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Gletscherschwund in Zentralasiens grösster Gebirgskette

erstellt von egoernert zuletzt verändert: 19.08.2015 10:01

Die Gletscher in Zentralasien verzeichnen einen erheblichen Verlust an Masse und Fläche. Entlang des Tien Shans, Zentralasiens grösstem Gebirge, hat sich das Volumen der Eismassen in den letzten 50 Jahren um rund 27% verringert und die Gletscherflächen sind um fast 3000 Quadratkilometer zurückgegangen. Bis in die 2050er Jahre könnte die Hälfte der dortigen Gletscher verschwunden sein. Dies berichtet ein Forscherteam um Daniel Farinotti von der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL und dem Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ in der aktuellen Online-Ausgabe der Zeitschrift Nature Geoscience.

Die schneebedeckt Gebirgskette des Teskey Ala-Too, Kyrgyzstan. Grundlage für die Wasserversorgung in dieser Region. (Foto: Daniel Farinotti / WSL/GFZ)Gletscher spielen für die Wasserversorgung Zentralasiens eine zentrale Rolle. Schmelzwasser aus dem Tien Shan ist für die Versorgung von Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Teilen Chinas von entscheidender Bedeutung. "Trotz dieser Wichtigkeit war bisher nur wenig über die Entwicklung der Gletscher in Zentralasien während des letzten halben Jahrhunderts bekannt", erläutert Daniel Farinotti, der Hauptautor der Studie. Die meisten direkten Gletschermessreihen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eingestellt wurden, werden erst jetzt und nur zum Teil wieder aufgenommen, während moderne Beobachtungsmethoden nur einen beschränkten Zeitraum abdecken.

Die Studie, die unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Französischen Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) an der Universität Rennes stattfand, stellt jetzt eine Rekonstruktion der Gletscherentwicklung im Tien Shan vor. "Dazu kombinierten wir satellitengestützte Messungenmit glaziologischer Modellierung", so Farinotti. "Wir konnten die Entwicklung jedes einzelnen Gletschers im Tien Shan nachvollziehen. Dort verlieren die Gletscher jährlich eine Wassermenge, die ungefähr dem sechsfachen Jahreswasserverbrauch der Schweiz entspricht."

Gletscher können Wasser als Eis über Jahrzehnte speichern und geben den Winterniederschlag im Sommer als Schmelzwasser wieder frei. Das ist vor allem in saisonal-ariden Gebieten wichtig, d.h. in Gebieten, die praktisch niederschlagslose Monate aufweisen, da die lokale Wasserversorgung mit dem Schmelzwasserdargebot eng gekoppelt ist.

Zentralasien ist das herausragende Beispiel für die menschliche Abhängigkeit von Gewässern, die saisonal von Gletschern gespeist werden. Nirgendwo ist die Frage nach dem Zustand der Gletscher enger mit der Frage der Wasserverfügbarkeit, und damit der Nahrungsmittelsicherheit, verknüpft.

Das Volumen der Eismassen entlang des Tien Shans hat sich in den letzten 50 Jahren um rund 27% verringert. Die Gesamtfläche der Gletscher ist um fast 3000 Quadratkilometer zurückgegangen, ein durchschnittlicher Eisverlust von 5,4 Gigatonnen pro Jahr. Die Untersuchung ergab, dass sich der Gletscherschwund im Tien Shan zwischen den 1970er und den 1980er Jahren um das Dreifache beschleunigte. Daniel Farinotti: "Die längerfristige Einwirkung kann dem generellen Temperaturanstieg zugeschrieben werden". Die Studie zeigt, dass der Anstieg der Temperatur, und insbesondere der Sommertemperatur, die primäre Ursache für die Gletscherentwicklung der Region ist. "Für Zentralasien ist diese Aussage weniger trivial als sie zunächst erscheinen mag: Da die Wintermonate sehr trocken und die Berge sehr hoch sind, erhalten die Gletscher den meisten Schneefall während des Sommers", erläutert Farinotti. "Dies bedeutet, dass ein Anstieg der Temperatur sowohl zu einer verstärkten Schmelze als auch zu einer verminderten 'Gletschernährung' führt – und beides unterstützt den Gletscherschwund."

Durch das Verwenden der neuesten zur Verfügung stehenden Klimaszenarien, die für die Sommermonate der Periode 2021-2050 einen zusätzlichen Temperaturanstieg von ca. 2 °C erwarten lassen, präsentieren die Autoren auch einen ersten Ausblick für die zukünftige Entwicklung: Die Hälfte des gesamten Eisvolumens, das heute in den Gletschern des Tien Shan gespeichert ist, könnte bis in die 2050er Jahren abgeschmolzen sein. Diese Aussicht, so Farinotti, sollte nicht nur die lokale Bevölkerung bedenklich stimmen.


Quelle: WSL, Birmensdorf, August 2015