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"Langfinger" im Goldfuß-Museum der Uni Bonn

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:27

Langfinger aus Wyoming und Messel treiben in den nächsten Wochen im Goldfuß-Museum der Universität Bonn ihr Unwesen. Doch keine Angst: Die Besucher müssen nicht um ihre Geldbörsen fürchten. Zwar hätten die gezeigten "Apatemyiden" - so heißen die Fossilien des Monats Juli im Fachjargon - mit ihren ungewöhlich langen Fingern wahrscheinlich keine Probleme gehabt, sich unbemerkt an fremdem Eigentum zu vergreifen. Doch die zwei ausgestellten Exemplare sind schon seit mehr als 50 Millionen Jahren tot.


(c) Universität Bonn, Institut für Paläontologie

Apatemyiden waren kleine baumlebende Säugetiere mit einem kräftigen Gebiss und ungewöhnlich verlängerten Fingern, die vor rund 50 Millionen Jahren in Europa lebten. Kürzlich ist jedoch im US- amerikanischen Wyoming ein Tierskelett gefunden worden, das ganz ähnliche Merkmale aufweist. Der Bonner Paläontologe Professor Dr. Wighart von Koenigswald hat den Fund zusammen mit seinen amerikanischen Kollegen untersucht. In einer aktuellen Publikation weisen die Wissenschaftler nach, dass es sich dabei um einen engen Verwandten der europäischen Langfinger handelt - Grund genug, das Skelett aus Wyoming zusammen mit einem Fund aus Messel bei Darmstadt zu den "Fossilien des Monats Juli" zu küren.

Lange Zeit kannte man von den Apatemyiden nur die Zähne, bis in der Fossillagerstätte Messel vier Skelette gefunden wurden. Indem man sie mit dem Körperbau heutiger Tiere verglich, konnte man Rückschlüsse auf ihre Lebensweise ziehen. So besitzen ein Lemur Madagaskars und ein Beuteltier aus Neuguinea ähnlich verlängerte Finger und kräftige Schneidezähne. Daher nimmt man an, dass auch die fossilen Tiere die fetten Larven der Insekten aus morschem Holz und engen Ritzen angelten.

Nach Amerika ausgewandert

Für eine Überraschung sorgte der Fossilfund in Wyoming. Das Skelett ist etwa fünf Millionen Jahre älter als die aus Messel. Das Tier besaß aber auch schon die verlängerten Finger mit den kurzen Krallen. Der neue Fund mit dem wissenschaftlichen Namen Apatemys zeigt daher, dass sich nicht nur die europäischen Formen auf diese ungewöhnliche Weise ernährten.

Die Skelettvergleiche belegen eine enge Verwandtschaft zwischen den beiden Formen. Doch wie kam es dazu? Vor 50 Millionen Jahren waren die Kontinente Europa und Nordamerika schließlich bereits getrennt. Wahrscheinlich existierte aber zwischenzeitlich eine Landbrücke über die Arktis, über die Tiere von Europa nach Amerika und umgekehrt zogen.


(c)Universität Bonn, Institut für Paläontologie

Der Vergleich der Fundstellen Messel und der Green River-Formation in Wyoming ist sehr interessant. An beiden Orten herrschten einst tropische Verhältnisse, wie Funde von Krokodilen und Palmen belegen. In Messel gab es einen kleinen vulkanischen See, ein so genanntes Maar. Wenn Tiere in das Wasser fielen und verendeten, sanken sie auf den Grund und wurden von Sediment überdeckt. Da das Wasser arm an Sauerstoff war, konnten sich hervorragend erhaltene Fossilien bilden.

Ähnliche Bedingungen herrschten auch in Wyoming. Auch dort gab es einen See, der sich aber über mehrere der heutigen US-Bundesstaaten erstreckte. In den Seesedimenten hat man bislang vor allem fossile Fische gefunden, die man auf jeder Fossilienbörse kaufen kann. Säugetierfunde wie der des amerikanischen "Langfingers" sind in der Green River-Formation dagegen eine ganz große Seltenheit.

Spechte als "Totengräber"

Wahrscheinlich starben die Apatemyiden aus, weil ihnen gefiederte Konkurrenten das Leben schwer machten: Auch Spechte entwickelten nämlich im Laufe der Evolution die Fähigkeit, Holz aufzuhacken und so an Insektenlarven zu gelangen. Damit waren sie den kleinen Säugern überlegen. Nur auf Inseln, die nicht von Spechten besiedelt wurden, wird diese ökologische Nische heute noch von Säugetieren besetzt.