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Indienststellung des neuen Forschungsschiffes MYA II

erstellt von smaier zuletzt verändert: 18.08.2013 10:51

Gut 21 Meter lang, 1,30 Meter Tiefgang, zehn Knoten Maximalgeschwindigkeit und voller modernster Technik: Das Forschungsschiff MYA II wird am 13. August 2013 in List auf Sylt feierlich an die Wissenschaft übergeben. Schleswig-Holsteins Ministerin für Bildung und Wissenschaft Prof. Dr. Waltraud Wende wird ebenso an der Veranstaltung teilnehmen wie Vertreter des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Das neue Forschungsschiff MYA II der Wattenmeerstation bei ersten Ausfahrten im Heimatrevier Sylt. (Bild: F. Lange, Alfred-Wegener-Institut)Die Entwicklungs- und Baukosten der MYA II in Höhe von 4,5 Millionen Euro stammen zu zehn Prozent vom Land Schleswig-Holstein und zu 90 Prozent aus Bundesmitteln. Ein Höhepunkt wird die Verleihung des Umweltzeichens „Blauer Engel“ für das umweltfreundliche Schiffsdesign der MYA II. Im Anschluss ist die Öffentlichkeit eingeladen, das Schiff im Lister Hafen kennenzulernen und sich beim Tag der offenen Tür in der benachbarten Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegener-Instituts mit den Wissenschaftlern auszutauschen.

„Das ist das zwar unser kleinstes Forschungsschiff, aber hochmodern und sehr gut für die Küstenforschung ausgestattet“, sagte Prof. Dr. Karin Lochte, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), anlässlich der Taufe der MYA II letzten Monat in der Fassmer-Werft. Sie zeigt sich beeindruckt von der modernen Technik an Bord, die an die Ausstattung großer Forschungsschiffe erinnert. Das Schiff verfügt über ein Netzwerk- und Datenerfassungssystem, in dem kontinuierlich die Messwerte verschiedener Sensoren zentral gespeichert werden. Fest installiert sind beispielsweise eine Navigationsanlage zur genauen Positionsbestimmung, ein Fächersonar zur Kartierung des Meeresbodens ein Multifrequenzecholot zur Abschätzung der Biomasse von Fischen und ein ADCP zur Strömungsmessung. Außerdem besitzt die MYA II am Heck einen Kranausleger, den sogenannten A-Galgen. Mit seiner Hilfe können die zweiköpfige Besatzung und bis zu zwölf Wissenschaftler auch große Geräte bis zu einer Tonne Gewicht vom Arbeitsdeck ins Wasser heben, wie zum Beispiel Kastengreifer zur Gewinnung von Bodenproben. Bewegt werden diese wissenschaftlichen Mess- oder Beprobungsgeräte über Kurrleinen- oder Forschungswinden. Ein sogenanntes Einleiterkabel ermöglicht zusätzlich zur Erfassung von Messwerten die Probennahmegeräte vom Computer aus im Wasser zu öffnen oder zu schließen, wenn die Sensoren Bedingungen anzeigen, die auf spannende Kleinalgen oder Tiere hinweisen.

Anders als der Vorgänger, der Forschungskatamaran MYA, ist die MYA II ein Einrumpfschiff undModernste Navigationsanlagen gehören zur Ausstattung der Brücke der MYA II. (Bild: F. Mehrtens, Alfred-Wegener-Institut) erreicht bis zu zehn Knoten Geschwindigkeit. „Damit können wir unseren Untersuchungsradius um Sylt und bis nach Helgoland ausweiten“, freut sich der Geologe Dr. Christian Hass von der Wattenmeerstation Sylt. Der AWI-Forscher wird einer der Hauptnutzer sein und mit Bodengreifern Proben vom Meeresgrund nehmen. Korngrößenanalysen von Sand und Schlick kombiniert er mit bathymetrischen und anderen hydroakustischen Messdaten und berechnet daraus flächendeckende Karten. „Sie geben uns Aufschluss darüber, wo sich welche Sedimente ablagern, wie der Meeresboden strukturiert ist und für welche Pflanzen und Tiere er sich dadurch als Lebensraum eignet“, erklärt Hass. „Regelmäßig wiederholt erlauben diese Messungen, dass wir Veränderungen erkennen und steuernden Faktoren wie Klimaveränderungen oder menschlichen Eingriffen zuordnen können“, so der Geologe.

