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"Raudalgeura" - Rotalgengeröllfeld: Fraunhofer IBMT benennt Landmarke in der Arktis

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:27

Norwegisches Namenskomitee folgt Benennungsvorschlag von Fraunhofer-Forschern auf Spitzbergen (Svalbard). Von alters her werden geografische Punkte anhand markanter Landschaftsmerkmale benannt. In früheren Zeiten konnten diese Namen relativ frei, z.B. durch die Bevölkerung oder die Entdecker vergeben werden.

In Deutschland sind seit Langem nahezu alle Gebiete benannt. Auch international gibt es kaum noch eine Chance für eine Benennung. Die Namensgebung liegt in nationaler Hoheit und wird heute meist mittels staatlich eingesetzter und autorisierter Benennungskomitees kontrolliert, mit dem Ziel, international verbindliche Bezeichnungen festzulegen. Dennoch werden auch heute Benennungen auf der Erde vorgenommen, z.B. auf dem Seeboden oder in den abgelegenen Gegenden der Polargebiete. Die Vorschläge zur Namensgebung geografisch markanter Gebiete können von jedermann kommen, sie sollten jedoch nicht den Namen des Benenners beinhalten. Die Bezeichnungen geben daher oftmals einen typischen Sachverhalt wider, wie z.B. der Begriff "Saarschleife".

In Spitzbergen (Svalbard), steht die Namensgebung unter norwegischer Hoheit, verwaltet und geordnet durch ein norwegisches Namenskomitee eingebettet in das Norsk Polarinstitutt, eine wissenschaftliche Einrichtung. Typische Begriffe dieser Region sind z.B. "Bäreninsel" - wegen des großen Aufkommens an Eisbären, "Raudfjorden" (= roter Fjord)- wegen roter Gesteinsvorkommen, etc. Das Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT führt seit 10 Jahren in einem kleinen Forschungsbereich seines Gesamtportfolios Polarexpeditionen durch. Als eines unter wenigen Instituten in der Welt sammelt es arktische und antarktische Schneealgen, die besondere Kälteanpassung zeigen und Sekundärstoffe produzieren, die für die Kosmetik- und Lebensmittelindustrie von Bedeutung sind (z.B. Astaxanthin, ein roter Farbstoff, der überwiegend zur Färbung von Lachsfleisch eingesetzt wird). Den Fraunhofer-Forschern ist es gelungen, diese Zellen in Laborkulturen zu überführen und somit detailliert erforschbar zu machen. Das Fraunhofer IBMT beherbergt derzeit eine der weltweit größten Extremophilensammlungen arktischer Schnee- und Bodenalgen, die Stück für Stück ausgebaut wird. Die 1999 am Institutsteil Biomedizinische Technik (AMBT) in Berlin gegründete Sammlung kryophiler Algen (CCCryo Culture Collection of Cryo-philic Algae) stellt eine einzigartige Bioressource für die Extremophilenforschung in Deutschland und Europa dar. Einige Arten unter den Schneealgen bilden bei einer Massenvermehrung durch die Produktion von Carotinoiden rotgefärbte Dauerstadien aus, die von weither sichtbar den Schnee intensiv orange, rot oder bis ins Violette färben. Solche, als "Blutschnee" oder "Roter Schnee" vorkommenden Algen sind vermutlich bereits seit Aristoteles bekannt, genauer beschrieben wurden sie aber erst seit dem 17. Jahrhundert. Auch "Grüner Schnee" ist manchmal, wenn auch weitaus seltener und weniger stark ausgeprägt, zu beobachten. Dabei handelt es sich um die photo-synthetisch aktiven, also sich teilenden Formen dieser Schneealgen.

Auf der sechsten Polarexpedition im Jahr 2000 befuhr das Fraunhofer IBMT mit weiteren Projektpartnern Spitzbergen, an deren Nordküste mehrere Schneefelder gerade in einer bemerkenswerten Schneealgenblüte standen. In der Hamiltonbukta war die rote Färbung besonders ausgeprägt. Eine Diskussion unter den Teilnehmern der Expedition KOL 07/2000 mit dem dänischen Kapitän Hans Lund aus Norwegen ergab, dass dieses typische Phänomen Spitzbergens bisher in keiner Namensgebung berücksichtigt wurde, obgleich die mikroskopische Schneealgenvermehrung über die quadratkilometerweite Rotfärbung des Schnees so markant für die Region Spitzbergens ist, wie es die Eisbären und Rentiere sind. Ein besonders rot gefärbtes Gebiet besaß zudem noch keine geografische Benennung. Daraufhin beschlossen die Fraunhofer-Forscher einen Namensvorschlag für diese rote Schneealgenebene an das Norsk Polarinstitutt zu senden. Bis zum Juni des Jahres 2006 erhielt man keine Antwort - die wissenschaftlichen Ergebnisse der Polarexpedition waren längst ausgewertet und inzwischen sammelten die Forscher Schneealgen in der Antarktis. Zur Freude der Wissenschaftler erfolgte nun - nach 6 Jahren Prüfung - die unerwartete Zustimmung des norwegischen Komitees zur Namensgebung. Der von den Fraunhofer-Forschern benannte geografische Ort heißt künftig "Raudalgeura" - Rotalgengeröllfeld. Im "Place-names of Svalbard" wird die Namensgebung durch die deutschen Forscher künftig international vermerkt sein. Auch wenn es nicht das erklärte Ziel der Expedition war - die wirtschaftliche Bedeutung der Schneealgen stand im Vordergrund - so ist es doch ein erwähnenswertes Begleitereignis des Projekts. Die in Berlin unter dem Namen CCCryo angelegte Algensammlung ist dupliziert und kryokonserviert ebenfalls in der Kryobank eurocryo in Sulzbach/Saarland hinterlegt.

Entprechend dem Fraunhofer-Modell können die Algen erworben werden und finden wegen ihrer Kälteanpassung in wachsendem Maße internationales Interesse bei Forschungs- und Industrieeinrichtungen.