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Der Kopernikus der Geowissenschaften

erstellt von rduechting zuletzt verändert: 02.01.2012 16:10

Einer gegen alle, hieß es am 6. Januar 1912 auf der Hauptversammlung der Geologischen Vereinigung in Frankfurt am Main. An jenem Tag hielt der damals 31-jährige Meteorologe Alfred Wegener seinen Vortrag über die Entstehung der Ozeane und Kontinente und brachte damit die althergebrachten Vorstellungen ins Wanken.

Alfred Wegener, Foto von 1912/13 (Foto: Alfred-Wegener-Institut).Der wissenschaftliche Auftakt des Jahres 1912 gefiel dem Geologie-Professor Max Semper ganz und gar nicht: "O heiliger Sankt Florian, verschon das Haus, zünd' andere an", tönte der Wissenschaftler. Was war vorgefallen? Wer war der Brandstifter, vor dem Semper warnte?

Der vermeintliche Unhold hieß Alfred Wegener. Der damals 31-jährige Meteorologe und Professor für kosmische Physik an der Universität Marburg hatte auf der Hauptversammlung der Geologischen Vereinigung am 6. Januar 1912 in Frankfurt am Main seine revolutionäre Theorie zur Entstehung der Kontinente und Ozeane vorgestellt. „Der Kern seiner These lautete: Die Großform der Erdoberfläche, genauer gesagt die Verteilung der Kontinente und Ozeane würde sich stetig ändern, weil die Kontinente wanderten“, sagt Dr. Reinhard Krause, Wissenschaftshistoriker am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft. Wegener hatte zudem angenommen, dass die Erdoberfläche, wie wir sie heute kennen, aus einem Urkontinent hervorgegangen sei. Dessen Schollen seien im Laufe der Erdgeschichte auseinandergedriftet und hätten so Kontinente und Ozeane gebildet.

Mit dieser Idee der driftenden Kontinente konnte der junge, eigentlich fachfremde Wissenschaftler damals viele Befunde der Geologen, Paläontologen und der Tier- und Pflanzengeographen zwanglos erklären. Allerdings täuschte sich Wegener, als er annahm, Forscher wie Max Semper würden infolge seines Vortrages ihre alten Theorien zur Entwicklung der Erdoberfläche aufgeben. Maximal noch zehn Jahre gab Wegener den alten Denkansätzen damals. „Am Ende aber verging ein halbes Jahrhundert, bis Wegeners Vorstellungen in Fachkreisen allgemein akzeptiert wurden. Zwar hatten einige Wissenschaftler Wegeners Theorie mit Begeisterung aufgenommen, mehrheitlich aber, speziell in der geologischen Fachwelt, verwehrte man sich ihr“, erklärt Reinhard Krause.

Alfred Wegener auf dem Schiff "Godhaab" kurz vor seiner ersten Groenland-Querung 1912/13 (Foto: Alfred-Wegener-Institut).Diese Ablehnung, die durchaus auch gehässige und polemische Formen annahm, war allerdings nicht unbegründet. „Wegener konnte damals keine Kräfte oder Mechanismen benennen, die hinreichend gewesen wären, um die Verschiebung der Kontinente zu bewerkstelligen“, sagt Reinhard Krause. Wegener selbst war dieser Mangel durchaus bewusst, trotzdem zweifelte er nicht an der grundsätzlichen Richtigkeit seiner Thesen. Eines Tages würde der „Newton der Verschiebungstheorie“ noch kommen, schrieb er und machte sich selbst daran, neue und bessere Argumente für seine These zu suchen.

Eine befriedigende Erklärung für den Mechanismus, der die Kontinente in Bewegung hält, aber fand Wegener nicht. Dazu wusste man damals einfach noch zu wenig über den Zustand und die Dynamik des Erdinneren. Wegeners Wissenschaftskollegen brauchten bis zum Anfang der 1960er Jahre, um mit modernen geomagnetischen Untersuchungsmethoden den Sprung von Wegeners Theorie zur heute nachgewiesenen und gültigen Lehrmeinung der Plattentektonik zu meistern. Diese besagt ganz kurz gefasst, dass die Lithosphäre, die äußere, feste Schale der Erde, in starre Platten zerbrochen ist. Diese Platten schwimmen auf den zähflüssigen Gesteinen der darunterliegenden Asthenosphäre und bewegen sich pro Jahr um wenige Zentimeter – und zwar ganz unabhängig voneinander.

Wegener gilt heute als „Vater der Plattentektonik“. „Rückblickend darf man ihn aber auch als den Kopernikus der Geowissenschaften bezeichnen, denn Wegener hat unser Bild von der Erde revolutioniert und dafür am Anfang eine Menge Spott und Häme in Kauf genommen“, sagt Reinhard Krause. Den Durchbruch seiner Theorie konnte der vor allem als Polarforscher bekannte Alfred Wegener jedoch nicht mehr miterleben. Er starb im November 1930 wahrscheinlich an Herzversagen auf dem grönländischen Inlandeis.


Quelle: Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven, Dezember 2011