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ISPOL-Logbuch9: 5.12.2004

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:29

Nur der Wandel ist konstant. In diesem Logbuchbeitrag ist, gegen Ende, erstmals von einem unpräzisen, relativ alten aber dafür einzigartigen Messinstrument die Rede: von mir. Ein mitreisender Beobachter macht sich - wie anders sollte es auch gehen - zum Schwamm oder zum Lackmusstreifen angesichts der Flut von Eindrücken, Fakten, Fragen.

Aber kommen wir zum Kern der Dinge! Der Kern dieser Forschungsreise sind die Kerne - die so genannten Eiskerne. Das sind lange Zylinder, die mit besonderen, motorgetriebenen Bohrern aus der Scholle gefräst werden. Abgesehen von zwei wichtigen Großgruppen an Bord*) hängt hier auf Polarstern so ziemlich alles am Eis. Die Crux bei den "cores" (Eiskernen) benennt Mathias Steffens von der Uni Kiel lakonisch und präzise: "Einen aufgearbeiteten, also zersägten, geschmolzenen oder anderweitig "benutzten" Eiskern hat man ja der zeitlichen Dimension entzogen; man kann ihn nicht mehr über längere Frist untersuchen, was wünschenswert wäre. Sozusagen ein verbrauchendes Experiment." Um dieses Manko etwas zu verkleinern, gibt es alle fünf Tage - und so auch am 4. Dezember 2004 - "Zeitserientag": Eiskerne werden auf einem möglichst eng umgrenzten Raum von allen Expertenteams gezogen, um dann - soweit das möglich ist - auch von allen genutzt zu werden. Nacheinander, versteht sich. So werden fachübergreifende Aussagen leichter und womöglich auch verlässlicher. Etwa: Welche Nährstoffe brauchen die Eisalgen in welcher Konzentration, bei welcher bevorzugten Eisdicke und bei welcher Untereis-Lichtmenge sowie Temperaturen und Salzgehalten; von welchen Ruderfußkrebsen und anderen Vertretern des Zooplankton wird der Eis-Algenrasen in welchem Umfang beweidet; welche Bakterien kümmern sich um die "Fraßabfälle" die dabei entstehen? Und in welchem Zusammenhang stehen die absinkenden organischen "Brösel" zu der noch immer relativ undefinierten Wasserchemie der Weltmeere? Für Letztere gibt es - wie meistens wenn die Wissenschaft noch nicht so richtig durchblickt - ein umso eindrucksvolleres Wort: DOM (dissolved organic matter - gelöste organische Materie).

Viel Spitzenanalytik, viel diffizile Apparatetechnik, viel Fachwissen! Da ist es dann fast schon tröstlich für den staunenden Laien - der sich an Bord als Experte fürs Vereinfachen versucht -, dass es die banalen Dinge sind, welche die wissenschaftlichen Horizonte kurzfristig verschatten können. Beispielsweise fängt einer der (eigentlich robusten) Motoren für die Eiskernbohrer an zu stottern, nachdem er an Deck noch tadellos im Probelauf geschnurrt ist. Und das auch noch ausgerechnet, wenn die Eiskern-Berger sowieso schon etwas in Zeitdruck sind. Was Sascha Willmes von der Uni Trier zu der (erstaunlicherweise wirksamen) Drohung veranlasste: "Wenn du nicht sofort anständig bohrst, montiere ich dich eigenhändig auf einen Rasenmäher. Und diese Schande überlebst du nicht!"

Manche Entscheidungen werden den Wissenschaftlern auch aus der Hand genommen. So überlegte die Tauchergruppe um Gerhard Dieckmann und Carsten Wanke noch, ob sie ihr mühsam geschlagenes Tauch-Eisloch eine Weile aufgeben sollten - ein Seeleopard erwog sehr offensichtlich, ob er dieses Menschenwerk für sich beanspruchen sollte - als ein neuer Riss durch unsere "Heimatscholle" ihr Tauchrevier abtrennte. Nun sucht man nach einer möglichst glatten Eiskante zum Einstieg, um nicht schon wieder Stunden, wenn nicht Tage, mit harter Plackerei und Bohrerei zubringen zu müssen. Was soll man dazu sagen? Vielleicht etwas universal Gültiges: Treibeis ist anders.

Zu dieser etwas wolkigen Aussage inspirierte mich Robin Muench, Ozeanograph aus Washington State, U.S.A. mit seiner Frühstücksfrage, wie ich denn nun diese Landschaft hier empfände. Sie ist in einem Ausmaß "abweichend" wie keine Landschaft, die ich zuvor gesehen habe: Fotos und Filme gaben mir schon im Schulalter eine Idee von Wüste und Dschungel, die dann - nicht ganz aber in etwa - mit dem übereinstimmte, was ich später im Leben gesehen, betreten, erlebt habe. Aber Fotos und Filme von Treibeis haben mich in keiner Weise auch nur annähernd auf diese Dimension vorbereitet. Vorläufig fällt mir angesichts der Dynamik und Kraft, mit der sich täglich neue Kanten aufschieben, aus denen es magisch blau leuchtet, nur ein Bibelwort ein: "Und siehe, ich mache alles neu".

Claus-Peter Lieckfeld

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*)Das sind zum einen die Ozeanographen, die sich bekanntlich mit dem "freien" Wasser und seiner Bewegung, Salzhaltigkeit und seinen Temperaturen befassen, zum anderen sind es die Experten für den Luftraum: Gasaustausch zwischen Luft, Eis und Meer, sowie den Einfluss von Wind auf die Schollendrift.