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ISPOL-Logbuch8: 1.12.2004

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:29

Es gibt noch weiße Flecken auf der Landkarte. "Unsere Scholle" ist so einer - der Gegenstand mehrwöchiger Untersuchung durch die ISPOL-Wissenschaftler. Ein vergänglicher Fleck noch dazu.

"The Floe" wird wieder zu Meerwasser werden, irgendwann, nachdem die letzte Markierungsflagge im Januar wieder an Bord von Polarstern verstaut ist. Bis dahin wird sie ihre Form verändern wie eine riesige weiße Amöbe. Vielleicht wird sogar etwas "Zellteilung" zu verzeichnen sein, was dazu führen könnte, dass per Hubschrauber einige Teilzeit-Schollenarbeiter evakuiert werden müssten. Spannend, aber nicht wirklich gefährlich, schon vielfach erprobt.

Die Ankunft am Arbeitsplatz für die nächsten Wochen war, nach rund 20-tägiger Anreise durch subpolare raue See und durch voluminöse Eisbarrieren, ein wenig wie ein verzögertes Hurra: Drei, vier avisierten Schollen erwiesen sich als zu verschneit oder ihre Oberfläche als zu rau. Hubschrauber-Vorausexpeditionen hatten das abgeklärt. Lieber gegen Ende der Anreise etwas wählerischer sein als die Qual der falschen Wahl über Wochen ausbaden zu müssen!

Schließlich war die "Heimatscholle" - Ironie des Entdeckerschicksals - eine, die zu Beginn der Suche schon mal in die engere Wahl gezogen worden war. Das Eisradar-Bild der auserwählten Platte (es wirkt ein wenig wie ein grün eingefärbtes Foto der Mondoberfläche) zeigte etliche ebene Flächen: die designierten Areale für die unterschiedlichen ISPOL-Wissenschaftlergruppen, die sich entlang zweier, knapp 6 km langer, Längsachsen über die Scholle verteilen sollen. Aber welche Gruppe bekommt welchen "Plot"? Die Verteilung geschah natürlich nicht nach dem klassischen Amundsen/Scott-Muster: Zu allem entschlossene Pioniere rennen unter Lebensgefahr zum Ort ihrer Wahl und reklamieren ihn, bevor die Konkurrenz da ist. Vor den Schweiß auf dem Eis (Eiskerne bohren, Löcher ins Eis treiben, um zu Tauchen oder Netze und Messgeräte einzutauchen) steht Gedankenarbeit, Logistik und Logik: Wer braucht Stromanschluss vom Schiff, das heißt, wer muss nahe bei Polarstern bleiben. Wer muss wegen hochsensibler Luftmessungen größtmöglichen Abstand vom Schiff und all den anderen, besonders von deren motorgetriebenen Stromaggregaten? Wer braucht für seine Feinst-Untersuchungen von Wasser viel Distanz zum Schiff, das zwar bestmöglich gereinigtes Abwasser emittiert, aber immerhin Wasser, das eine Untersuchungsreihe verfälschen könnte. Beliebt bei den Eiskernziehern sind natürlich die geringen Eisdicken so um einen Meter - seltene, günstige Grundstücke.

Miles McPhee, eine Weltkapazität in Sachen "Turbulenzen" (Welche Verwirbelungs-Effekte hat treibendes Eis auf die Wasseroberfläche?) aus dem Staat Washington, U.S.A., hätte auch gern so eine Dünneis-Stelle gehabt. Aber für seine Sonde ist eine stabile Stromverbindung zum Schiff unerlässlich. Im Nahbereich des Schiffs aber haben sich einschüchternde 2.30 Meter Eis aufgeschichtet. Das bedeutete anderthalb Tage Gewürge mit Motorbohrern, Hand-Eissägen, Meißel und Vorschlaghammer. Bis schließlich nach harter, archaischer Männerarbeit der frei geschlagene, mehre Kubikmeter mächtige Eisklops aufschwamm. Mit provozierender Leichtigkeit. Handschlag und ein großes amerikanisches Es-ist-vollbracht-Lächeln!

Die Heimatscholle ist übersäht von feuerroten (Sicherheitsfarbe der Polar-Overalls!) Michelinmännchen und -weibchen: Eisalgenspezialisten, Plankton-Freaks, Ozeanoraphen, Spezialisten für Gasaustausch zwischen Eismeer und Atmosphäre, Jägern im Mikrometer- Bereich. Und darüber wölbt sich Ende November, Anfang Dezember ein Himmel von intensivblauer Farbe, der an den Rändern, dort, wo er auf dem Horizont aufzusitzen scheint, leuchtet. Unwirklich, weißglühend. "Albedo" sagen die Experten, intensive Sonnenlichtreflektion.

Und manchmal sind die roten Fremdlinge von Kaiserpinguinen umstellt, die sogleich die Köpfe zusammenstecken und mit gänseartigen gutturalem Krächzen ihre Theorien über diese fehlfarbenen Riesenpinguine austauschen, um schließlich schulterzuckend oder auf dem Bauch rutschend zur nächsten Menschen-Gruppe abzurücken. Besonderen Schauwert haben, mit Pinguinaugen betrachtet, auch die Skidoo-Züge, Lastenschlitten von Schneemobilen gezogen. Und natürlich die Hubschrauber, von denen sich unter Kaiserpinguinen schnell herumgesprochen hat, dass sie zwar entsetzlich lärmen aber ansonsten harmlos sind wie Schneesturmvögel.

Es ist seltsam wie bereitwillig sich das Auge täuschen lässt: Nichts schwankt. Die markierten Wege suggerieren festes Land, Sicherheit und Normalität. Dabei sind wir nur Fliegen, die auf dünner Haut über die Milchsuppe gehen. Unter uns 2000 Meter Ozean. Und die Scholle treibt mit derzeit 0.3 Knoten (knapp einem halben Kilometer) Stundengeschwindigkeit dahin, angetrieben vom berühmten Weddellwirbel, dem auf dieser Expeditionsreise das besondere Augenmerk der Ozeanographen und Eisbergforscher gilt. Eisberge nämlich sind Getriebene. Ähnlich - aber nicht genauso - wie unsere Heimatscholle.

Claus-Peter Lieckfeld