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ISPOL-Logbuch4: 16.-17. November 2004

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:29

Als vor ein paar Jahren der Film "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" erfolgreich in deutschen Kinos lief, erfuhren Menschen, für die gefrorenes Wasser meist nur ein saisonales Verkehrshindernis ist, wohl erstmals etwas Neues über ein Naturphänomen, das mit den zwei Worten "Schnee" und "Eis" wahrlich untercharakterisiert ist.

Schnee und Eis - man sollte den Plural riskieren: Schnees und Eise - unterscheiden sich fast genauso vielfältig von einander wie Böden oder Gestein. An Bord von Polarstern ist die Vielschichtigkeit von Eis - im wörtlichen und im übertragenen Sinne - natürlich lange schon Schnee von Gestern, Basiswissen.

Aber auch Basisinformation kann gar nicht dicht und präzise genug sein. Deshalb auch nutzten die Experten an Bord die rund 1000 Seemeilen lange Eisfahrt quer durch das Weddellmeer, um Eis-Beschaffenheit, -Dicke und -Verteilung zu registrieren. Dafür braucht es Augenmaß, Technik, Erfahrung und Systematik. Und so funktioniert es: Trainierte Eis-Veteranen taxieren jeweils alle volle Stunden - nachts, im Scheinwerferlicht, alle zwei Stunden - von der Brücke herab die Schollen, die Polarstern in seinem Vorwärtsdrang praktischerweise an der Bordwand kentern läßt, so dass ihre Mächtigkeit sichtbar wird. Ein rotweißer Peilstab, der parallel zur Eisoberfläche knapp über dem Eis von der Bordwand vorragt, erleichtert das Geschäft. Die Beobachtungen füllen Kladden mit Zahlen und Abkürzungen - Eintragungen, denen jeweils exakte Positionsbestimmungen zugeordnet sind. Die Wissenschaftler haben ihre Beobachtungsschärfe vorher in sorgfältigen Testreihen "geeicht" - das heißt, einander angeglichen - , damit nicht beispielsweise einer zweijähriges Eis mit einjährigem verwechselt oder "Frazil" - erste zusammengeschobene Eiskristalle in Ruhigwasser - mit dem ebenfalls dünnen "Nilas". Insgesamt werden 14 verschiedene Eistypen unterschieden, von hauchzart über "jung grauweiß" bis "Festeins". Dazu 8 Schollentypen/größen: von dem zierlichen Pfannkucheneis - entstehendes Neueis in bewegtem Wasser - bis zu Riesenschollen mit mehr als 2 km Durchmesser. Dann interessieren sich die Fachleute für die vielfältigen Oberflächenstrukturen: von "spiegelglatt" über acht Abstufungen bis "total schrundig". Die buckeligsten Veteranen sind Überlebende des letzten antarktischen Sommers; die "Schweißnähte" auf ihrem Rücken zeigen, wo sich Schollenreste zusammen geschoben haben. Und schließlich Oberflächenbedeckung: von "schneefrei" bis "Tauwasserseen auf der Scholle". Auch die Ausdehnung von eisfreien Abschnitten wird geschätzt. Tony Worby, australischer Wissenschaftler an Bord der Polarsten, hat dieses Beobachtungssystem in den letzten Jahren entwickelt und laufend verfeinert.

Wenn die Technik exakt das tut, was sich der wissenschaftliche Leiter dieses Projektes, Christian Haas, von ihr verspricht, wird ein Eisdicken-Echolot - vom Schiffskran ein paar Meter vor dem eisbrechenden Bug in der Schwebe gehalten - exakte Referenzdaten liefern. Alle Messdaten zusammengenommen ergeben später - nachdem Doppelmessungen durch Vor- und Zurückfahrt - Rammfahrt - und andere Irritationen rausgerecht worden sind - ein sogenanntes "Eisdicken-Transekt".

Gäste auf der Brücke begeistern sich an unterschiedlichen Aspekten: Die Meeresbiologen zum Beispiel sehen die schmutzig grünen Unterseiten der gekenterten und zerstückelten Schollen mit wissenschaftlich disziplinierter Vorfreude: exakt diese Farbe verspricht massig Biomasse. Eisalgen satt! Und in dieser Schicht und drum herum wimmelt ein Kleintierzoo, teils unerforscht wie Afrikas Tierwelt im 17. Jahrhundert und mit Größenunterschieden wie von Elefant zu Springmaus. Reichlich Forschungsbedarf! Wie zum Beispiel erträgt pflanzliches und tierisches Leben die hier gleich dreifach definierte Extremsituation aus Kälte, Lichtarmut und hohem Salzgehalt? Könnte es sein, dass die Eisalgen die Hauptproduzenten der riesigen Menge organischer Stoffe sind, die sich in allen Weltmeeren finden und von den Insidern DOM - Dissolved Organic Matter - genannt werden? Wieviel UV-Licht erreicht eigentlich bei welcher Schneeauflage noch die Schollenunterseiten, die Brutstätten des antarktischen Lebens?

Polarstern ist auf Kaperfahrt: Es gilt, wissenschaftliche Beute zu machen in einer Weltgegend, die als unwirtlich gilt und doch - die Ahnung verdichtet sich - das Leben in den moderaten Zonen ganz erheblich mit definiert.

Natürlich kann man sich auf der Brücke auch "nur" ästhetisch begeistern. Etwa an dem magischen Ultramarinblau, das unter Schollen glimmt, die sich gegeneinander aufgesteilt haben - so als züngele blaue Glut unter stehenden Holzscheiten im Kamin. Oder verwunschene Eisberge, die wie sinkende Schlösser vorüberdriften ...

Polarstern kämpft sich seit zwei Tagen mühsam voran. Dicke Schneeauflage und angetautes Eis sind auch für den 20 000 PS-Antrieb dicke Brocken, zumal wenn die Eispampe wie zäher Schlamm an der Bordwand pappt. Rühren im Honigeimer. Geduldsspiel mit einem Joystick - Lenkvorrichtung -, vier Motoren und Stellschrauben, die den Wechsel der Fahrtrichtung bei voller Motorleistung erlauben. Vor und zurück, vor und zurück. Die neuen Anläufe, nachdem die eisigen Bremsbacken den breiten Stahlleib wieder einmal auf null Knoten runtergebremst haben, haben etwas Symbolhaftes: Polarforscher bleiben nicht vor dem Verhau aufgetürmter Fragen stehen, wenn ein alter Kurs oder eine liebgewonnene Hypothese das Vorankommen behindern. Sie kontrollieren ihre verfügbaren Daten, suchen bei Kollegen etwas Flankenschutz und Ermutigung und beschleunigen abermals.

Claus-Peter Lieckfeld