Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite News Über den Dächern von Berlin

Über den Dächern von Berlin

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:39

Wie in einem Computerspiel kann jetzt jeder über Berlins Dächer fliegen, in fotorealistischer Qualität und mit einer Unmenge an Daten nur einen Mausklick entfernt. Möglich macht dies der 3D-Stadtplansystem, der von der Stadt Berlin zusammen mit dem Hasso-Plattner-Institut in Potsdam (HPI) und dessen Ausgründung, der 3D Geo GmbH erstellt wurde.

Mit dem Programm lässt sich vieles darstellen. Zum Beispiel kann man das gesamte Nahverkehrsnetz samt Abfahrtzeiten über die Straßenzüge legen oder den Verlauf der Mauer mitsamt der Todeszone noch einmal genau verfolgen. Zum Verkauf oder zur Miete stehende Flächen und Immobilien sind genauso verzeichnet, wie Versorgungsleitungen, das amtliche Geländemodell und Gebäude-Grundrisse aus dem Grundbuch. Sozialdaten über die Bevölkerung enthält das System nicht. "So interessant manche Daten auch wären, dies könnte zu leicht zu Missbrauch und Datenschutzverletzung führen" erläutert Jürgen Döllner, Projektleiter am HPI. Über 100.000 Gebäudemodelle - zum Teil mit Innenansichten - sind in der Datenbank gespeichert und in Echtzeit während des Fluges über die Dächer abrufbar. Grünanlagen, einzelne Bäume, Gebäude alles wird mit fotorealistischer 3D-Grafik dargestellt.

Möglich wird die Detailgetreue durch eine Vielzahl von Luft- und Satellitenbildern. Besonders scharf sind dabei die Bilder der hochauflösenden Stereo Kamera (HRSC) die das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt für die Erforschung des Mars entwickelt hat Sie wurden mit einer Auflösung von 25 Zentimetern aus einer Flughöhe von unter 200 Metern aufgenommen wurden. Fassaden besonders markanter Gebäude, wie zum Beispiel der Gedächtniskirche und des Bundestages hat die Firma Remote Sensing Solutions GmbH im Computer zusätzlich erfasst, um den Wiedererkennungswert zu erhöhen und die Orientierung zu erleichtern.

Was eventuell für manche wie eine touristische Spielerei anmutet, hat einen ernsten Hintergrund. Gerade in Berlin wurde seit dem Fall der Mauer ein Großprojekt nach dem anderen realisiert, das Gesicht der Stadt hat sich stark verändert. Mit dem jetzt entwickelten Werkzeug z. B. können solche Veränderungen in ihrer Wirkung schon vorher im Computer realistischer als bisher simuliert werden. Vor diesem Hintergrund hatte vor eine paar Jahren die Erfassung von 3D-Daten durch die Architekturwerkstatt der Senatsverwaltung begonnnen. Diese Daten bilden den Grundstock für das jetzige Projekt.

Praktische Anwendungen gibt es viele: "Seit etwa vier Jahren arbeiten wir mit T-mobile zusammen. Mit unseren Daten und Programmen optimieren sie die Funknetzplanung, damit in Berlin möglichst keiner mehr ins Funkloch fällt", erläutert Jürgen Döllner. Die Berliner Wirtschaftfördergesellschaft BSC zeigt ansiedelungswilligen Firmen, wo welche Immobilien zu welchem Preis zu haben sind. Der Flächennutzungsplan soll in etwa zwei Jahren ebenfalls objektbezogen, also jeweils pro Haus aufgeschlüsselt eingebunden werden. Zurzeit liegt er zwar digital vor, aber eben nicht auf die einzelnen Gebäude bezogen. Genau dies ist aber das neuartige an dem Projekt - sämtliche Daten, von Dachfarbe und -form bis Quadratmeterpreis sind mit dem jeweiligen Objekt verknüpft und können so je nach Bedarf vom Programm abgerufen werden.

Die Herausforderungen bei der Umsetzung waren vielfältig. Das System sollte amtliche Geodaten sowohl in 2D als auch in 3D automatisch einbinden können und so eine hohe Aktualität erhalten. Außerdem muss das System die enormen Datenmengen in Echtzeit verarbeiten können - immerhin soll nicht nur der Hubschrauberflug nicht stocken, sondern auch der Anwendern zeitnah an seine Daten kommen. Die Anwendung soll sich mit möglichst vielen verschiedenen Systemen verständigen können. So können zum Beispiel andere Spezialprogramm die Daten nutzen, um die Lärmausbreitung innerhalb einer Stadt schon vorher zu berechnen. Die Daten sollen außerdem in Bild, Video, Internet und DVD übertragbar sein. Und nicht zuletzt sollen die Veränderungen, die sich nach und nach in der Stadt ergeben nachvollziehbar sein, so dass auch vorherige Zustände abgerufen werden können. Und natürlich lässt sich mit dem System in die Zukunft schauen, denn bevor man baut, kann man sich jetzt schon das fertige Ergebnis in seiner ganzen Pracht anschauen.