instituts fuer Laenderkunde decken raeumliches Nebeneinander von "Stabilitaetsinseln" und Abwanderungsgebieten auf.

Leipzig. Waehrend die Bevoelkerung in den meisten Regionen der alten Bundeslaender im zurueckliegenden Jahrzehnt weiter gestiegen ist, hat in Ostdeutschland in den letzten Jahren ein fast flaechendeckender Schrumpfungsprozess eingesetzt. Dies zeigen laufende Forschungen des Leibniz-Instituts fuer Laenderkunde - IfL - in Leipzig. Danach beginnen selbst die suburbanen Raeume um die grossen Staedte, die Mitte der 1990er-Jahre noch einen deutlichen Bevoelkerungszuwachs erlebt hatten, wieder zu schrumpfen. Aus dieser demographischen Schrumpfungslandschaft treten aber einige Regionen positiv hervor.

Fuer ihre Analyse der Wanderungsbewegungen in Ostdeutschland haben die IfL-Wissenschaftler umfangreiches statistisches Material ausgewertet und kartographisch dargestellt. Um neue Erkenntnisse ueber kleinraeumige Migrationsprozesse zu gewinnen, beziehen die Leipziger Experten die Gemeindeebene in ihre Analyse ein. Bisherige Studien zur demographischen Entwicklung stuetzen sich meist auf die statistische Untersuchung von Raumordnungsregionen oder Landkreisen.

Wie die Karte der Bevoelkerungsentwicklung der Gemeinden in Ostdeutschland fuer den Zeitraum 2000 bis 2002 zeigt, ist das Phaenomen der demographischen Schrumpfung keine Einbahnstrasse, sondern durch ein raeumliches Nebeneinander unterschiedlicher Entwicklungen gekennzeichnet: wenigen "Stabilitaetsinseln" stehen grosse Bereiche mit starken Bevoelkerungsverlusten gegenueber. Die wenigen Stabilitaetsinseln sind die Stadtregionen Berlin, Dresden, Leipzig und die thueringische Staedtereihe, ergaenzt durch kleinere Raeume entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und der Ostseekueste. Das negative Pendant dazu bilden Baender von altindustriellen Regionen, etwa von Dessau bis Gera, von zu DDR-Zeiten industrialisierten laendlichen Regionen entlang der Grenze zu Polen und von laendlichen peripheren Raeumen wie zum Beispiel in Vorpommern. Hier sehen die Experten des Leibniz-Instituts fuer Laenderkunde die Problemraeume der Zukunft.

Die in den neuen Laendern insgesamt niedrigen Geburtenraten spielen fuer die regionale Polarisierung der demographischen Entwicklung eine eher geringe Rolle. Diese sind nach dem massiven Rueckgang nach der Wende wieder leicht angestiegen, ohne jedoch bis heute das Vorwendeniveau erreicht zu haben.

Als Gruende fuer die aktuellen Polarisierungstendenzen haben die Wissenschaftler vielmehr die regional differenzierten Abwanderungsstroeme in die alten Laender ausgemacht. Waehrend die Stabilitaetsinseln aufgrund ihres positiven Images und ihres vergleichsweise attraktiven Angebots an Ausbildungs- und Arbeitsplaetzen nur geringe Wanderungsverluste an die alten Laender und somit stabile bis leicht ansteigende Bewohnerzahlen aufweisen, verlieren Staedte wie Cottbus, Halle und Dessau allein durch die Westwanderung jaehrlich mehr als zwei Prozent ihrer Bevoelkerung.

Sollte der aktuelle Abwanderungstrend bis 2050 anhalten, wuerde das bedeuten, dass die Bevoelkerung in grossen Teilen Ostdeutschlands sich gegenueber heute um mehr als die Haelfte reduziert - wenn nicht schon vorher eine Situation eintritt, in der alle herkoemmlichen Versorgungssysteme versagen. Und dies, so die Leipziger Bevoelkerungsexperten, sei kein Horrorszenario. Sie fordern deshalb einen konsequenten Paradigmenwechsel in der ostdeutschen Raumplanung vom Wachstum zur Schrumpfung und innovative Konzepte fuer nachhaltige Rueckzugsstrategien aus der Flaeche. Dies verlange den Mut der Politik, notwendige Massnahmen rechtzeitig zu ergreifen, die Bevoelkerung ausreichend zu informieren und, falls noetig, auch unpopulaere Entscheidungen zu treffen.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie hier.

Pressemitteilung des Leibniz-Instituts fuer Laenderkunde e.V., 27.10.2004