Gemeinsam mit den Biologen der Wattenmeerstation nutzt Hass an Bord ein Unterwasservideosystem. Es ermöglicht einerseits direkt zu kontrollieren, ob der Meeresboden tatsächlich so aussieht, wie aus den Messdaten interpretiert. Andererseits zeigt es auch, was unter der Wasseroberfläche lebt. Das Zusammenspiel von Pflanzen und Tieren im Nahrungsnetz ist eines der biologischen Schwerpunktthemen an der AWI-Wattenmeerstation. Dabei sind die Forschenden längst über die einfache Beschreibung „Wer frisst wen?“ hinaus: Mit Computermodellen berechnen sie die Stoffflüsse zwischen den verschiedenen Ebenen des Nahrungsnetzes unter verschiedenen Umweltbedingungen. Angefangen bei der Produktivität von Kleinstalgen (Phytoplankton), die aus Sonnenlicht Energie gewinnen, über Krebstiere und Fische bis hin zu Robben und auch zum Menschen als Endverbraucher. „Das neue Multifrequenzecholot erlaubt es uns beispielsweise, die Fischbiomasse ohne Netzfänge abzuschätzen. Dazu mussten wir bisher viele Fische fangen und ihre Länge einzeln mit dem Messbrett bestimmen“, erläutert der Sylter Küstenforscher PD Dr. Harald Asmus die Vorteile der neuen Messtechnik. „Ohne in das Ökosystem einzugreifen können wir jetzt die Ansprüche einzelner Arten und ihr Zusammenspiel untersuchen. Das liefert uns die Grundlage für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer“, so der Biologe.

Der Comupterarbeitsplatz im Labor auf der Mya II. Hier laufen die Daten zusammen und können direkt an Bord analysiert werden. (Bild: Mehrtens, AWI)Auch der wissenschaftliche Nachwuchs wird das neue Werkzeug der Küstenforschung nutzen. Studierende von nationalen und internationalen Universitäten sind regelmäßig zu Gast auf Sylt. Ebenso wie Teilnehmer an Graduiertenschulen, Praktika und Sommerschulen, lernen sie an Bord den Umgang mit modernen ozeanographischen Geräten kennen. Bis in flache Priele bringt das motorisierte Beiboot diejenigen, die sich für Prozesse im Flachwasser und auf den Wattflächen interessieren.

„Damit das Wattenmeer möglichst wenig durch Forschungsaktivitäten belastet wird, haben wir beim Bau der MYA II großen Wert auf umweltfreundliche Technik gelegt“, sagt AWI-Direktorin Prof. Dr. Karin Lochte. Der Schiffsneubau im Wert von 4,5 Millionen Euro verfügt neben einem Partikelfilter über eine Abgasreinigungsanlage, die den Motorabgasen Stickstoffoxide (NOx) entzieht. Damit liegen die NOx-Emissionen der MYA II rund 85 % unter dem heutigen Grenzwert. Weiterhin wurde ein umweltfreundlicher Schiffsanstrich verwendet und eine Fremdstromanlage zum Korrosionsschutz des Rumpfes installiert, die toxische Zinkanoden ersetzt. Weder Abwasser noch ölhaltiges Bilgenwasser aus dem Maschinenraum gelangt ins Meer, sondern wir im Hafen entsorgt. Dr. Ralf-Rainer Braun, Mitglied der Jury Umweltzeichen freut sich über die Auszeichnung: „Die MYA II zeigt, dass ein Mehr an Umweltschutz beim Schiffsbau möglich ist. Wir hoffen, dass der Blaue Engel der MYA II Vorbildfunktion für weitere Forschungsschiffe haben wird.“


Quelle:  Alfred-Wegener-Institut, August 2013