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ISPOL-Logbuch5: 19. November 2004

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:29

Die Auffassung über Zweck und Ziele unserer Expedition ... (stimmt) vielfach nicht mit denen überein, welche wir selbst hatten und welche bei unserer Ausreise allgemein galten. Was wir wollten, war ... nicht Rekorde oder die Erreichung hoher Breiten, sondern die Fortsetzung unserer Forschung ...

Diese Zeilen wurden vor ziemlich genau einhundert Jahren vom Leiter der ersten großen deutschen Antarktisexpedition geschrieben, Erich von Drygalski ("Zum Kontinent des eisigen Südens", 1904). Ein Satz geprägt von kaum verhohlener Bitternis. Als nämlich die Wissenschaftler der "Gauss", so hieß ihr Forschungsschiff, nach etlichen tausend Seemeilen entbehrungsreicher Fahrt und zwei antarktischen Wintern wieder Kiel erreichten, gab es nur verhaltenen Applaus. Dennoch: Drygalskis wissenschaftliche Ausbeute, die vom August 1901 bis November 1903 vor allem während seiner Überwinterung im Packeis zusammengetragen wurden, war für damalige Verhältnisse phänomenal. Phänomenal aus heutiger Sicht. Nur ein Beispiel für viele, eines mit direktem Bezug zur Polarstern-Reise 2004/2005 : Drygalski gelang der Nachweis von polarem Wasser, das - wie man heute weiß - ganz besonders vom Weddell-Schelf aus bis weit über den Äquator nach Norden vordringt. Der "große Fahrstuhl", das Absacken gigantischer Massen von Oberflächenwasser, das sich im Weddellmeer am antarktischen Kontinentalschelf in die Tiefsee ergießt, ist das Ausgangs-Phänomen vieler Untersuchungen, die auf Polarstern in den nächsten Wochen laufen werden. Man wird zu ergründen trachten, was da wie und mit welchen Effekten nach unten gelangt. Drygalski hatte das "polare Wasser" bemerkt. Aber es erschien damals niemandem bemerkenswert. Der Kaiser, Schutzpatron des Unternehmens, war enttäuscht. Es hatte keine Heldentaten gegeben, keine deutsche Reichsflagge auf dem Südpol, kein neu entdecktes Land. Die schier unglaubliche Faktenfülle, die für damalige Zeit phantastiche Messgenauigkeit, mit der elektromagnentsiche Felder, Salzgehalte, Eisdriften, Schollenbildung und -schmelze etc. bestimmt wurden, all das galt wenig in einer Zeit, in der sich die Nationen um Siegerkränze ganz anderer Art balgten: Der Wettlauf zum Pol stand bevor. Auf ein paar von Eisbergen belagerten Felskrümeln im Südmeer wehte immer noch keine Fahne. Der magnetische Südpol war noch nicht bestimmt.

Und wie ist das heute? Welcher Art ist die Erwartungshaltung, die Projektionswand, auf der sich ISPOL 2004/2005 als Erfolg oder als ... sagen wir ... "fleißiger wissenschaftlicher Alltag am Ende der Welt" abbilden wird? Wird es mehr als ein paar "Seite-18-Feuilleton-Kurzartikel" geben, wenn im Untereis-Plankton-Zoo zwei, drei neue Arten auftauchen? Ist es der Presse eine Notiz wert, sollte Genaueres ergründet werden, über die Verteilung von FCKWs im Tiefenwasser? Oder die exakte Reiseroute von Eisbergen - wen interessiert die ohne Titanic?

Die Erwartungshaltung ist heut nicht mehr nationalistisch wie zu Drygalskis Zeiten. Gott sei Dank! Aber es gibt sie gleichwohl, die Erwartungen. Die Öffentlichkeit wird fragen, ob etwas Neues zum Treibhauseffekt bekannt wurde, zum globalen Klimawandel. Auch das Ozonloch hat noch gewissen Nachrichtenwert. Und sonst? Zwei drei neue fotogene Tiefseefische hätten, wegen ihres Monster-Appeals, sicherlich gewissen optischen Gebrauchswert. Aber auch sie wären schnell verderbliche Ware.

Und wenn es nun wichtige Ergebnisse gibt, die nicht unmittelbar auf diese öffentlichkeitswirksame Schienen verladen werden können? Die Leiter der wissenschaftlichen Arbeitsgruppen an Bord der Polarstern werden sich - natürlich! - verhalten wie ihr Vorfahre und Vorfahrer Drygalski: Exaktheit, Analysegenauigkeit auf höchstem Niveau, und dabei den berühmten "W"-Fragen verpflichtet: Was, wiewiel, wo, wie tief, wie schwer, wie leitfähig ...? Aber keine Kotaus vor populären Szenarien. Sonst kommt man ins Treibeis.

Während diese Zeilen im "User"-Raum auf dem Arbeitsdeck der Polarstern abgespeichert werden (19.11.04 - 23.45 Uhr), geht im hinteren Teil des Schiffes auf 65.37 S/36.20 W die erste "Rosette" zu Wasser: Ein Kranz aus 24 taucherflaschen-ähnlichen Behältnissen, mit denen aus verschiedensten Wassertiefen Proben geschöpft werden, um Wasserleitfähigkeit (Salzgehalt), Temperatur und Tiefe zu ermitteln (CTD-Messung). Alltag, alles andere als spektakulär. Aber der alte Drygalski hätte vor Freude geweint, wenn er gewusst hätte, dass man im Jahre 2004, hundert Jahre nach der Eisfahrt der "Gauss", in zweieinhalb Stunden 268 Liter Wasser am bis zu 6000 Meter langen Stahlseil aus tiefen, mittleren und oberflächennahen Meeresetagen schöpfen kann. Und dass die Stahltrosse, die ihm noch brechend um die Ohren flogen, unter der Last von 2 Tonnen nur leise zittern.

Zitat des Tages:Marcel Nikolaus, ein Jungwissenschaftler zum Leiter der Ozeanographie, der am Tag der ersten CTD mit einem stark überlappend beladenen Teller vom Abendbrots-Buffet kommt: "Donnerwettter, Mike! Willst du die Rosette heute mit der Hand raufziehen?"

Claus-Peter Lieckfeld