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ISPOL-Logbuch2: 11. November 2004

erstellt von Lutz_Peschke zuletzt verändert: 23.08.2007 14:45

Es gibt Rituale auf Polarstern, die sich in über zwanzig Jahren Eisfahrt verfestigt haben: Der erste Eisberg einer Fahrt wird von der Brücke ausgerufen und mit großem Hallo begrüßt.

Unser erster lugte am 10.11. querab Steuerbordseite über den Horizont, 48.5 Grad südlicher Breite, 5.26 Grad östlicher Länge, ein unscheinbarer Krümel, aber ein Vorbote und damit größter Aufmerksamkeit sicher. Acht...und...vier...zig Grad! Das ist Ruhrgebiet auf der Nordhalbkugel, und die raunende Bemerkung lag nahe: "Wenn der Golfstrom tatsächlich kollabiert, dann haben wir die Dinger auch im Ärmelkanal. Oder doch nicht?"

Ozeanographie und Großklima sind komplizierter und weniger griffig als die einschlägigen Schlagzeilen; das wird auch diese Fahrt bestätigen. Die Eisberge zum Beispiel, die schon wenige Dutzend Seemeilen weiter südlich zu unseren ständigen Begleitern werden, driften nicht einfach durch die Gegend sondern folgen bestimmten Zugstraßen, die von ISPOL 2004/2005 genauer erforscht werden sollen. Verlassen diese Abbrüche des antarktischen Eispanzers den großen Weddellwirbel, der sie schließlich hinaustreibt in den Antarktischen Zirkumpolarstrom (ACC), oder machen einige bis zu ihrem natürlichen Tod im Meer die große Rundreise mehrfach, gefangen in einer riesigen rechtsdrehenden Strömung?

Doch vorerst konzentriert sich das Interesse auf eine naheliegendere Frage, eine, die jeden auf Polarstern sehr unmittelbar betrifft. Was ist mit der angesagten Sturmfront, die sich südwestlich von uns (...also in Fahrtrichtung!) aufgebaut hat. Das Satellitenfoto zeigt genial gekringelte Wolkenwirbel, von denen sich die Ahnungslosen ein Erlebnis, die Erfahrenen eine durchaus verzichtbare Rüttelkur erwarten. Bange Frage: Müssen alle Geräte "nachgelascht" (speziell verschnürt) werden? Kapitän Pahl beschließt, das Tief südlich zu umfahren. Statt der langen Geraden, die mitten hinein geführt hätte, zwei annähernd rechtwinklig angeordnete Katheten, in deren Schnittpunkt die Insel Bouvet liegt. Ein unerwartetes Geschenk. Diese entlegenste Insel aller Weltmeere (54.25 Grad südliche Breite, 3.21 Grad östliche Länge) umweht der Mythos der verlorenen Insel. Die gebirgige Lava-Schuppe des Amerikanisch-Antarktischen-Rückens, die bis zu 870 Meter über die Meeresoberfläche aufragt, wurde am 1. Januar 1739 von Monsieur Bouvet de Lozier beschrieben und war dann lange unauffindbar. Bouvet nannte die Fels- und Eisbastion im Meer "Beschneidungsinsel" (der 1. Januar soll der Beschneidungstag Jesu gewesen sein). Geblieben ist von dem etwas bemüht klingenden Namen nur das "Bescheidungskapp", der vorspringenden Nordwestzipfel der Insel. Das Stück Land versank buchstäblich für etliche Seefahrergenerationen im Nebel, und noch auf den heute gebräuchlichen Seekarten finden sich die Insel-Umrisse falsch verzeichnet. Am 23. Januar 1938 erklärte die Norwegische Krone das unbesiedelte Eiland zu seinem Eigentum. Bisher hat niemand widersprochen. Die Norweger unterhalten einen Biwakcontainer in spektakulärer Steillage für gelegentliche Forscher-Eremitagen; und wer hier messen will oder Proben nehmen, braucht eine Genehmigung aus Oslo.

Uns präsentiert sich Bouvet - die angeblich immer Nebelige - in der Vorbeifahrt als Rhapsodie in Eis, Meerblau und Sonne. In der Annäherung, von fern betrachtet, verschwimmt eine linsenförmige Riesenwolke mit dem Gletscherrücken und verhüllt die Konturen. In der Vorbeifahrt zeigt sich ein Verbund aus sanft gewellten Eisrücken und schroffen Felsabstürzen. Gestrandete Eisberge aller Größen und Farben, die auf Bouvets kleinem Schelf aufsitzen, arrangieren einen Skulpturengarten: im Hintergrund der verhüllte Reichstag von Christo, davor liegt ein Drachenkopf im Wasser, dem das polare Meer Riefen in die Haut geschlagen hat. Zügelpinguine haben hier ihren Lieblingsplatz kackbraun markiert. Blaue Natur-Eisbojen, die von innen erleuchtet scheinen, flankieren den Durchlass des Meeres an die Inselkliffs. Und so als brauchte der Superlativ noch eine Steigerung, zerstäubt der Blas eines Wales über den Wogen. Auf Augenhöhe an der Reling vorbeifliegende Riesensturmvögel, Albatrosse, Arktische Seeschwalben und andere - denen einige Kenner auf der Brücke emsig im Bestimmungsbuch hinterher blättern - wecken foto-amateurlichen Ehrgeiz. Und dazu ein Stoßgebet: Danke, lieber Sturm! Auch wenn du mich demnächst über eine Kloschüssel gebeugt findest: Ohne den von dir angestoßenen Kapitäns-Entschluss zur Kursänderung hätte ich ihn nicht entdeckt, den magischen Pol. Letzter Blick zurück. Bouvet schwebt auf einem Dunstschleier, der sich um die kalte Küste legt. Darüber bläut ein unverschämt blauer Himmel. Und das alles im Vorfeld von diesem ominösen Tief ...? Kann das stimmen? Satellitenbilder lügen nicht.

Nur wenig nach diesem Sonntagserlebnis (Donnerstag ist traditionell Sailor`s Sunday!) stecken die Eisalgenspezialisten auf dem C-Deck die Köpfe zusammen, finden souverän von Panorama zurück in die Welt der Millimys. Respekt!

Dieser "ice turn" wird viele harte Tage haben. Und wie um das zu bekräftigen verweist der Bord-Meterologe Klaus Buldt auf das Barometer. "Im freien Fall, unser Tief hat schon heftig angeklopft! Trotzdem: Gute Nacht allerseits."

Claus-Peter Lieckfeld